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© SPORT1-Grafik: Philipp Heinemann / Getty Images
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München - Die Fan-Unruhen rücken beim Duell zwischen Dortmund und Leipzig in den Vordergrund. Die Polizei spricht von einem neuen "Hass-Gipfel". SPORT1 fasst zusammen.

Borussia Dortmund und RB Leipzig lieferten sich am Samstagabend auf dem Feld einen Schlagabtausch, der den Begriff Spitzenspiel verdiente.

Trotzdem rückte das sportliche Geschehen in den Hintergrund. Denn einige BVB-Chaoten gingen auf Leipziger Fans los und präsentierten Skandal-Plakate gegen RB und Ralf Rangnick.

SPORT1 beleuchtet, was passiert ist und welche Folgen drohen.

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- Was ist passiert?

Vor dem Spiel gingen Dortmunder Randalierer auf RB-Anhänger und Polizisten los. "Es ist mit allem geworfen worden, was den Leuten in die Hände kam", schilderte Polizei-Einsatzleiter Edzart Freyhoff bei Sky. "Eier, Müllbehälter und Steine sind geschmissen worden, leere Getränkekisten sind genutzt worden, um auf Kollegen einzuschlagen."

Zuvor hatte die Polizei mitgeteilt, dass bei den Krawallen unter anderem vier Polizisten und Polizistinnen verletzt worden seien - einer davon schwer. Über die Anzahl der verletzten Leipziger Anhänger lagen zunächst keine gesicherten Informationen vor. Mittlerweile hat die Polizei Kenntnis von sechs verletzten Gästefans.

Generell war die Stimmung vor dem ersten RB-Gastspiel in Dortmund von Feindseligkeit geprägt: BVB-Anhänger hatten vorab in der Stadt Schmähplakate angebracht und auch im Stadion viele beleidigende Banner gezeigt.

Ein besonders geschmackloses Transparent richtete sich gegen RB-Sportdirektor Ralf Rangnick: "Burnout-Ralle, häng Dich auf!" Rangnick war 2011 als Trainer von Schalke 04 wegen psychischer Probleme zurückgetreten. In der Halbzeitpause wurde zudem eine etwa 30 Zentimeter lange Metallstange auf den Platz geworfen.

- Was sagt die Polizei?

Die Polizei schilderte eine "extreme Aggressivität und Gewaltbereitschaft der Dortmunder Anhängerschaft gegenüber den Gästen". Diese habe sich gegen "jede als Leipzig-Fan erkennbare Person" gerichtet: "Egal, ob es sich um kleine Kinder, Frauen oder Familien handelte."

"In solche hasserfüllten Fratzen habe ich noch in keinem meiner Polizeieinsätze gesehen - ich bin schockiert", sagte Freyhoff. "Ich begleite die Mannschaften auch bei Auswärtsfahrten, da passiert auch einiges. Aber ein solch asoziales, widerliches Gewaltverhalten habe ich bisher nicht erlebt."

28 Strafanzeigen wurden unter anderem wegen Körperverletzung sowie Landfriedensbruch gestellt. Die Polizei erwägt aber Konsequenzen, beim nächsten Duell wolle man "mit deutlich mehr Hundertschaften im Einsatz sein". Man sprach sogar davon, dass sich neben dem Revierderby ein zweiter "Hass-Gipfel" entwickelt habe.

- Und die Fans?

Am Sonntag meldeten sich einige Augenzeugen zu Wort. "Auf einmal griffen die Dortmunder an, zogen den Mädels und Kindern die Fahnen und Schals weg und rissen alles kaputt", sagte ein Anhänger bei Sky: "Sie sind auch mit den Fäusten volle Möhre drauf. Was dort gestern abgelaufen ist, war der absolute Wahnsinn."

Ein Kollege sprach von einem "Spießrutenlauf. Das war einfach nur dumm. Ich weiß nicht, was das sollte." Ein weiterer Mann erklärte, dass die "Polizei total überfordert" gewesen sei. "Wir haben nur versucht, unsere Kinder zu schützen", sagte er.

Der RB-Fanclub Bornaer Bullen veröffentlichte einen offenen Brief an Hans-Joachim Watzke. Der BVB-Chef habe mit seinen Äußerungen im Vorfeld dazu beigetragen, Hass gegen den Aufsteiger zu schüren. "Sie stehen persönlich zumindest moralisch für Gewalt- und Hassexzesse Ihrer Anhänger gegenüber den RB Leipzig-Fans", heißt es in dem Brief.

Und die BVB-Fans? Zumindest distanzierten sich zahlreiche Anhänger in den sozialen Medien von den Aktionen ihrer Fan-Kollegen.

- Wie reagieren die Vereine?

Leipzig zeigte sich entsetzt über die Angriffe. Die Übergriffe von Dortmunder Fans seien "nicht tragbar und beschämend für ganz Fußball-Deutschland". Der Klub erwarte "von Herrn Watzke und Herrn Rauball, dass diese von mehreren Tätern verübten Vorfälle lückenlos im Interesse der gesamten Bundesliga aufgeklärt werden."

Die Borussia bedauerte die Ausschreitungen zutiefst und "verurteilt diese Gewalt aufs Schärfste". Man wolle die Vorfälle "gemeinsam mit der Polizei aufarbeiten". Am Sonntagnachmittag veröffentlichte der BVB eine von Rauball und Watzke unterschriebene Stellungnahme. "Wir möchten uns - auch im Namen der großen Mehrheit friedlicher BVB-Anhänger - ausdrücklich entschuldigen", hieß es.

- Was sagen die Experten?

Die Expertenrunde im Volkswagen Doppelpass zeigte sich erschüttert. "Das sind Verbrecher und Kriminelle", wetterte Reiner Calmund bei SPORT1. Der frühere Manager von Bayer Leverkusen meinte, dass diese Personen "nichts im Stadion zu suchen haben".

Auch Alfred Draxler von der Sport Bild verurteilte die Aktionen der Zuschauer. "Das war ein Skandal und unwürdig. In diesem Fall hat der BVB die schlechtesten Fans der Welt", sagte Draxler. In die gleiche Kerbe schlug SPORT1-Experte Thomas Strunz: "Das verurteile ich total."

- Gab es weitere Unruhen?

Zu allem Überfluss schoss RB-Boss Oliver Mintzlaff einen weiteren Giftpfeil in Richtung BVB.

"Viel mehr Kommerz als hier kann ich gar nicht finden, und das ist für mich fast Benchmark, was ich hier beim BVB sehe", sagte Mintzlaff, der sich mit seinem Klub immer wieder dem Kommerz-Vorwurf widersetzen muss: "Hier läuft das, was das Finanzielle angeht, nichts anders ab als bei anderen Bundesligisten."

- Welche Strafen drohen dem BVB?

Der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) wird aufgrund der beleidigenden Banner Ermittlungen aufnehmen. Die DFB-Sportgerichtsbarkeit kann nur Vorkommnisse im Stadionbereich selbst verfolgen, nicht aber Geschehnisse, die sich außerhalb der Arena zugetragen haben.

Der BVB selbst erklärte, man werde "alles daran setzen, das Fehlverhalten der eigenen Anhänger aufzuklären und im Rahmen der eigenen Möglichkeiten hart zu sanktionieren".

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