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Der HSV steht nach dem 0:6-Debakel in München vor dem Absturz in die zweite Liga © SPORT1-Grafik: Davina Knigge/Getty Images/ Imago
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München - Nach dem 0:6-Debakel in München steht der Hamburger SV vor dem Sturz in Liga zwei. Die Spieler attackieren sich gegenseitig, der Trainer muss um seinen Job fürchten.

Die Frage ist ja inzwischen nicht mehr, ob der Hamburger SV seine Spiele verliert, sondern wie hoch er verliert. Zumindest wenn der Gegner FC Bayern heißt. 

Bei Gastspielen in München wurde der Traditionsklub in den vergangenen Jahren so oft abgeschossen, da war fast absehbar, was sich Buchmacher für die Partie am Samstag einfallen lassen würden.  

Ein Wettanbieter aus Norddeutschland bot Traumquoten für den Fall, dass der HSV eine zweistellige Niederlage kassiert. In der gegenwärtigen Verfassung des Klubs ist offenbar nichts mehr undenkbar. 

Es genügte ein kurzer Blick in den Spielertunnel der Allianz Arena, kurz vor 15.30 Uhr, und man wusste, wie es um den HSV bestellt ist. 

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Schon vor Anpfiff Angst 

Aaron Hunt, Sven Schipplock, Dennis Diekmeier, sie alle verkörperten Hoffnungslosigkeit und Angst. Angst vor der nächsten Klatsche. Diese Mannschaft, die neben den Bayern-Stars den Rasen betrat, wirkte bereits vor Anpfiff leblos. Um 15.53 Uhr war sie dann klinisch tot.

Bayern führte zu diesem Zeitpunkt bereits 3:0 und der bemitleidenswerte Dennis Diekmeier wurde von seinen Leiden erlöst. Ausgewechselt nach 23 Minuten. 

Ehefrau Dana Diekmeier postete kurz danach auf Instagram eine Story aus dem heimischen Wohnzimmer. Der Fernseher war ausgeschaltet, der Bildschirm schwarz. Ein ziemlich treffendes Stimmungsbild.

Schwarzer Bildschirm im Hause Diekmeier: Beim HSV ist alles zappenduster © Instagram Story/Dana Diekmeier

Nach der 0:6-Pleite ist beim HSV wohl endgültig alles zappenduster. Und die Spieler übertreffen sich bereits mit gegenseitigen Schuldzuweisungen. 

Schipplock attackierte seine Kollegen im NDR: "Viel schlimmer als gegnerische Fan-Gesänge ist die Einstellung bei einigen von uns - keine Ahnung wie so etwas möglich ist."

HSV nur noch ein Sparringspartner

Kapitän Gotoku Sakai ging noch weiter: "Wir wollen ganz andere Leistungen zeigen und nicht so einen unmännlichen Sport", sagte er. In Japan, dort wo Sakai herkommt, ist derlei Kritik die schlimmste aller persönlichen Abrechnungen. 

Sakai hatte auf dem Platz denselben Eindruck gewonnen wie die Zuschauer auf den Rängen: Dieser HSV ist sportlich kaum mehr als ein Sparringspartner. 

Nach 26 Spielen weist er die schlechteste Bilanz seiner Bundesliga-Historie auf. Mit dieser Zwischenbilanz hat noch nie eine Mannschaft den Klassenerhalt geschafft.

"Ab der 30. Minute", sollte Bayerns Mats Hummels später sagen, "haben wir Larifari gespielt". Ein Fazit nach einem 6:0-Heimsieg. Es sagte alles aus über die sportliche Wettbewerbsfähigkeit des Gegners. 

Bayerns Sportdirektor Hasan Salihamidzic, dessen Profikarriere einst in Hamburg begann, empfand sogar so etwas wie Mitleid. "Das zu sehen, ist nicht schön", sagte er bei SPORT1.

Zu diesem Zeitpunkt tat sich in den Katakomben der Arena bereits ein neuer Hamburger Konflikt auf. Bernd Hollerbach, erst vor wenigen Wochen als Retter auserkoren, verkörpert mittlerweile den sportlichen Niedergang des Vereins. 

Keines seiner sieben Spiele mit dem HSV hat er gewonnen. Von der Arbeit des Trainers sind bislang am meisten Ausflüchte, Phrasen und jede Menge Durchhalteparolen in Erinnerung geblieben. Immerhin war er nach außen hin stets auf Linie mit den Entscheidern im Verein.

Muss auch Hollerbach vorzeitig gehen?

Dass die Planungen über die künftige Ausrichtung der Mannschaft an ihm vorbei laufen, hat er von Anbeginn akzeptiert. Auch die Entlassung von Sportchef Jens Todt und Vorstandsboss Heribert Bruchhagen zwei Tage vor einem Bundesligaspiel beim FC Bayern hat er klaglos hingenommen. 

Doch damit war nach dem 0:6 Schluss. "In den letzten Wochen ist schon viel Unruhe", sagte Hollerbach, "ich bin eigentlich keiner, der nach Ausreden sucht, aber in dem Fall ist es schon viel, was auf die Spieler einprasselt". Deutliche Kritik am Krisenmanagement der Bosse. 

Dass der Trainer die so kurz nach einem sportlichen Debakel äußerte, könnte noch mal eine Rolle spielen für seine eigene Zukunft. Der neue Aufsichtsratsboss und Präsident Bernd Hoffmann gilt nicht unbedingt als Befürworter des Trainers. Hollerbachs bisherige Leibgarde wurde in dieser Woche gefeuert. 

Es ist nicht ausgeschlossen, dass auch der Coach gehen muss. Argumente für seine Entlassung hat Hollerbach den Entscheidern an diesem Wochenende allemal geliefert. 

Wiederholt sich die Geschichte?

Wer will, kann es in diesem Zusammenhang als schlechtes Omen werten, dass schon mal ein HSV-Trainer nach einem 0:6 in München freigestellt wurde: Armin Veh 2011. Wiederholt sich jetzt die Geschichte?

In Co-Trainer Rodolfo Cardoso stünde zumindest jemand bereit, der die Mannschaft bis Saisonende betreuen - und damit wohl das Kapitel erste Liga beenden könnte.

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Ob er es begrüße, wenn seine Zukunft jetzt bald geklärt würde, wurde Hollerbach am Samstagabend noch gefragt. Seine Antwort: "Das wäre sinnvoll."

Ein Satz, den man in seiner Situation so oder so deuten kann. 

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