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München - Nach dem Triple-Gewinn spricht Bayerns Torwartlegende Sepp Maier bei SPORT1 über seinen Herzensverein. Bei Manuel Neuer hebt er mahnend den Zeigefinger.

Sepp Maier ist eine Bayern-Legende.

Der 76-Jährige stand in seiner gesamten Karriere für die Münchner im Tor - 1962 bis 1979. Drei Mal feierte Maier mit dem Rekordmeister den Sieg im Europapokal der Landesmeister, der heutigen Champions League. Zudem darf er sich Europameister und Weltmeister nennen.

Nach seiner aktiven Karriere war er Torwarttrainer beim DFB und bei den Bayern - trainierte insgesamt 15 Jahre das heutige Vorstandsmitglied Oliver Kahn. 

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Im SPORT1-Interview spricht Maier über das Triple des FCB, Hansi Flick, Kahn - und sagt, warum Manuel Neuer für ihn kein Held ist.

Erst gab‘s das Skype-Interview, dann das persönliche Treffen: SPORT1-Reporter Reinhard Franke (r.) und Sepp Maier
Erst gab‘s das Skype-Interview, dann das persönliche Treffen: SPORT1-Reporter Reinhard Franke (r.) und Sepp Maier © SPORT1

SPORT1: Herr Maier, ist der Puls nach dem Triple-Sieg des FC Bayern wieder unten?

Sepp Maier: Der Puls war gar nicht am Anschlag, er war nur für mich interessant. (lacht)

SPORT1: Aber Sie haben sich schon gefreut über den Erfolg, oder?

Maier: Ich habe mich als Torwart auch über Titel gefreut, doch die Zeiten sind vorbei, das ist schon ewig her. Natürlich freue ich mich, wenn der FC Bayern Titel holt, aber es ist nur eine gewisse Freude da. Und die ist auch ganz normal.

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SPORT1: Was sagen Sie dazu, dass Hansi Flick das Triple gelungen ist. Er ist erst seit November 2019 Cheftrainer.

Maier: Das ist schon toll. Er hat eine sehr gute Mannschaft und ist ein ausgezeichneter Trainer, was er in den vergangenen Monaten bewiesen hat.

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Maier: "Flick war nie übertrieben in seinen Aktionen"

SPORT1: Was zeichnet Flick aus? Er war vorher noch nie Cheftrainer in der Bundesliga.

Maier: Das heißt gar nichts. Flick kommt mit den Menschen beim FC Bayern gut zurecht. Und das ist als Trainer das Wichtigste. Dass man gut mit den verschiedenen Typen in einer Mannschaft zurecht kommt, auch wenn man Weltstars in der Truppe hat. Ein großer Trainer muss für mich aus Superstars ein homogenes Team formen. Da gibt es genügend Beispiele, wo ein zusammengekaufter Haufen keinen Erfolg hat.

SPORT1: Können Sie das Erfolgsgeheimnis von Flick beschreiben? Unabhängig davon, dass er mit den Spielern gut kann.

Maier: Ich kenne ihn noch als Spieler beim FC Bayern. Er war immer schon ein sehr ruhiger und besonnener Mensch. Er war nie übertrieben in seinen Aktionen. Er ist nie an der Seitenlinie rum gesprungen, sondern ist ganz nüchtern. So, wie er arbeitet, so ist er auch. Korrekt, fair und mit viel Erfolg.

SPORT1: Setzt Miroslav Klose im Trainerteam für die neue Saison nochmal das i-Tüpfelchen drauf?

Maier: Das i-Tüpfelchen gab es schon oft beim FC Bayern. Wir müssen nur das Tüpfelchen auf dem i dauerhaft behalten.

SPORT1: Sind es die besten Bayern aller Zeiten?

Maier: Das ist schwer zu sagen. Jede Generation war beim FC Bayern gut. Das hat bei uns damals in den 1970er Jahren angefangen und hat sich über Jahrzehnte fortgesetzt. Wir hatten immer eine gute Bayern-Mannschaft. Ob das jetzt die Beste ist, will ich nicht sagen. Es ist auf alle Fälle die Teuerste. Und sie hat alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Respekt.

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Maier lobt Salihamidzic - und sieht Druck für Kahn

SPORT1: Was sagen Sie Sport-Vorstand Hasan Salihamidzic. Ist er der Baumeister dieses Teams? Er hat einige gute Transfers getätigt.

Maier: Wenn das Geld da ist, dann kann ich auch gute Transfers tätigen. Das Wichtigste ist doch, dass neue Spieler zur Mannschaft passen müssen. Da hat der Brazzo ein gutes Händchen bewiesen. Wenn man so einen Posten anvertraut bekommt und von jetzt auf gleich reingeschmissen wird, dann ist am Anfang immer alles schwer. Das wird Oliver Kahn auch spüren, wenn er beim FC Bayern die volle Verantwortung hat. Ihm wird es genauso ergehen wie Brazzo.

SPORT1: Die Bayern haben nach 2013 erneut das Triple gewonnen. Jetzt kommt noch Leroy Sané dazu. Wie sehen Sie den neuen FC Bayern?

Maier: Der FC Bayern ist erfolgsverwöhnt und dieser Standard muss jetzt gehalten werden. Das wird für Flick sehr schwer werden. Die anderen Vereine schlafen ja auch nicht.

"Flick müsste einen Zehnjahresvertrag kriegen"

SPORT1: Die Mannschaft wirkt aber so homogen wie noch nie.

Maier: Das kann sich aber ganz schnell ändern mit dem homogenen Team. das hat man gesehen, als Pep Guardiola weggegangen ist und dann kam ein anderer Trainer und es war vorbei mit der Homogenität. Das Wichtigste ist der Erfolg und weiter gut spielen.

SPORT1: Aber Flick wird ja nicht gleich wieder gehen, er hat einen Dreijahresvertrag unterschrieben.

Maier: Das war auch gut so, denn einen Besseren gibt es für Bayern im Moment nicht. Die Bosse mussten ja mit ihm verlängern, sie wären blöd gewesen, wenn sie das nicht gemacht hätten. Flick müsste einen Zehnjahresvertrag kriegen. Oder noch besser für 15 Jahre unterschreiben - nach dem Triple.

SPORT1: Waren Sie im November skeptisch, als er Nachfolger von Niko Kovac wurde?

Maier: Ich war zwiegespalten. Hansi hat als Assistent von Jogi Löw gute Arbeit bei der Nationalmannschaft geleistet. Aber Vereinsarbeit und der Job beim DFB-Team sind zwei Paar Stiefel. Da weiß man nie so genau, ob das klappt. Aber Hansi hat alles riskiert und nur gewonnen.

SPORT1: Jogi Löw kann sich Hansi Flick als Bundestrainer vorstellen. Sie auch?

Maier: Hansi kann jede Mannschaft trainieren. Bundestrainer ist ein leichterer Job als Vereinstrainer. In der Nationalmannschaft sitzt man fester im Sattel, muss nicht jeden Tag unter Druck arbeiten und abliefern.

SPORT1: Für Thomas Müller ist die Tür bei Löw weiter zu. Was sagen Sie dazu?

Maier: Die Besten sollen in der Nationalmannschaft spielen und da gehört Thomas Müller dazu.

Neuer? "Im Fußball gibt es keine Helden"

SPORT1: Kommen wir zu Manuel Neuer. Er ist in der Form seines Lebens, oder?

Maier: Was heißt Form seines Lebens? Er war immer ein hervorragender Torwart, aber er ist nicht in der Form seines Lebens, weil Neymar ihn im Champions-League-Finale drei Mal geprüft hat. Man sollte Neuer nicht gleich zum Superhelden machen.

SPORT1: Es wurde aber nach dem Endspiel von einigen Seiten schon gesagt, dass Neuer Heldenstatus genießt.

Maier: Helden gibt es nur im Krieg und die sind alle gestorben. Im Fußball gibt es keine Helden. Ich will damit nur sagen, dass Neuer nicht erst jetzt so stark hält, sondern schon die ganze Zeit. Seine Leistungen sind für mich nichts Neues. Ein Weltklasse-Torhüter braucht kein Held sein. Und Neuer ist seit Jahren Weltklasse.

SPORT1: Eine Spezialität des Torwartspiels von Neuer ist seine Reaktion in bester Handballtorwart-Manier.

Maier: Hier sehe ich Neuer kritisch. Mein Torwartspiel ist das nicht. Marc-André ter Stegen hat das gegen Bayern auch gemacht und hat acht Stück bekommen. Man braucht in solch einem Moment auch das gewisse Glück, dass man angeschossen wird. Meine These ist, dass sich der Torwart so breit wie möglich machen muss und das kann er nur, wenn er sich quer legt.

SPORT1: Können Sie Neuer und Oliver Kahn vergleichen?

Maier: Das geht nicht, genauso wie man Neuer oder Kahn nicht mit mir vergleichen kann. Es ist 40 Jahre her, dass ich im Tor stand. Das war eine ganz andere Generation. Ich hatte aber genauso viele Erfolge wie Neuer. Vielleicht sogar noch mehr, denn ich habe den Henkelpott drei Mal in Folge gewonnen und wurde dreimal Fußballer des Jahres und Weltpokalsieger. Und das in einer Zeit, als der FC Bayern im Wachsen war. Es gibt nur einen Unterschied: Kahn war der bessere Motivator und Neuer der bessere Fußballer. Aber wir haben damals den Grundstein gelegt, damit man heute so erfolgreich ist.

So war das Verhältnis zwischen Maier und Kahn

SPORT1: Neuer und sein Torwarttrainer Toni Tapalovic sind gute Freunde. War das zwischen Ihnen und Kahn auch Freundschaft?

Maier: Olli und ich habe uns zwölf Jahre sehr gut verstanden und hart gearbeitet. Das muss man auch machen, wenn Erfolg da sein soll. Das haben wir beide gut durchgezogen. Sicher muss man sich da auch nahe stehen, um solche Erfolge feiern zu können, denn man sieht sich täglich mehrere Stunden. Zwischen Olli und mir hat einiges gepasst.

SPORT1: Hat es zwischen Ihnen und Kahn auch mal richtig gekracht?

Maier: Nein. Sicher gab es auch mal Meinungsverschiedenheiten und es war nicht jeden Tag eitel Sonnenschein, aber dann hat man etwas gegrollt und nach zwei, drei Tagen ist dann wieder das gemacht worden, was ich gesagt habe. (lacht)

SPORT1: Waren Sie ein autoritärer Torwarttrainer?

Maier: Nein. Ich war gutmütig und fachlich kompetent.

SPORT1: Hätten Sie Neuer auch gerne mal trainiert?

Maier: Die Zeit ist vorbei, ich habe zwölf Jahre den Olli trainiert das hat gereicht. Das war anstrengend genug, aber es hat viel Spaß gemacht.

SPORT1: Gab es emotionale Momente in Ihrer Zusammenarbeit?

Maier: Ja, immer, wenn wir zum Golfspielen gefahren sind. Aber nicht die Schönsten.

Neuer-Transfer? "Wo will er denn hin gehen?"

SPORT1: Glauben Sie, dass ein Wechsel ins Ausland Neuer noch mal gut getan hätte?

Maier: Wo will er denn hin gehen? Der Manuel will ja weiter erfolgreich bleiben, also war es richtig in München zu bleiben. Ich hatte auch viele Angebote aus dem Ausland und bin immer bei Bayern geblieben. Ich hätte mich nur verschlechtert. Das ist meine Parallele zu Neuer.

SPORT1: Alexander Nübel kam von Schalke nach München. Könnte das Neuer noch mal besonders anstacheln?

Maier: Nach oben hin sind keine Grenzen gesetzt. Manu sieht das bestimmt ganz locker, wer hinter ihm steht. Egal, ob Nübel oder Ulreich - das ist Neuer egal. Er wird die nächsten drei Jahre die Nummer 1 bleiben, oder wissen Sie einen anderen?

SPORT1: Aber Nübel wird sich nicht drei Jahre auf die Bank setzen wollen.

Maier: Es wird ihm nichts anderes übrig bleiben. Olli hat mit 39 noch gut gespielt.

SPORT1: Wo ordnen Sie Neuer in der Riege aller Bayern-Torhüter ein?

Maier: Schwierige Frage. Jedes Jahrzehnt hatte beim FC Bayern seinen eigenen Torwart. Und die waren alle Weltklasse.

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