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München - Paco Alcácer soll einen BVB-Abschied anstreben, nachdem mit Haaland ein Konkurrent geholt worden ist. SPORT1 erklärt, weshalb der Verkauf aus BVB-Sicht ein Fehler wäre.

"Ich bin ein fröhlicher, witziger Mensch, aber wenn ich auf der Bank sitze, mag ich nichts mehr, dann bin ich ein komplizierter Typ, was mir selbst nicht gefällt."

Im Sommer 2019 tätigte Paco Alcácer bei Sky diese Aussagen. Dass sein persönliches Horror-Szenario ein halbes Jahr später Realität ist, hätte der Spanier in Diensten des BVB wohl selbst nicht erwartet.

Spätestens, als die Dortmunder im Winter Mega-Talent Erling Haaland verpflichteten, dürfte Alcácer klar gewesen sein, dass der zu Saisonbeginn so sichere Stammplatz ernsthaft in Gefahr ist.

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Schon gegen Ende der Hinrunde saß Alcácer, der zwischenzeitlich wochenlang mit Achillessehnenproblemen zu kämpfen hatte, vermehrt draußen. Der angekündigte Frust verschlimmerte sich nach der Haaland-Verpflichtung noch.

Alcácer soll im Wintertrainingslager missmutig unterwegs gewesen sein. Will er damit seinen Abgang provozieren? In den vergangenen Wochen kamen vermehrt Wechselgerüchte auf. Schon im Herbst kündigte der Spanier an, irgendwann einmal in die Heimat zurückkehren zu wollen. Kein Wunder also, dass vorrangig spanische Teams in der Verlosung um den unzufriedenen Stürmer stehen sollen. Atlético Madrid und der FC Sevilla gelten als Interessenten. Bei 40 Millionen Euro ist der BVB nach SPORT1-Informationen gesprächsbereit.

Denn schlechte Stimmung kann der BVB bei seiner Aufholjagd in der Rückrunde überhaupt nicht gebrauchen, zumal der Wechsel von Haaland für Euphorie gesorgt hat. "Es gibt immer Spieler, die zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht richtig zufrieden sind. Das kann aber in drei Wochen schon wieder ganz anders aussehen. Damit leben wir alle in diesem Geschäft", erklärte BVB-Sportdirektor Michael Zorc in einem Interview mit der dpa.

Allerdings nahm er seinen Stürmer auch in die Pflicht. "Damit muss ein Spieler professionell umgehen, aber wir im Management und der Trainer müssen das genauso."  

Mit einem Verkauf Alcácers würde sich der BVB des Stimmungsproblems entledigen. Allerdings würde dieser neue Probleme aufwerfen, die die Saisonziele massiv gefährden könnten. SPORT1 erklärt, weshalb die Schwarzgelben ihren Frust-Stürmer nicht abgeben sollten.

Torquote

Wie wertvoll ein fitter Alcácer sein kann, bewies der Spanier zu Saisonbeginn. In den ersten vier Spielen traf er fünfmal. Seitdem herrscht Ladehemmung. Ende September warf ihn eine hartnäckige Achillessehnenverletzung aus der Bahn und aus dem Rhythmus.

Nach überstandener Verletzung musste sich Alcácer zunächst hintenanstellen. Favre vertraute im Dreiersturm vorrangig auf Marco Reus, Jadon Sancho und Thorgan Hazard. Für Alcácer reichte es nur noch zu unregelmäßigen Kurzeinsätzen.

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Fünf Saisontore in elf Einsätzen sind dennoch eine ordentliche Quote. Trotz seiner fehlenden Einsatzzeiten ist der Spanier weiter Drittbester Ligaschütze der Dortmunder. Und 26 Tore in 47 Pflichtspielen sind nicht zu verachten.

Konkurrenzkampf

Mit Haaland bekommt Alcácer einen Stürmer vor die Nase gesetzt, der in der Hinrunde die gegnerischen Abwehrreihen zur Verzweiflung gebracht hat. Doch das heißt nicht, dass der Norweger automatisch die Nase vorn hat.

Und ein gesunder Konkurrenzkampf hat noch keinem Team geschadet. Im Gegenteil: Haaland und Alcácer können sich nicht nur gegenseitig anstacheln, sie können auch voneinander lernen.

Variabilität im Angriff

Haaland und Alcácer sind zwei echte, dennoch unterschiedliche Stürmertypen. Alcácer ist fester Teil des Dortmunder Kombinationsspiels, Haaland kann dem Spiel eine neue physische Komponente hinzufügen.

Trainer Lucien Favre kann so gegnerabhängig genau auf den Stürmer setzen, den es für das BVB-Spiel braucht. Dadurch wird das Dortmunder Spiel weniger berechenbar. "Bei Erling kommt noch hinzu, dass er ein Spielertyp ist, den wir so nicht im Kader hatten. Ich glaube, dass tut uns ganz gut", erklärte Favre auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen den FC Augsburg. (Bundesliga: FC Augsburg - Borussia Dortmund, Samstag 15.30 Uhr im LIVETICKER)

Auch das in der vergangenen Spielzeit erfolgreich praktizierte Job-Sharing könnte mit dem Duo Haaland/Alcácer eine Option sein. In der Vizemeister-Saison ließ Favre häufig Mario Götze von Beginn an ran. Dieser spielte die gegnerische Abwehr müde und übergab dann in der zweiten Hälfte an Alcácer, der mit seinen Toren die Spiele oft entschied. Zwei Drittel seiner 19 Tore erzielte der Spanier nach Einwechslung. Gerade für die wichtigen Spiele ist ein treffsicherer Joker eine echte Waffe.

Zweiter Neuner war BVB-Wunsch

"Wir hätten definitiv eine zweite Nummer neun verpflichten müssen", resümierte Zorc nach der 1:3-Niederlage in der Champions League gegen den FC Barcelona bei Sky. Die Fehleinschätzung zu Saisonbeginn wurde in der Winterpause korrigiert.

Gerade auch weil Alcácers Körper in der Vergangenheit nicht für dauerhafte 90 Minuten gemacht zu sein schien, ist eine zweite Nummer neun wichtig für das Erreichen der Saisonziele. Verkauft der BVB den Stürmer im Winter, öffnet sich die geschlossene Baustelle von Neuem. Und gleichwertiger Ersatz zu einem akzeptablen Preis ist kurzfristig kaum zu bekommen.

Fitness spricht für Alcácer

Apropos Körper: Der macht beim Spanier in letzter Zeit weniger Probleme. Im Trainingslager musste Alcácer zwar aufgrund von Knieproblemen teilweise kürzertreten. Für das Spiel gegen den FC Augsburg ist er aber fit und eine Option.

In Sachen körperlicher Verfassung der 26-Jährige seinem sieben Jahre jüngerem Konkurrenten derzeit einiges voraus. Haaland plagte schon gegen Ende der Hinrunde über Knieprobleme, trainiert in jüngster Vergangenheit allerdings wieder voll mit.

Ob der 1,94 Meter große Norweger direkt eine Option für das Augsburg-Spiel ist, ließ Favre offen. "Wir werden sehen. Ich kann jetzt nicht definitiv sagen, ob er spielen kann", erklärte der Schweizer. Ein Einsatz sei aber möglich.

Doch möglicherweise setzt Favre doch auf Alcácer. Denn die Fuggerstädter sind die bisherigen Lieblingsgegner des Spaniers. In seinen bislang drei Spielen gegen Augsburg knipste er schon sechsmal. Zum Rückrundenauftakt könnte er – sofern Favre ihn lässt – gleich seine Qualitäten unter Beweis stellen. Und den Konkurrenzkampf offiziell eröffnen.  

Denn eines sind sich die Dortmunder Bosse bewusst: Es ist nicht absehbar, wie schnell Haaland bei seiner ersten Station in einer europäischen Top-Liga Anschluss findet. Daher sind die Bosse der Dortmunder auch darauf, den Hype um das Stürmertalent nicht ausufern zu lassen. "Er ist 19 Jahre alt, tun Sie mir den Gefallen und geben Sie ihm eine Chance, dass er sich auch entwickeln kann", bat BVB-Präsident am Rande des Neujahrsempfang der DFL um Geduld.

Um dem Norweger Entwicklungszeit einräumen zu können, müssen die Dortmunder allerdings auch Druck von den Schultern Haalands nehmen. Auch dazu braucht es eine fitte Alternative. Dieser sollte sich Dortmund nicht berauben.

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