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München - Der FC Bayern setzt weiter darauf, dass Jupp Heynckes auch in der neuen Saison Trainer bleibt. Das Problem: An dieser Frage hängen viele andere offenen Entscheidungen.

Der FC Bayern will die Absage von Jupp Heynckes nicht akzeptieren.

Vielmehr intensivieren die Vereinsbosse ihr Werben um den Erfolgscoach, damit dieser doch noch seine bislang eindeutige Haltung ändert und über den Sommer hinaus in München bleibt.

"Es gibt diese Charmeoffensive von Uli Hoeneß - und wenn ich ehrlich bin, unterstütze ich die total", sagte Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge am Sonntag bei Sky: "Wir wären ja schlecht beraten, diesen Mann, der nicht nur ein guter Trainer ist, sondern auch ein wunderbarer Mensch, wenn wir den so ohne Weiteres kampflos aufgeben würden. Und das werden wir auch nicht tun."

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Allerdings richtet man sich beim Rekordmeister offenbar auf eine vielleicht noch Monate dauernde Zitterpartie ein, weil man dem absoluten Wunschkandidaten so lange wie möglich die Tür offen halten will.

Das Problem daran ist, dass fast alle wesentliche Fragen zur neuen Saison an der Trainerfrage hängen: Umbruch oder Übergang? Welche Spieler sollen bleiben, welche kommen, welche gehen?

SPORT1 gibt einen Überblick über die aktuellen Baustellen.

Bleibt Heynckes jetzt doch?

Eigentlich ist von Heynckes' Seite alles gesagt, weshalb er sich "nie mehr dazu äußern werde, da können Sie Kopfstände machen", wie er den Journalisten vor dem 3:1 in Leverkusen sagte.

Danach gab er aber doch ein paar Einblicke in seine Gefühlswelt. "Als Bundesliga-Trainer kann man nicht genießen. Man ist die ganze Woche mit Gegner-Analyse, mit Spielvorbereitung, Trainingsvorbereitung, mit Gesprächen, mit der Kommunikation mit Spielern und der Mannschaft beschäftigt", erklärte er.

Für Heynckes ist die aufreibende Aufgabe ein Fulltime-Job, aktuell nahezu ohne Freizeit. "Trainer beim FC Bayern, das muss man mit Haut und Haaren machen. Mit 55 wäre das kein Problem, aber ich werde dieses Jahr 73", sagte er im ZDF.

So weit, so klar? Offensichtlich nicht für seine derzeitigen Vorgesetzten. "Es ist nicht auszuschließen, dass Jupp Heynckes am 1. Juli noch auf der Trainerbank sitzt", glaubt jedenfalls Rummenigge.

"Wir haben entschieden, dass wir einen deutschen Trainer wollen. Jupp Heynckes wäre der idealste deutsche Trainer. Bei Jupp Heynckes muss man auch ein Stück diese Geduld haben. Man muss Jupp, ohne ihn zu drängen, mit der notwendigen Eleganz begleiten."

Wie lange will Bayern noch warten?

Anscheinend will man sich im Zweifel bis Saisonende Zeit lassen. "Es kann auch sein, dass wir dieses Mal nur ein oder zwei Monate vorher einen Trainer haben werden", kündigte Rummenigge an.

Möglicherweise würden die Überlegungen über den neuen "deutschen Trainer" tatsächlich erst in der Sommerpause konkret, wenn Heynckes endgültig abgesagt hätte.

Dann müsste sich der FC Bayern allerdings auf harte Verhandlungen und hohe Ablösesummen einstellen, denn die Kandidaten Nico Kovac, Ralph Hasenhüttl und Julian Nagelsmann stehen mindestens noch bis 2019 unter Vertrag, und kein Klub will so kurz vor Saisonbeginn seinen wichtigsten Angestellten verlieren.

Bliebe nahezu als einzige verfügbare Alternative Thomas Tuchel, dem Hoeneß angeblich sehr skeptisch gegenüber steht. Rummenigge dagegen offenbar nicht.

"Er ist ein sehr guter Trainer, das hat er speziell bei Borussia Dortmund bewiesen", meinte er bei Sky. "Schwierige Typen waren wir alle irgendwann mal."

Wann fällt eine Entscheidung bei Ribery und Robben?

Die beiden Publikumslieblinge möchten gerne bleiben, sportlich spricht trotz ihres Alters von bald 35 (Ribery) bzw. 34 Jahren sehr viel mehr dafür als dagegen.

"Die Frage ist doch immer, ob sie dir noch etwas bringen. Und das sollten sie können", sagte SPORT1-Experte Marcel Reif im CHECK24-Doppelpass. "Wenn Ribery und Robben bereit sind, auch mal auf der Bank zu sitzen, dann sollte man sie halten."

Doch genau davon ist man in der Führung nicht überzeugt. Die meisten Bayern-Trainer vor und nach Heynckes hatten genau deshalb immer wieder Probleme mit den beiden ehrgeizigen Außenstürmern, für die eine Auswechslung noch immer einer persönlichen Beleidigung gleichkommt.

Ein Jahr länger mit Spielerflüsterer Heynckes wäre also gleichbedeutend mit einem Jahr länger Rib und Rob - deshalb behindert die offene Trainerfrage auch die offenen Vertragsgespräche.

"Wir müssen abwarten, wie die Saison läuft. Da müssen wir Geduld bewahren und es wird möglicherweise erst spät eine Entscheidung fallen", erklärte Rummenigge.

"Wir müssen schon auch ein Stück über den Tellerrand hinausschauen. Ist es noch die richtige Entscheidung ein Jahr weiterzugehen oder die unpopuläre Entscheidung zu treffen, einen Umbruch einzuleiten."

Was ist mit Vidal und anderen Wackelkandidaten? 

Wie bei Robben und Ribery so laufen auch bei Sven Ulreich und Rafinha im Sommer die Verträge aus. Mit dem überzeugenden Ersatzmann von Manuel Neuer möchten die Münchner gerne verlängern. Ulreich muss daher entscheiden, ob er stattdessen nochmal als Nummer 1 bei einem anderen Verein angreifen will.

Bei Rafinha geht die Tendenz Richtung Abschied, schon in der Winterpause hatte der Brasilianer Angebote aus seiner Heimat vorliegen. Allerdings bewies der 32-Jährige am Freitag gegen Leverkusens Shootingstar Leon Bailey einmal mehr seinen Wert als erster Backup auf beiden Seiten der Viererkette.

Noch einen Vertrag bis 2019 besitzt Arturo Vidal, der allerdings nur noch im Sommer eine Ablösesumme einbringen würde. Einen Wechsel in der Winterpause schloss der Chilene nach der Partie in Leverkusen aus: "Ich bleibe hier, denn mein Traum ist es, mit Bayern die Champions League zu gewinnen."

Am Saisonende deutet aber momentan vieles auf einen Abschied hin, vor allem, wenn in den nächsten Tagen Leon Goretzka seinen erwarteten Wechsel nach München bekanntgeben sollte.

Allerdings zeigt sich auch bei Vidal die Trainerfrage als größter Unsicherheitsfaktor, denn Heynckes schätzt Vidal und Vidal schätzt Heynckes. Bayerns Zukunftsplanung droht zur Hängepartie zu werden.

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