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Düsseldorf - Friedhelm Funkel spricht über den Wandel in 28 Jahren als Trainer, ungeduldige Vereinschefs - und erklärt, warum er nicht aufhört, wenn es am schönsten ist.

Mit Fortuna Düsseldorf erlebt Friedhelm Funkel derzeit eine echte Traumsaison. Der mit 65 Jahren derzeit älteste Bundesligatrainer hat den Aufsteiger schon so gut wie gerettet und erwartet nun den FC Bayern München in der Landeshauptstadt. (Bundesliga: Fortuna Düsseldorf - FC Bayern München am Sonntag um 15.30 Uhr im LIVETICKER)

Gegen den Rekordmeister wird Funkel sein 1268. Spiel im Profifußball erleben - das ist mit großem Abstand nationaler Rekord. Funkel, der die Bayern schon in der Hinrunde mit einem 3:3 ärgerte, hofft auf den nächsten Coup. "Wir müssen an die Leistungsgrenze gehen und darauf hoffen, dass die Münchner einen durchschnittlichen Tag haben", sagt der Coach - dann könne es wieder klappen.

SPORT1: Herr Funkel, mit wie viel Druck gehen Sie angesichts des fast perfekten Klassenerhalts noch in das Spiel gegen die Bayern?

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Friedhelm Funkel: Gegen die Bayern ist die Anspannung immer besonders groß. Wenn man die beste deutsche Mannschaft vor ausverkauftem Haus zu Gast hat, wollen wir da natürlich eine gute Leistung abliefern. Da muss Anspannung und ein bisschen Druck da sein, und den haben wir. Das muss dann in Leistung umgesetzt werden am Sonntag.

SPORT1: Mit Blick auf den Rest der Saison: Macht es besonders Spaß, zu wissen, dass man sowohl Bayern als auch Dortmund noch ärgern kann?

Funkel: Grundsätzlich hat das mit den beiden Mannschaften nichts zu tun. Wir haben aktuell 37 Punkte und unser Ziel ist es, weiter zu punkten, damit wir noch den einen oder anderen Sieg einfahren. Das sollte Motivation genug sein für meine Mannschaft. Wir sind in sehr guter Verfassung, das hat die Rückrunde gezeigt - und das wollen wir in den nächsten Wochen natürlich gegen die Bayern und Dortmund, aber auch gegen die anderen Mannschaften auf den Platz bringen.

SPORT1: Sie haben die Bayern ja schon in der Hinrunde ärgern können. Wie ist Ihnen das gelungen?

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Funkel: Weil wir sehr diszipliniert Fußball gespielt haben und weil uns die Bayern ein bisschen unterschätzt haben. Darum haben wir ein sensationelles 3:3 holen können. Am Sonntag werden sie uns sicher nicht mehr unterschätzen. Sie wissen, dass wir in den letzten Wochen gut gespielt haben. Die Bayern wollen Tabellenerster bleiben, das geht nur mit einem Sieg, und darum wollen sie bei uns unbedingt gewinnen. Wir müssen wirklich an die Leistungsgrenze gehen und darauf hoffen, dass die Münchner einen durchschnittlichen Tag haben. Dann haben wir eine Chance.

SPORT1: Erwarten Sie, dass die Bayern durch das Hinspiel besonders motiviert sind?

Funkel: Nicht nur durch das Hinspiel, sondern durch den Sieg gegen Borussia Dortmund. Da haben sie eindrucksvoll gezeigt, wer die Nummer eins in Deutschland ist. Das hat die Mannschaft an die Tabellenspitze gebracht und da wollen sie bleiben. Aus diesem Grund werden sie hoch motiviert sein. Sie wollen die Tabellenführung nicht mehr abgeben und da müssen sie gegebenenfalls jedes Spiel gewinnen. Doch wir wollen es ihnen so schwer wie möglich machen.

SPORT1: Es haben sich einige Spieler in Ihrer Mannschaft ins Rampenlicht gespielt. Wie hoffnungsvoll sind Sie, dass Sie mit denselben Spielern in die nächste Saison gehen, zum Beispiel mit Benito Raman?

Funkel: Wir hoffen, dass wir ihn halten können. Er hat einen Vertrag bis 2022 ohne Ausstiegsklausel, da haben wir das Heft in der Hand. Doch ich bin kein Fantast, ich weiß, dass wir einige Spieler verlieren werden. Da haben wir auch keine Möglichkeit, einzugreifen. Aber das ist normal, wenn Spieler sich verbessern und so spektakulären Fußball spielen wie wir in den vergangenen Wochen. Das weckt Begehrlichkeiten bei anderen Vereinen für den einen oder anderen Spieler. Da müssen wir uns neu aufstellen und gut arbeiten. Aber wir müssen auch bereit sein, Geld auszugeben, um die Mannschaft zu verstärken, wenn wir Spieler verlieren, die den Unterschied ausmachen können. Da muss der Verein bereit sein, uns die Möglichkeiten zu geben, die Spieler zu holen, die uns im nächsten Jahr weiterhelfen, denn wir wollen dauerhaft in der Bundesliga bleiben. Da muss man mit viel Sachverstand und den finanziellen Mitteln versuchen, die Mannschaft genauso stark zu machen wie in diesem Jahr.

SPORT1: Diese Saison ist ein Traum für Düsseldorf. Wie viel Fußballwunder steckt in dieser Saison? 

Funkel: Ich tue mich schwer, von Wunder zu sprechen, aber es ist schon außergewöhnlich. Natürlich hat das Trainerteam sehr gut gearbeitet, aber Hauptverantwortliche sind die Spieler. Wie sie das umgesetzt haben und wie sie sich in die Bundesliga hineingekämpft haben, das ist stark - und davor kann ich nur den Hut ziehen. Wir hatten jetzt in Berlin sieben Spieler in der Anfangsformation, die letztes Jahr mit aufgestiegen sind. Da sieht man, dass sie sich weiterentwickelt haben. Die neuen Spieler, die gekommen sind, haben sich schnell eingefügt und auch weiterentwickelt. Wir sind eine ganz homogene Mannschaft mit einem fantastischen Teamspirit. Das hat es ausgemacht, warum wir so gut dastehen.

SPORT1: Sie haben im Winter mit Nebengeräuschen verlängert. Jetzt könnte man über einen Rücktritt nachdenken, weil es in der nächsten Saison schwer wird, diese Leistung zu bestätigen ...

Funkel: Ja, könnte man, aber das ist mir auch nach dem Aufstieg mit Düsseldorf nahegelegt worden. Es gibt keinen besseren Zeitpunkt, als nach dem Aufstieg mit Fortuna Düsseldorf. Ich habe aber gesagt, ich mache noch weiter. Natürlich geistert sowas auch mal im Kopf herum, aber das ist nicht meine Denkweise. Ich habe dem einen oder anderen jungen Spieler versprochen, dass ich auch im nächsten Jahr noch dabei bin. Spieler sind jetzt auch wegen mir hier geblieben und ich habe einfach noch Lust, mit meinem Trainierteam und der Mannschaft im nächsten Jahr zusammenzuarbeiten. Keiner weiß, wie erfolgreich das nächste Jahr wird, aber das ist ganz gut so, das hält die Spannung hoch. Ich freue mich einfach darauf, es den Gegnern mit dem einen oder anderen neuen Gesicht so schwer wie möglich zu machen.

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SPORT1: Es gab in letzter Zeit viele Trainerwechsel - und Trainer, die trotz Erfolgen unter Druck stehen. Wie sehen Sie das?  

Funkel: Es ist diese Saison nicht gut gewesen für uns Trainer. Zum Beispiel bei Kovac, das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Niko ist ein junger Trainer, der seine Erfahrungen bis jetzt mit Kroatien und Eintracht Frankfurt wirklich gut gelöst hat. Dazu kommt Bayern München - dass das nicht von Anfang an reibungslos verläuft, ist doch klar. Aber wie er sich profiliert hat und sich den Kameras gestellt hat, wie ruhig er geblieben ist und wie er seine Statements rüberbringt, das ist fantastisch. Mittlerweile hat er auch der Mannschaft eine Handschrift gegeben, sie haben mehr Tore geschossen als im letzten Jahr, und sie sind Erster. All das, was bei den Bayern passiert, kann man Niko Kovac und seinem Trainerteam zugute schreiben. Niko, das ist fantastisch, was du da machst!

SPORT1: Und die Teams, die ihre Trainer entlassen haben?

Funkel: Alle anderen Vereine werden immer schneller nervös und schieben alles immer auf den Trainer. Wenn man sich die letzten fünf Mannschaften ansieht, haben alle den Trainer gewechselt - mit mehr oder weniger mäßigem Erfolg. Keine dieser fünf Mannschaften hat sich deutlich verbessert zu diesem Zeitpunkt. Es ist schade, dass man den Trainern immer weniger Zeit gibt. Wir in Düsseldorf sind ein gutes Beispiel dafür, dass es auch anders gehen kann, wenn es auch Unruhe im Januar gegeben hat. Ich habe im vergangenen Herbst sechs Spiele mit der Mannschaft in Folge verloren und trotzdem haben wir zusammengehalten und sind zusammen geblieben. Das zeigt, dass man mit einem Trainer, der eine sehr schlechte Phase hat, von dem man aber trotzdem überzeugt ist, erfolgreich werden kann. Da sollten sich viele Vereine ein Beispiel daran nehmen.

SPORT1: Was hat sich in den letzten 30 Jahren in ihrem alltäglichen Arbeiten verändert - und wie haben Sie sich vielleicht auch verändert, um sich an die Gegebenheiten anzupassen?

Funkel: Ich glaube, da reicht die Zeit gar nicht aus, das alles zu erzählen. Es hat sich alles verändert. Ich habe 1991 mit Armin Reutershahn angefangen, da waren wir zwei allein für die Bundesligamannschaft verantwortlich. Das Trainerteam hat sich in den letzten Jahrzehnten massiv verändert, was für den Cheftrainer großartig ist. Die Verantwortung wird auf mehrere Schultern verteilt und es werden mehr Fachleute dazu geholt. Es sind Mental- und Athletiktrainer und ein Videoanalyst dazugekommen, die einem Trainer viel Arbeit abnehmen. Du kannst dich mehr um die Mannschaft kümmern, mehr beobachten und mehr Gespräche führen. Du kannst Entscheidungen mit deinem Trainerteam absprechen. Natürlich hat sich in der Ernährung viel getan, auch das Spiel selbst hat sich verändert - auch wenn es mancher, der vor 20 Jahren gespielt hat, nicht wahrhaben möchte. Alles ist viel schneller und athletischer, aber ich habe ja auch gespielt, deswegen kann ich das auch wirklich beurteilen. Der Fußball ist besser geworden und er ist offensiver. Die Trainer sind variabler geworden, natürlich auch ich. Das sind viele Veränderungen, die im deutschen Fußball vorgekommen sind. Die Medienwelt ist eine ganz andere geworden: Es ist Wahnsinn, was über Fußball überall in Sekundenschnelle auf Sozialen Netzwerken verbreitet wird. Es ist alles viel schnelllebiger und vieles besser geworden. Zwar nicht alles, aber insgesamt sind viele Dinge deutlich besser.

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