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Bayer-Boss Fernando Carro spricht im großen SPORT1-Interview über die neue Titel-Gier in Leverkusen, den Angriff auf die Bayern und Top-Talent Florian Wirtz.

Fernando Carro hatte bis zuletzt alle Hände voll zu tun.

Der Vorsitzende der Geschäftsführung von Bayer 04 Leverkusen nutzte die freien Tage mit der Familie, um ein wenig zur Ruhe zu kommen.

Nun blickt der 56 Jahre alte Bayer-Boss allerdings schon wieder voraus und spricht im großen SPORT1-Interview über die neue Titel-Gier in Leverkusen, den Angriff auf den FC Bayern München, Top-Talent Florian Wirtz und die Bundesliga im internationalen Vergleich.

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SPORT1: Herr Carro, mit 28 Punkten geht Bayer 04 Leverkusen als Tabellenzweiter ins neue Jahr. Sind Sie mit der Ausbeute zufrieden? (Tabelle der Bundesliga)

Fernando Carro: Wenn man nur ein Spiel verloren hat, kann man nicht unzufrieden sein. Unzufrieden wäre ich, wenn wir am Ende der Hinrunde, die ja noch vier Spiele hat, 28 Punkte hätten. Wir wollen unbedingt aus den vier anstehenden Spielen die maximale Punktausbeute holen. Unterm Strich finde ich, dass wir gut in die Saison gekommen sind. Diesen Weg wollen wir auch im neuen Jahr weiter fortsetzen.  

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Wir können es mit Bayern aufnehmen

SPORT1: Hand aufs Herz, wie sehr nagt die 1:2-Heimpleite gegen die Bayern noch an Ihnen? 

Carro: (überlegt) Natürlich sind die Bayern der scheinbar übermächtige Gegner - aber wir wollen und können es mit ihnen aufnehmen. Das hat das Spiel gezeigt. Die Niederlage war sehr bitter. Wir waren über weite Strecken die spielbestimmende Mannschaft. Am Ende verlieren wir in letzter Sekunde mit 1:2. Mir liegt diese Niederlage immer noch im Magen.  

SPORT1: War es am Ende Robert Lewandowski, der den Unterschied ausgemacht macht? 

Carro: Lewandowski ist ein unglaublicher Spieler und völlig zurecht zum Weltfußballer gewählt worden. Es war aber nicht nur er. Wir haben ihm mit individuellen Fehlern diese beiden Tore ermöglicht. Das ist auf diesem Niveau fatal. Wir hätten in den entscheidenden Momenten abgezockter sein müssen. Klar ist, dass wir aus dieser Niederlage lernen und noch stärker zurückkommen müssen.  

SPORT1: Der Tenor nach dem Spitzenspiel war: Typisch Bayern, typisch "Vizekusen". Was entgegnen Sie dem? (Spielplan/Ergebnisse Bundesliga)

Carro: Dieses Vizekusen-Etikett interessiert mich überhaupt nicht. Wir müssen uns in vielen Punkten sicherlich noch weiterentwickeln. Dazu gehört auch, in den entscheidenden Spielen bis zur letzten Sekunde voll da zu sein.  

SPORT1: Karl-Heinz Rummenigge sprach im CHECK24 Doppelpass vom Bayern-Gen. Kann sich Leverkusen von den Münchnern speziell in puncto Titel-Gier etwas abgucken? 

Carro: Es geht nicht ums Abgucken, es geht darum, etwas zu lernen. Für mich als Verantwortlicher in einem sportlichen Wettbewerb ist es das normalste der Welt, dass man immer gewinnen will. Diese Einstellung erwarte ich von jedem Einzelnen bei Bayer Leverkusen: im Fußball-Unternehmen und in der Mannschaft. Ich will das noch mehr, noch weiter in den Verein hineintragen. Wir müssen immer mehr wollen.

Carro: "Haben ein großes Potenzial in unserer Mannschaft"

SPORT1: Welche Bedeutung hätte ein Titel für Bayer 04 Leverkusen? 

Carro: Wir haben seit 1993 keinen Titel geholt. Natürlich hätte das eine große Bedeutung. Wir wollen Titel holen. Die Sehnsucht danach ist groß. Ich bin eigentlich sogar der Meinung, dass die Geschichte Bayer Leverkusen eine Meisterschaft schuldet, vor allem wenn ich an die knapp verpasste Meisterschaft 2000 in Unterhaching zurückdenke. Seitdem treibt mich dieser Gedanke um.

Leverkusens Carsten Ramelow, Michael Ballack und Torben Hoffmann (v.l.) nach dem Drama in Unterhaching 2000
Leverkusens Carsten Ramelow, Michael Ballack und Torben Hoffmann (v.l.) nach dem Drama in Unterhaching 2000 © Imago

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SPORT1: Mit Kai Havertz und Kevin Volland hat Bayer vor der Saison zwei wichtige Spieler abgegeben, die Vorbereitung lief unter schweren Bedingungen. Haben Sie damit gerechnet, dass die Abgänge so gut kompensiert werden? 

Carro: Wir haben ein großes Potenzial in unserer Mannschaft. Den Weggang von Kevin Volland haben wir durch Patrik Schick ersetzt. Bei Kai Havertz wussten wir ja schon ein bisschen länger, dass die Wahrscheinlichkeit besteht, dass er irgendwann geht. Deswegen haben wir in den Jahren zuvor auch Spieler mit Perspektive geholt, die jetzt aus Kais Schatten heraustreten. Dass hier eine Entwicklung stattfindet und derzeit vieles so gut ineinandergreift, freut mich. 

SPORT1: Bayer war in der Vergangenheit für viele Spieler eine Art Karriere-Katapult. Was muss passieren, dass Top-Spieler künftig auch mal länger in Leverkusen bleiben? 

Carro: Wir wollen jedes Jahr zu den Top-4-Vereinen in Deutschland und den Top-16 in Europa gehören. Und wenn man diese Ziele hat, dann kann man nicht nur eine Talentschmiede sein. Für uns ist es wichtig, dass wir herausragende Spieler künftig auch halten. In Europa gibt es elf Vereine, mit denen wir uns wirtschaftlich zurzeit nicht messen können: Die sechs Englischen, Barca, Madrid, Juventus, Paris Saint-Germain und Bayern. Wenn ein außergewöhnlicher Spieler, wie zuletzt Kai Havertz, dahin gehen will, dann wird es sehr schwierig für uns, ihn zu halten. Wir wollen vor allem vermeiden, dass unsere Spieler zu den dahinter angesiedelten Vereinen gehen, denn dazu zählen wir uns selbst. Um das zu gewährleisten, müssen wir Bedingungen schaffen, unter denen sich die Spieler wohlfühlen und bei denen sie die Möglichkeit sehen, Titel zu gewinnen.

Kai Havertz (r.) wechselte im Sommer von Bayer Leverkusen zum FC Chelsea
Kai Havertz (r.) wechselte im Sommer von Bayer Leverkusen zum FC Chelsea © Imago

SPORT1: Schafft man das ausschließlich mit Titeln? 

Carro: Das schafft man nicht nur mit Titeln. Die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Der Verein muss eine Sieger-Ausstrahlung haben. Es braucht ein professionelles, leistungsorientiertes Umfeld, einen exzellenten Trainerstab, Experten in allen Bereichen, eine moderne Fußball-Philosophie sowie eine große Qualität im Kader. Wenn diese Bedingungen stimmen, entscheidet ein Spieler sich möglicherweise auch gegen ein besser dotiertes Angebot. 

Bayer-Boss über Umverteilung der TV-Einnahmen

SPORT1: Sie haben zu Beginn der Corona-Krise mit Bayern, Leipzig und Dortmund eine Allianz gegründet. Wie läuft der Kontakt untereinander ab? 

Carro: Ich bin ohnehin mit den Verantwortlichen von beinahe allen Bundesligavereinen in regelmäßigem Austausch. Am Anfang der Pandemie haben wir vier Vereine uns zusammengesetzt, um aus dem aktuellen Anlass heraus wichtige Themen zu besprechen. Wir haben uns im Verlauf dieser Gespräche unter anderem dazu entschlossen, der DFL einen Solidaritätsbeitrag zur Verfügung zu stellen.  

SPORT1: Wieso gehört Borussia Mönchengladbach nicht zu diesem elitären Kreis? 

Carro: Es gibt Themen, die europaweit für den Fußball wichtig sind. Davon sind vor allem die Teams betroffen, die regelmäßig international spielen. Dazu gehört Gladbach natürlich auch. Es ist wichtig, international gemeinsam einen deutschen Standpunkt zu vertreten und nicht jeder für sich allein. 

SPORT1: Also wurde Gladbach dazu genommen? 

Carro: Wir besprechen auch Themen zur Reform der Champions League, wollen der Bundesliga das Gewicht in den europäischen Gremien sichern, das ihr zusteht. Da ist natürlich auch Gladbach dabei. Es macht Sinn und ist mein Bestreben, hier weiter sehr eng zusammenzuarbeiten.  

SPORT1: Ein Punkt, der Zoff innerhalb der Bundesliga ausgelöst hat, war die Umverteilung der TV-Einnahmen. Wie zufrieden sind Sie mit der Neuverteilung, die ab nächster Saison greift

Carro: Ich habe das nicht als Zoff empfunden. Jeder Klub ist in der Pflicht, seinen eigenen Standpunkt und eigene Interessen zu vertreten. Daraus resultieren nun mal auch unterschiedliche Positionen. Diese müssen intern diskutiert und in Einklang gebracht werden. Das DFL-Präsidium hat eine sehr kluge und gute Entscheidung getroffen - auch, wenn wir von Bayer Leverkusen künftig weniger bekommen werden. Das Präsidium hat es geschafft, die vier Säulen intelligent umzusetzen. Die Interessen der Klubs wurden berücksichtigt. 

Carro über Bender-Zwillinge und Transferpläne

SPORT1: Nach den Verkäufen von Havertz und Volland muss Ihr Klub eigentlich noch Geld übrig haben, um sich im Winter zu verstärken. Startet ab Januar der große Angriff auf Bayern? 

Carro: Auch wir haben wirtschaftliche Rahmenbedingungen, an die wir uns halten müssen. Alles, was wir machen, geschieht unter den uns gegebenen Voraussetzungen. Wir haben viele Wünsche, aber alles, was am Ende umgesetzt wird, muss sinnvoll und bezahlbar sein. 

SPORT1: Haben die Defensivschwächen im Bayern-Spiel gezeigt, dass Sie im Winter auf dem Transfermarkt aktiv werden müssen? 

Carro: Einzelne Spiele geben keinen Anlass zu großen Veränderungen bei uns. Der Markt ist im Übrigen sehr schwierig. Die Transferphase umfasst noch den gesamten Januar. Wir sind hier mit der sportlichen Leitung im regen Austausch. Wenn sich etwas ergibt, das uns weiterbringt und wirtschaftlich passt, dann werden wir gegebenenfalls aktiv werden.  

SPORT1: Die Bender-Zwillinge Lars und Sven haben sich dazu entschieden, ihre im Sommer auslaufenden Verträge nicht zu verlängern. Glauben Sie, dass die beiden Ihre Karriere danach wirklich endgültig beenden? 

Carro: Das ist natürlich schade. Lars und Sven sind ein großer Teil der Bayer-Geschichte. Ich hatte bis zuletzt noch gedacht, dass vielleicht nur Lars aufhört, weil er doch ein bisschen mehr von Verletzungen gebeutelt war. Am Ende entscheiden Zwillinge aber eben gemeinsam (lacht).  Wie es für sie weiter geht, vermag ich nicht zu sagen, da müssen sie sie schon selbst fragen.  

"Wirtz ist ein Spieler mit wahnsinnig großem Potenzial"

SPORT1: Mit Florian Wirtz hat Bayer schon jetzt die Entdeckung der Saison im Kader. Ist Wirtz der neue Kai Havertz?  

Carro: Diese Vergleiche mag ich nicht. Florian ist ein Spieler mit wahnsinnig großem Potenzial. Ein Kämpfer mit großer Qualität. Wir sind sehr froh, dass wir ihn haben. Manchmal geht mir das aber auch medial zu schnell. Er wird seine Aufs und Abs haben. Und wir helfen ihm, dass er für die Zukunft gut vorbereitet ist.

Florian Wirtz (r.) im Zweikampf mit Bayerns David Alaba
Florian Wirtz (r.) im Zweikampf mit Bayerns David Alaba © Imago

SPORT1: Sie sind Mitglied des UEFA Klub-Kommitees und vertreten im CCC die Interessen der Bundesliga. Wie sehen Sie die deutsche Liga im internationalen Vergleich? 

Carro: Die Bundesliga hat ein sehr hohes Niveau. Wir können noch besser werden in der Vermarktung, vor allem in Bezug auf die internationalen TV-Gelder. Wir bekommen für die Qualität, die wir bieten, im Vergleich zu anderen Ligen zu wenig Geld. Fußballerisch sind wir auf einem Topniveau und für mich mit England und Spanien gleichgestellt.  

SPORT1: Was muss passieren, damit die Bundesliga mehr Geld bekommt? 

Carro: Ganz einfach: Wir müssen in den Vereinen, aber auch in der DFL, selbst einfach noch mehr, noch besser und noch effizienter arbeiten. 

Leverkusen sehnt sich nach einem Titel

SPORT1: Sie streben mit Bayer 04 eine Kooperation mit einem MLS-Klub an. Wann können Sie Vollzug melden? 

Carro: Wir sind seit knapp zwei Jahren an diesem Thema dran und auch schon relativ weit. Das wurde durch die Pandemie allerdings etwas gebremst. Das Konzept steht und ich hoffe, dass wir 2021 einen großen Schritt machen können. Das hat für uns große Priorität. 

SPORT1: Wieso ausgerechnet die USA? 

Carro: Wir wollen eine große und starke globale Fußballmarke werden. Da gehören große Märkte wie die USA oder auch China sicherlich dazu. Wir haben schon jetzt über unsere digitalen Kanäle sehr viele Anhänger und Sympathisanten auf der ganzen Welt - auch in den USA. Der Fußball wird immer stärker und beliebter, 2026 findet die Weltmeisterschaft drüben statt. Dazu ist unser Mutterkonzern in den Staaten sehr stark und letztlich interessiert an der Präsenz unserer Marke dort.  

SPORT1: Abschließende Frage: Welche Überschrift wünschen Sie sich bei SPORT1 am Ende der Saison 2020/2021? 

Carro: "Bayer hat es geschafft: Die Schale geht an Bayer Leverkusen!" Das wäre mein Wunsch.

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