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München - Bei der Personalie Oliver Kahn wird deutlich, dass Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß nicht immer die gleiche Sprache sprechen. Das muss aber kein Nachteil sein.

Im Dezember 2007 brodelte es gewaltig im Titan.

In Cowboystiefeln marschiert Oliver Kahn zum Büro von Uli Hoeneß - und der Vulkan eruptierte.

"Ich habe voller Wut die Tür aufgerissen und den Manager bestimmt zehn Minuten nur angeschrien, zum Teil beleidigt. Es war so heftig, dass zwischendrin Frau Potthoff, seine Sekretärin, zur Tür kam und meinte: 'Was ist denn hier los?' Ich hab dann auf dem Absatz kehrtgemacht und bin grußlos weg", erzählte Kahn in der 2014 erschienenen Hoeneß-Biografie. Auch das kahnsche Opfer, erinnert sich.  

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"Oliver stand auf, die Tür hat gescheppert, dass man meinen musste, die Säbener Straße bricht zusammen. Meine Leute haben nachgeschaut, ob ich überhaupt noch lebe."

Hoeneß regiert beim FC Bayern

12 Jahre später erfreut sich der Bayern-Macher nach wie vor bester Gesundheit. Pumperlgsund ist der 67-Jährige - und nach wie vor der starke Mann beim FC Bayern. Womöglich mächtiger denn je.

Präsident Hoeneß war es, das ist kein allzu großes Geheimnis, der Hasan Salihamidzic als Sportdirektor durchsetzte.

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Hoeneß machte sich - nachdem er mit einer erneuten Charmeoffensive bei Heynckes abgeblitzt war - für Kovac stark, während der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge, Thomas Tuchel tendierte.  

Und nun war und ist es vor allem Hoeneß, der die Inthronisierung Oliver Kahns als neuen Vorstandsvorsitzenden in die Wege leitet.

Hoeneß schätzt Kahns Emotionalität

Womöglich wird er sich bei seiner Entscheidungsfindung auch an jene Anekdote aus dem Dezember 2007 erinnern.

Kahn hatte zuvor die beiden neuen Teamkollegen Franck Ribery und Luca Toni ob ihrer Einstellung öffentlich kritisiert und sich dafür sowohl eine Geldstrafe als auch eine interne Sperre für ein Spiel eingehandelt. Kahn fühlte sich ungerecht behandelt - schließlich hatte er lediglich jenes Feuer für den Klub eingefordert, das in ihm selbst seit Jahren loderte.

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"Mich freut, dass wir bei Bayern seit jeher Meinungsbildner hervorgebracht haben", sagte Hoeneß unlängst: "Hasan und Oliver haben wir uns rausgepickt, […] sie haben beim FC Bayern viel gelernt, weil wir hier immer offen und ehrlich mit allem umgegangen sind und auch die Streitkultur fördern."

Kahn sei in der Lage die Familie FC Bayern zusammenzuhalten. Nichts ist Hoeneß wichtiger. Der 67-Jährige ist ein Bauchmensch, sein Pendant Rummenigge verlässt sich dagegen eher auf Fakten und Analysen.

Hoeneß und Rummenigge nicht immer einer Meinung

Hier der Mensch, der sein Herz auf der Zunge trägt und die Werte des FC Bayern mit allen Mitteln bewahren will, dort der weltmännische Technokrat, der den FC Bayern weiter als Weltmarke positionieren will.

Ein Gegensatz, der in der Führungsetage der Münchner seit Jahren existiert und für - oftmals fruchtbare - Reibung sorgt.

So beim aktuellen Trainer, dem Rummenigge am Sonntagvormittag bei Sky "keine Jobgarantie" geben wollte und ihn wenig stärkte, als er erzählte, dass ihm die Bosse erst seine Rotation ausreden mussten, während Hoeneß Kovac im kicker den Rücken stärkte. So auch in der Personalie Kahn.

Rummenigge mit Vorbehalt gegenüber Kahn

Rummenigge machte am Sonntag bei Sky deutlich, dass er in seine Nachfolgefindung nur wenig bis gar nicht eingebunden war.

"Der genaue Plan ist, dass Oli mein Nachfolger wird. Mein Vertrag läuft bis Dezember 2021. Es ist soweit geplant, dass er zu irgendeinem Zeitpunkt von mir eingearbeitet werden soll", sagte der ehemalige Weltklasse-Stürmer. Über den genauen Zeitraum, sofern es denn schon einen gibt, wurde er bislang nicht informiert.

Zwar finde er die Wahl für Kahn "sehr schlüssig", da Kahn "ein wichtiger Spieler im Gebilde des FC Bayern war, sich im zweiten Bildungsweg mit Finanzen auseinandergesetzt hat und jetzt schon Unternehmer ist". Rummenigge äußerte aber auch einen Vorbehalt. "Wir werden dieses Jahr um die 700 Millionen Euro umsetzen, da musst du dich schon einarbeiten", sagte er: "Er ist ein Quereinsteiger. Da kann man das noch nicht sagen, wie er das macht."

Rummenigge zieht sich als Erster zurück

Wissen kann das freilich auch Hoeneß nicht. Er vertraut aber wie so oft auf sein Gefühl. Dieses wird in aller Voraussicht nach auch dazu veranlassen, sich noch einmal bis 2022 zum Präsidenten seines Herzensklubs wählen zu lassen.

Rummenigge wird 2021, nachdem er Kahn ein Jahr lang eingearbeitet hat, das Feld räumen. Er hat bereits angekündigt, seine Karriere als Fußballfunktionär damit auch endgültig an den Nagel zu hängen. Er wird kein Amt im Aufsichtsrat übernehmen und kein Berater des Vereins werden.

Hoeneß hätte dementsprechend noch ein Jahr, um sein Lebenswerk in die Richtung zu lenken, von der er sich erhofft und erwartet, dass sie auch Kahn einschlagen wird. Und um seine Nachfolge als Präsident zu regeln.

Wird Kahn der neue Hoeneß?

Die Frage ist, wie sich Kahn bis dato positioniert hat. Tritt er in Rummenigges oder Hoeneß' Fußstapfen, oder gelingt ihm sogar der beinahe unmögliche Spagat beide Charaktere miteinander zu vereinen?

Womöglich braucht nach Hoeneß‘ Ausscheiden auch diesen einen Gegenpart im Klub. Der Name Philipp Lahm schwebt nach wie vor über der Säbener Straße.

Wer in diesem Fall den Part des emotionalen Zampanos übernehmen würde, scheint klar. Nachzufragen bei der Sekretärin von Uli Hoeneß.

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