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München - Steffen Baumgart hört nach dieser Saison in Paderborn auf. Ohne viel Brimborium gab er das kürzlich bekannt. Jetzt spricht er im exklusiven SPORT1-Interview.

Steffen Baumgart ist ein Typ, der mit seiner Meinung nicht hinterm Berg hält. Rumeiern gibt es bei ihm nicht. Vergangene Woche verkündete der 49-Jährige, dass er seinen im Sommer auslaufenden Vertrag nach vier Jahren beim SC Paderborn nicht verlängern wird. Geräuschlos, gradlinig und ohne Spekulationen. So ist Baumgart.

Im ersten Interview nach seiner Abschiedsverkündung spricht er bei SPORT1 über die Trainerbranche, Ausstiegsklauseln und verrät, was ihn nervt.

SPORT1: Herr Baumgart, warum hören Sie im Sommer in Paderborn auf?

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Steffen Baumgart: Es gab keine Querelen, da wird oft etwas reininterpretiert. Ich habe einfach für mich die Entscheidung getroffen, nach vier Jahren etwas Neues zu machen. Ich habe das Glück, dass ich meinen Vertrag bis zum letzten Tag erfüllen darf. Das ist im Trainerjob nicht immer selbstverständlich. Und da habe ich mich einfach für einen neuen Weg entschieden. Ich bin mit allem zufrieden und hätte auch ohne Bauchschmerzen wieder verlängern können, aber ich glaube, dass der Fußball mir noch viel geben kann.

SPORT1: Wie blicken Sie zurück?

Baumgart: Es war eine sehr erfolgreiche, schöne und spannende Zeit. Wir haben nicht nur sportlich etwas erreicht, sondern auch wirtschaftlich. Wir sind einer der wenigen Vereine, der mit schwarzen Zahlen durch die Coronakrise gekommen ist. Als Trainer sieht man das natürlich von zwei Seiten, wir hätten durchaus mehr investieren können. Wir haben den Klub von einem Fast-Bankrott auf solide Beine gestellt. Es gab Erfolge, die nicht jeden Tag passieren. Wir kamen regelmäßig im Pokal sehr weit und haben uns in der Liga ein eigenes Gesicht bewahrt. Paderborn steht für eine eigene Art von Fußball. Da bin ich stolz, dass wir das in den vier Jahren geschafft haben.

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SPORT1: Vier Jahre sind in einer Trainerkarriere eine kleine Ewigkeit. War das ruhige Paderborn für Sie eine Glücksoase oder warum hat das so gut gepasst?

Baumgart: Es wurde passend gemacht, weil vieles einfach gut lief. Wenn du aus dem Nichts kommst und zwei Mal hintereinander aufsteigst, den Ärger mit dem Fast-Zwangsabstieg verdauen musst, dann ist es immer eine Frage, wie viel Ruhe im Verein herrscht. Mit Markus Krösche und Martin Przondziono gab es zwei Sportchefs, die mit mir vertrauensvoll zusammengearbeitet haben. Auch auf Fabian Wohlgemuth trifft das zu. Es konnte sich in Ruhe etwas entwickeln und das führte dazu, dass ich als Trainer länger an einem Ort bleiben durfte.

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SPORT1: Ihr Name wurde zuletzt bei der Trainersuche auf Schalke auch genannt. Das hätten Sie gerne gemacht, oder? (Spielplan und Ergebnisse der Bundesliga)

Baumgart: Schalke ist immer noch die größte Herausforderung, die du im deutschen Fußball haben kannst. Wenn man über so etwas nachdenkt und das wurde schon reininterpretiert, dann musst du erst mal Gespräche führen. Und es gab keinen Kontakt zu Schalke, also auch kein Interesse an meiner Person. Jetzt gibt es schon das nächste Gerücht um einen Klub, bei dem ich für die neue Saison gehandelt werde.

"Was ist Schalke, wenn keine Herausforderung?"

SPORT1: Sie sehen Schalke weiter als größte Herausforderung im deutschen Fußball? (Die Tabelle der Bundesliga)

Baumgart: Ja klar. Was ist Schalke, wenn keine Herausforderung? Damit meine ich jetzt nicht die finanzielle Sicht, den drohenden Abstieg oder eine neue Mannschaft, sondern insgesamt. Ich glaube auch nicht, dass ich da mit meiner Meinung alleine bin.

SPORT1: Mit dem nächsten Gerücht meinen Sie den 1. FC Köln. Dort wurde am Sonntag Markus Gisdol entlassen.

Baumgart: Richtig. Aber auch da gibt es keine Anfrage und keine Gespräche bezüglich einer Zusammenarbeit ab Sommer. Für mich ist es gerade schwierig, weil ich ein komisches Gefühl habe. Ich werde da wie eine Kuh durchs Dorf getrieben. Und das will ich vermeiden. Es wird sicher Gespräche mit Klubs geben, aber ich bin mir sicher, dass es mit denen, die in den Medien am lautesten gehandelt werden, am Ende am wenigsten etwas wird. Schalke war kein Thema und Köln ist gerade auch keins.

SPORT1: Zumal feststeht, dass Friedhelm Funkel den FC bis Sommer trainieren wird.

Baumgart: Genau. Es tut mir leid für Gisdol, dass es am Sonntag doch zur Trennung kam. Es ist immer schwierig, wenn du als Trainer aktuell irgendwo arbeitest und dann jede Woche hörst, wer alles deinen Job will. So war das zuletzt bei ihm. Das finde ich etwas schwierig, um es vorsichtig auszudrücken. Er hat sicher alles getan, um den FC in der Liga zu halten.

SPORT1: Würde Sie der 1. FC Köln reizen?

Baumgart: Mich reizt ab Sommer eine neue Aufgabe. Das kann auch im Ausland sein und ist nicht liga-abhängig. Das hat nichts mit Namen von Klubs zu tun oder mit schönen Städten. Man muss sich nur anschauen, wo deutsche Trainer überall unterwegs sind. Ich beschäftige mich schon auch mit ganz anderen Möglichkeiten. Erst, wenn eine Anfrage kommt, wird es interessant.

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SPORT1: Aber ein Anruf aus Köln würde Sie nicht kalt lassen, oder?

Baumgart: Ich bin Trainer und das ist wie S04 ein Verein mit einer großen Vergangenheit. Natürlich sind das Herausforderungen. Aber es sind keine, mit denen ich mich aktuell beschäftige. Das lohnt nicht. Aktuell bin ich in Paderborn und da haben wir noch einige Aufgaben zu lösen.

Rose zum BVB "eine Win-win-Situation" 

SPORT1: Ihr Kollege Marco Rose hat schon mit anderen Verantwortlichen gesprochen, obwohl er noch bei Borussia Mönchengladbach unter Vertrag steht. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Baumgart: Da Marco in seinem Vertrag eine Ausstiegsklausel hatte, die auch vom Verein abgesegnet wurde, ist das nichts Negatives für beide Seiten. Das ist eine Win-win-Situation. Marco hat eine tolle Arbeit abgeliefert, macht das immer noch und bringt dem Klub nicht nur über seine Ablöse Geld, sondern auch über die Entwicklung von Spielern. Mit Borussia Dortmund kam dann ein anderer Verein, der ihm andere Möglichkeiten bietet. Warum zeigt man dann mit dem Finger auf uns Trainer, wenn solche Verträge gemacht werden? Wenn wir vom Hof gejagt werden, kräht kein Hahn nach uns.

SPORT1: Aber er wollte in Gladbach etwas aufbauen ...

Baumgart: Marco hat eine Entscheidung getroffen und das macht jeder andere in seinem Arbeitsleben auch. Ich kenne so viele Menschen in meinem Umfeld, die den Arbeitgeber gewechselt haben - sei es wegen mehr Geld, besserem Image oder Aufstiegsmöglichkeiten. Und bei Trainern darf sich jeder dazu äußern, ob es richtig oder falsch ist. Wenn diese Verträge mit Klauseln auf dem Tisch liegen, ist das legitim. Wenn eine der Parteien das nicht möchte, werden sie sicher nicht reingenommen.

SPORT1: Hatten Sie mal eine Ausstiegsklausel?

Baumgart: Ja, in Paderborn. Aber ich habe sie nicht gezogen. Ich finde das Gerede um diese Klausel unpassend.

In seinem Element: Steffen Baumgart startete seine Trainerkarriere begann er 2008 als Assistenzcoach bei Germania Schöneiche
In seinem Element: Steffen Baumgart startete seine Trainerkarriere 2008 als Assistenzcoach bei Germania Schöneiche © FIRO/FIRO/SID

"Da ruft keiner nach einer Ausstiegsklausel"

SPORT1: Aber es nimmt Überhand, finden Sie nicht?

Baumgart: Fußballer verdienen viel Geld und wenn sie keine Leistung mehr bringen oder dem Trainer nicht passen, werden sie ausgeliehen oder der Vertrag wird aufgelöst. Aber es arbeitet keiner mehr mit ihnen. Warum? Weil du keine Zeit mehr hast. So geht es Trainern auch. Wenn man wie Marco die Chance auf eine Weiterentwicklung hat und der Vertrag gibt es her, dann ist das in Ordnung. Das Negative kommt von außen rein. Es gibt mit Daniel Thioune beim HSV gerade einen Trainer, der in der Schusslinie steht. Was ist denn mit diesem Kollegen, da ruft keiner nach einer Ausstiegsklausel. Aber Fans dürfen sich zu Wort melden wie im Fall von Marco.

SPORT1: Wie meinen Sie das?

Baumgart: Ich finde es eine Frechheit, wenn Ultras oder deren Sprecher plötzlich eine Meinung kundtun, die gar nicht der Masse entspricht. Ich halte den Wechsel von Marco für einen in unserer Branche ganz üblichen Schritt. Nur, wenn sich dann irgendwelche Leute hinstellen und denken ihre Meinung ist die Meinung aller, dann sage ich: 'Das ist nicht so.' Ich würde diese Menschen gerne mal fragen, wie oft sie den Job gewechselt haben aufgrund einer verbesserten Situation.

SPORT1: Aber wenn ein Trainer sagt, er möchte gerne etwas aufbauen und wechselt dann bei der erstbesten Gelegenheit, bekommt es einen unguten Beigeschmack. Oder?

Baumgart: Nein. Das ist, wie wenn jemand heiratet und sagt: 'Ich bleibe das ganze Leben mit der jungen Dame oder dem jungen Herrn zusammen - bis der Tod uns scheidet.' Doch nach zwei Jahren geht man getrennte Wege. Da wird auch ein Vertrag geschlossen. Die meisten Menschen kriegen das nicht hin, ich bin glücklich, dass ich diesen Vertrag bisher sehr gut erfüllen kann.

„Die beiden können das auch alleine untereinander klären“

SPORT1: Sie bekommen auch mit, was beim FC Bayern gerade los ist. Sie zerfleischen sich selbst. Was sagen Sie dazu?

Baumgart: Hansi Flick macht einen tollen Job. Und trotzdem gibt es da immer Veränderungen. Warum dort jeder Satz hochgepusht wird, weiß ich nicht. Ich glaube nicht, dass es nur an Flick und Salihamidzic liegt. Die beiden könnten das auch alleine untereinander klären. Die Bayern sind nach wie vor das Aushängeschild in der Champions League. Sie können in Europa den großen Mannschaften Paroli bieten. Flick hat eine Aufgabe, er muss den FC Bayern auf Erfolgskurs halten.

SPORT1: Können Sie Flick verstehen, der immer dünnhäutiger wird und nur noch "Nächste Frage" antwortet, wenn ihn Reporter zu seiner Zukunft befragen?

Baumgart: Ich verstehe Flick da zu 100 Prozent. Wenn er nur gefragt wird, ob er mit seinem Sportvorstand schon Kaffee getrunken hat, sagt er natürlich "Nächste Frage!". Es ist eine Frechheit, was er sich da immer anhören muss. Flick lässt sich nicht provozieren. Es geht nämlich nicht mehr um Fußball, sondern nur noch um andere Dinge. Was soll er antworten zu Themen, die er selbst noch gar nicht weiß. Da muss man sich nicht wundern, wenn wir den Fußball immer mehr in eine komische Richtung bringen und es darum geht, ob jemand ein grünes oder rotes Auto fährt. Es geht oft nur noch um Skandale und wer mit wem nicht kann. Da werden Trainer vorgeführt wie mein Kollege in Nürnberg.

SPORT1: Sie meinen Robert Klauß. Sein Taktik-Kauderwelsch war aber auch schwer verständlich.

Baumgart: Ich habe verstanden, was er erzählt hat. Da wurde sich lächerlich drüber gemacht, das fand ich beschämend. Es geht immer weniger um Fußball.

SPORT1: Beim Zoff zwischen Flick und Salihamidzic geht es auch um Transfers. Welches Mitspracherecht hatten Sie immer?

Baumgart: Grundsätzlich haben wir immer alles besprochen, es geht um die Entwicklung des Vereins. Ich finde es wichtig, dass die Bosse da auch immer das letzte Wort haben. Natürlich soll der Trainer seine Meinung zu Spielern geben. Oft ist es leider so, dass Profis nach Trainer-Entlassungen keine Rolle mehr spielen und nur noch teuer sind. Trainer und Sportvorstand müssen in der Kommunikation klar miteinander sein.

"Muss mich vor keiner Herausforderung verstecken"

SPORT1: Das Trainerkarussell nimmt Fahrt auf. Würden Sie sich einen Champions-League-Klub zutrauen?

Baumgart: Als ich nach Paderborn kam, wusste ich nicht, ob mir alle die 3. Liga zutrauen würden. Dann haben wir es bis in die Bundesliga geschafft. Wenn so eine Herausforderung kommen würde, was ich nicht glaube, könnte ich mir schon vorstellen, es zu machen. Ich habe mir als Spieler viel zugetraut, da hat man versucht, mir Grenzen zu setzen. Zu meiner aktiven Zeit habe ich einige Zeit in der Bundesliga verbracht. Ich bin mir sicher, dass ich Fußball gut kann. Ob ich ein guter Trainer bin, müssen andere bewerten. Ich muss mich vor niemandem und vor keiner Herausforderung verstecken.

SPORT1: Würden Sie auch mal etwas ganz anderes machen wollen?

Baumgart: Der Trainerjob ist mein Job. Du musst in deinem Fokus bleiben. Kümmere dich um das, was du beeinflussen kannst. Ich kann Meinung von außen nur durch Arbeit beeinflussen. Ich habe es vor Jahren mal versucht, etwas anderes zu machen, als ich keinen Trainerjob hatte, habe aber gemerkt, dass ich das nicht kann. Ich bin zu sehr im Fußball verwurzelt.

SPORT1: Wie denken Sie im Nachhinein über Ihre Ausraster wie zuletzt nach dem Pokalspiel gegen den BVB? Gab es da Ärger zu Hause von Ihrer Frau und den Kindern?

Baumgart: Das war kein Ausraster. Meine Familie weiß, wie ich bin. Bei uns ist ohnehin viel Action, bei uns geht es nicht gerade leise zu. Wenn mich jemand ausrasten sehen will, da gehört eine ganze Menge mehr dazu. Wer mich nach dem Pokalspiel gehört hat, der weiß, dass ich mir da schon auch Gedanken gemacht habe. Sonst wäre das ganz anders ausgegangen. In Paderborn gab es noch keinen Ausraster. Nach Fußballspielen bin ich weit weg davon. Ich komme relativ schnell runter und will dann auch wieder sachlich mit einer Situation umgehen.

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