Ballack: "Bayern müssen am Kader etwas machen"
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München - Michael Ballack spricht bei SPORT1 über die Krise des FC Bayern und den BVB. Den Münchnern rät er zu Transfers. Eine flache Hierarchie lehnt der Ex-DFB-Kapitän ab.

13.963 Minuten: Michael Ballack stand in seiner Karriere für keinen Verein so lange auf dem Platz wie für den FC Bayern - obwohl er beim FC Chelsea mit 167 Einsätzen zehn Pflichtspiele mehr absolvierte als bei den Münchnern.

Im SPORT1-Interview spricht der ehemalige DFB-Kapitän über die Krise bei seinem Ex-Klub, dem er Neuverpflichtungen ans Herz legt (Champions League: FC Bayern - AEK Athen, Mi. ab 21 Uhr im LIVETICKER, alle Infos ab 20.45 Uhr auch im Fantalk im TV auf SPORT1). Borussia Dortmund lobt der inzwischen 42-Jährige. Grundsätzlich wünscht sich Ballack als frühere Leitfigur wieder klarere Hierarchien in den Mannschaften.

SPORT1: Herr Ballack, Der FC Bayern steckt nach wie vor in einer Krise. Ist die Situation von außen betrachtet derart gravierend?

Michael Ballack: Die Diskussion ist ein bisschen verschärft, weil Bayern in den letzten Jahren so dominant war und in der Bundesliga einen großen Abstand hatte. Es war auch beeindruckend, wie souverän und früh sie die Liga gewonnen haben und damit über vielen Dingen erhaben waren. Kritik kam da nicht auf. Wenn man diese Souveränität vermissen lässt, kommen Kritik und Fragen auf. Dem müssen sie sich stellen und mit Siegen antworten.

SPORT1: Es herrscht auf vielen Ebenen Ratlosigkeit. Die Spieler wirken verunsichert. 

Ballack: Die Verantwortlichen arbeiten täglich mit den Spielern zusammen und wissen, in welcher Verfassung sie sind. Die Bewertung erfolgt immer nach dem Spiel. Die Ergebnisse und auch die Leistungen stimmen nicht immer, nachdem sie eigentlich gut gestartet sind und viele gesagt haben, es würde unter dem neuen Trainer schnell greifen. Dass es relativ schnell abfällt, ist ein bisschen überraschend. Bayern hat aber Top-Leute im Kader, um das wieder in den Griff zu kriegen.

Braucht Bayern einen Leitwolf? "Weiß nicht, ob das noch gewünscht ist"

SPORT1: Fehlt im Kader ein Leitwolf wie Mark van Bommel oder Stefan Effenberg?

Ballack: Ich weiß nicht hundertprozentig, ob das noch gewünscht ist, wenn ich mir grundsätzlich Mannschaften ansehe. Wenn sie zusammengestellt wird, sieht man immer häufiger, dass auf das Teambuilding geachtet wird, die Mannschaft im Vordergrund steht und Trainer eine noch größere Wertschätzung bekommen. Taktische Vorgaben werden in den Mittelpunkt gestellt. Früher haben Spieler relativ viel selbst auf dem Platz entschieden und Lösungen gefunden, weil sie eine gewisse Selbstständigkeit entwickeln durften. Diese Entwicklung hat sich im Fußball ein wenig verschoben. Man fragt dann ganz schnell: Wo sind die Lösungen? Die Grundlagen müssen stimmen. Wenn du nicht hundertprozentig fit bist, bestimmte Systeme zu spielen, muss ich mir bei der Zusammenstellung meines Kaders Gedanken machen.

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SPORT1: Trifft genau das auf die Bayern zu?

Ballack: Ich glaube nicht, dass der FC Bayern dieses Problem unmittelbar hat. Die Klasse der Spieler ist da und sie haben ein paar Verletzungssorgen, die sie in den Griff bekommen müssen. Dennoch müssen sie sich auch der Aktualität stellen und vielleicht auch etwas am Kader machen. Es gibt aber die Leute, die dafür die volle Verantwortung tragen.

SPORT1: Der Typ Ballack ist offenbar nicht mehr gefragt. Wie betrachten Sie diese Entwicklung?

Ballack: Man sollte das nicht verallgemeinern. Es ist ein natürlicher Prozess, der sich innerhalb einer Mannschaft entwickelt. Es kristallisieren sich Spieler heraus, die das übernehmen wollen und dürfen. Es ist wichtig, diesen Spielertypen auch zu unterstützen. Es geht im jungen Alter los, dass man Charaktere nicht verstellt oder versucht, sie in eine gewisse Richtung zu drängen. Für eine Ausbildung ist das wichtig. In schwierigen Phasen sind diese Typen gefragt. Dann gibt es unbequeme Sachen, die man ansprechen muss. Aus verschiedensten Gründen trauen sich das nicht mehr so viele. Das sollte aber weiterhin erlaubt sein. Es ist wichtig, solche Typen in der Mannschaft zu haben. Man sollte als Vorgabe darauf achten, dass es weiterhin hierarchische Unterschiede in einer Mannschaft gibt.

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Ballack über BVB: "Gesundes Umfeld, erfolgreich und attraktiv"

SPORT1: Borussia Dortmund begeistert mit einer jungen Offensive. Überrascht Sie der Lauf?

Ballack: Der BVB hat ein gesundes Umfeld, ist gut aufgestellt und hat einen neuen Trainer, der eine Respektsperson ist. Die Spieler schauen zu ihm auf, akzeptieren ihn und lernen schnell. Dass sie Top-Spieler haben, ist das A und O. Sie können technisch auf einem hohen Niveau spielen und sind damit nicht nur erfolgreich, sondern spielen auch attraktiv. Dortmund ist mit weniger Druck in die Saison gegangen als Bayern. Momentan läuft es sehr gut. Man muss abwarten, wie es mit Verletzungen aussieht oder wie sich die Erwartungshaltung entwickelt. Das sind Faktoren, die Borussia Dortmund kennt. Es ist eine junge Mannschaft, die in einer neuen Situation ist, Man muss abwarten, was die Saison bringt.

SPORT1: Wie würden Sie den deutschen Fußball von außen betrachtet beschreiben?

Ballack: Bei der WM haben wir uns nicht so toll präsentiert. Das war überraschend. Demzufolge haben wir etwas gutzumachen. Ich glaube aber, dass wir dazu in der Lage sind, weil wir weiterhin eine exzellente Mannschaft mit guten Spielern haben. Ein grundsätzliches Qualitätsproblem haben wir in Deutschland nicht.

SPORT1: Und auf Klubebene?

Ballack: Die Bundesliga ist ein weiterer Indikator, dazu natürlich die Europa und die Champions League, wo die Mannschaften wöchentlich zeigen, was sie drauf haben und sich international messen. Das sind Bestandsaufnahmen. Es ist noch früh in der Saison, aber die deutschen Mannschaften sind in der Champions League im Soll und machen ihre Sache auch in der Europa League ordentlich. Dass in der Bundesliga insgesamt wieder Spannung eingekehrt ist, liegt vordergründig natürlich daran, dass Bayern München ein bisschen schwächelt und Borussia Dortmund bisher einen eindrucksvollen Start hingelegt hat. Damit ist es attraktiv.

SPORT1: Denken Sie eigentlich daran, Sportdirektor, Trainer oder Präsident eines Vereins zu werden?

Ballack: Ich habe keine spezifischen Pläne. Solche Sachen entwickeln sich meistens aus Verbindungen, aus Beziehungen, aus Freundschaften heraus, manchmal auch zufällig. Wenn man in das Fußballgeschäft einsteigt, muss man auch ein sehr gutes Gefühl für die Aufgabe haben. Vieles muss passen, um die Grundlagen für den Erfolg zu schaffen. Es liegt weniger an meiner Person, sondern vielmehr an Leuten, die im Geschäft aktiv tätig sind. Man ist immer nicht selbst dafür verantwortlich. Es hat Gelegenheiten gegeben, aber es hat nicht ganz gepasst. Wenn das nicht gegeben ist, sollte man sich auch nicht irgendetwas verschreiben.

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