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München - Schalke 04 steht nach der Klatsche gegen Fortuna Düsseldorf vor einem Scherbenhaufen. Im SPORT1-Interview spricht eine Klub-Legende über die Lage.

Das Ergebnis war symbolisch für das königsblaue Dilemma. Es steht sogar im Namen: Schalke 04 verliert gegen Fortuna Düsseldorf mit 0:4.

Diese Leistung hat ganz Gelsenkirchen geschockt. Der Verein liegt am Boden. Platz 14 nach 24 Spielen. Abstiegskampf statt Ambitionen für Europa. Trainer Domenico Tedesco steht mehr denn je in der Kritik.

Im SPORT1-Interview spricht S04-Legende Klaus Fischer (295 Spiele für die Königsblauen) über den Coach, die Schalker Ultras, Ex-Sportvorstand Christian Heidel und dessen Nachfolger Jochen Schneider.  

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SPORT1: Herr Fischer, wie sehr blutet Ihr königsblaues Herz bei der aktuellen Situation auf Schalke?

Klaus Fischer: Ich leide sehr mit meinem Verein und habe Angst. Wenn man so lange bei diesem Klub war, dann nimmt einen das schon mit. Es ist hart, das mit anzusehen. Diese Saison wurde einfach katastrophaler Fußball gespielt. Die Tabelle lügt nie. Die Lage ist absolut negativ. Die Erwartungen, die in diesen Kader gesetzt wurden, sind bei weitem nicht erfüllt worden.

SPORT1: Was ist passiert?

Fischer: Es stimmt einfach vorne und hinten nicht. Es sind einige Spieler dabei, die in ihren früheren Vereinen tolle Leistungen gebracht haben, sonst hätte man sie nicht nach Schalke geholt. Aber bei uns enttäuschen sie völlig und zeigen nicht, was sie können. Der Mann, der dafür verantwortlich ist, ist nicht mehr da (Christian Heidel, d. Red.).

SPORT1: Was sagen Sie zum desaströsen Auftritt gegen Düsseldorf?

Fischer: Ich war im Stadion und der Auftritt war besorgniserregend. In keiner Phase des Spiels konnten wir mit den Düsseldorfern mithalten. Ich kenne die Mannschaft von Friedhelm Funkel (Fortuna-Coach, d. Red.) nicht so gut, aber sie hat in der Veltins Arena eine hervorragende Leistung gebracht. Da wurde mit Engagement und Herz zu Werke gegangen. Man hat gemerkt, dass sie unbedingt den Sieg wollten. Das war wirklich beeindruckend. Das war eine geschlossene Mannschaftsleistung.

Klaus Fischer: "Da hat Heidel Courage gezeigt"

SPORT1: Was wird jetzt aus Domenico Tedesco? Ihm droht das Aus.

Fischer: Er ist wirklich nicht zu beneiden. Das ist bestimmt die schwerste Phase in seiner noch jungen Trainerkarriere. Da steht eine hoch bezahlte Mannschaft auf dem Platz, die versagt hat, und er muss sich hinterher von den Fans beschimpfen lassen. Natürlich wird jetzt intern über ihn diskutiert. Es ist immer das Leichteste, den Coach zum Sündenbock zu machen und ihn dann zu entlassen. Eine ganze Mannschaft kann man schlecht rausschmeißen. Das müsste man nach dem Samstag. Die Situation ist ernst, weil Stuttgart gleichzeitig gewonnen hat. Jetzt hat Schalke zwei schwere Spiele vor der Brust - in Bremen und dann gegen Leipzig. Die Gefahr ist groß, dass man ganz unten reinrutscht. Ich hoffe, dass die Verantwortlichen einen kühlen Kopf bewahren.

SPORT1: Tedesco wurde am Wochenende mit einem Koffer abgelichtet, als er die Kabine verließ. Ein Zeichen, dass er seine Sachen schon gepackt hat?

Fischer: Nur, weil er mit einem Koffer aus der Kabine kommt, heißt das nicht, dass er entlassen ist. Da muss man abwarten. Es gibt auch ein Bild, auf dem ein Spieler (Amine Harit, d. Red.) mit einem Karton zu sehen ist.

SPORT1: Mike Büskens könnte Interimscoach werden, schreibt die Bild.

Fischer: Das weiß ich nicht. Ich kenne die Arbeit von Mike nicht, er ist mit Greuther Fürth in die Bundesliga aufgestiegen, das war ein großer Erfolg. Er hat Schalke natürlich auch im Herzen. Aber nochmal: Über ungelegte Eier zu diskutieren, bringt nichts. Ich habe auch gelesen, dass Huub Stevens Trainer werden soll. Aber er ist gesundheitlich angeschlagen, sagte, dass er kein Trainer mehr sein will, und das muss man so stehen lassen.   

SPORT1: Christian Heidel trat vergangene Woche zurück, sein Nachfolger heißt Jochen Schneider. Was sagen Sie dazu? 

Fischer: Bei Misserfolg werden Leute ausgetauscht, das wird auch in Zukunft immer so sein, nicht nur auf Schalke. Es war überraschend, dass Heidel sich nach dem Spiel in Mainz vor die Reporter stellte und das so offen verkündete. Aber es wird schon länger kein guter Fußball auf Schalke gespielt. Wer die Entscheidungen trifft, muss auch den Kopf dafür hinhalten. Da hat Heidel Courage gezeigt. Vielleicht war Schalke eine Nummer zu groß für ihn.

SPORT1: Kritiker sagten, er hätte die Mannschaft und den Verein im Stich gelassen. Oder hat er eher Größe gezeigt, indem er von sich aus gegangen ist?

Fischer: Was heißt im Stich gelassen? Am Ende der Saison wäre er sowieso weg gewesen, deshalb musste er jetzt handeln. Es war sehr konsequent von Heidel. Er war fast drei Jahre da. Im ersten Jahr war man Zehnter, dann Zweiter und jetzt steht der Klub ganz unten. Wenn ich mir die Ein- und Verkäufe anschaue, dann muss ich mich wundern. Es wurden rund 140 Millionen Euro ausgegeben, leider weiß ich nicht, wie viel Geld eingenommen wurde durch Spielerverkäufe. Heidel hat den Kader zu verantworten, das ist nun mal so. Er muss sich den Schuh anziehen.

"Auf Schalke waren immer zu schnell die Trainer die Schuldigen"

SPORT1: Domenico Tedesco trat nach dem Spiel am Samstag vor die Kurve. Es wirkte wie ein Abschied von den Fans. Die Spieler standen einige Meter hinter ihm und ließen ihn alleine. Wie bewerten Sie diese kuriose Szene?

Fischer: Viele Trainer wären nach so einem Spiel abgehauen und gar nicht dahin gegangen. Man hat gesehen, dass er den Mut und den Willen hat, sich zu stellen. Da hat er Größe gezeigt. Ich habe von vielen Seiten gehört, dass das gut ankam und dies eine tolle Reaktion war von Tedesco. Er hat im Fernsehen gesagt, dass er sich nicht verpisst, und das kam in dieser Szene ganz klar rüber. Er hat sich beschimpfen lassen und sich bei den Fans entschuldigt. Hut ab.

SPORT1: Glauben Sie, dass diese Szene die Bosse überzeugt hat, ihn weiter zu beschäftigen?

Fischer: Die Herren werden sicher Gespräche führen über die Situation des Trainers. Auf Schalke waren immer zu schnell die Trainer die Schuldigen und mussten dann gehen, gebessert hat sich danach aber wenig. Man kann auch nicht einfach den Trainer entlassen, weil der Sportvorstand nicht da ist. Und Schneider ist offiziell erst ab dem 14. März im Amt.

SPORT1: Tedesco sprach nach dem 0:4 von einer toten Mannschaft. Ist das nicht der Zeitpunkt, da die Bosse reagieren müssen?

Fischer: Die Jungs, die auf dem Rasen stehen, sind verantwortlich für die Leistung. Die Spieler müssen 100 Prozent für Schalke leben und dürfen sich nicht in die Hose machen, sondern müssen zeigen, dass sie Mumm haben. Schalke ist ein großer Verein, da ist es eine Ehre, dort Spieler zu sein. Jeder Einzelne verdient viel Geld und muss sich jetzt hinterfragen, was er für Schalke leistet. Das war ein Armutszeugnis gegen Düsseldorf. Wenn ich an meine Zeit zurückdenke, dann lief es auch mal schlecht, aber da gab es richtige Aussprachen, da hat sich keiner weggeduckt. Die Spieler müssen aggressiv in die Zweikämpfe gehen, kämpfen und rennen. Die Düsseldorfer sind viel mehr gelaufen als die Schalker. Wo leben die Spieler eigentlich? Jetzt muss Tacheles geredet werden. Es dürfen keine Ausreden mehr gelten.

SPORT1: Sollte Tedesco bleiben?

Fischer: Das kann ich nicht sagen, ich wünsche mir nur, dass wir in Bremen gewinnen. Es gibt auch Spieler, die mit dem Trainer zufrieden sind. Ich glaube nicht, dass in dieser Woche etwas passiert. Ich kann mir das nicht vorstellen, weil viele im Verein noch zum Trainer stehen. Also sollen sie gemeinsam Farbe bekennen und zusammen weitermachen.

SPORT1: Clemens Tönnies ist schon lange sehr ruhig.

Fischer: Der Tönnies kann machen, was er will. Prescht er nach vorne und mischt sich ein, beschweren sich einige und nehmen ihm das übel. Sagt er wochenlang gar nichts, ist das auch verkehrt. Was soll er machen? Der Mann hat viel zu tun. Er hat Heidel geholt, das hat am Ende nicht funktioniert. Da ist er sicher auch enttäuscht. Soll er den Trainer jetzt öffentlich anzählen? Jetzt hat Tönnies Schneider engagiert. Schneider ist ein sehr guter Man, so hörte ich. Er ist ein Mann, der im Hintergrund gearbeitet hat und viel Ahnung hat. Tönnies kann gerade nicht mehr machen, als sich das anzuschauen und abzuwarten. Intern wird er schon Klartext sprechen.

"Ultras haben überall Macht und es wird immer schlimmer"

SPORT1: Ein Problem könnte jetzt durch die Ultras entstehen, von denen am Samstag nach dem Spiel zwei Mitglieder auf den Platz kamen und von Benjamin Stambouli die Rückgabe der Kapitänsbinde gefordert haben. Das Verhältnis zwischen Fans und Mannschaft zerbricht gerade, wie gefährlich ist das?

Fischer: Ich muss ehrlich sagen, dass ich mit den Ultras nichts zu tun haben möchte und mich deshalb auch nicht weiter dazu äußere. Zu diesem Thema habe ich meine ganz eigene Meinung.

SPORT1: Haben Schalkes Ultras zu viel Macht?

Fischer: Ultras haben überall Macht und es wird immer schlimmer. Deshalb sage ich auch nichts weiter zu diesem Thema. Schalkes Ultras - und die in jedem Verein - sind gefährlich.

SPORT1: Wenn Tedesco bleiben sollte, was muss er ändern?

Fischer: Er muss eine Mannschaft finden, die über einen längeren Zeitraum zusammenspielt. Die Jungs müssen ein gutes Gefühl füreinander bekommen, kontinuierlich durchspielen. Ich hoffe, dass McKennie wieder fit wird und im Mittelfeld wieder spielen darf. Ein Konoplyanka muss vorne spielen, aber über einen längeren Zeitraum. Tedesco darf nicht gleich die Jungs wieder rausnehmen, wenn es mal nicht läuft. Es muss jetzt besser werden. Die ständigen Wechsel dürfen nicht sein.

SPORT1: Droht wirklich der Abstieg?

Fischer: Ich glaube nicht, dass Schalke absteigen wird. Die Saison ist aber gelaufen. Es sind nur vier Punkte bis zum Relegationsplatz und deshalb ist die Lage sehr ernst. Das Engagement muss viel besser werden. Hoffnung macht gerade nur der DFB-Pokal, in dem Schalke noch vertreten ist.

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