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Krönt der FC Bayern sein perfektes Jahr mit dem siebten Titel? Olympia-Held Mark Spitz spricht im SPORT1-Interview über die Laureus-Awards und Olympia in Tokio.

Mark Spitz ist früh auf den Beinen. Es ist 9 Uhr morgens in Los Angeles. Der Held der Olympischen Spiele von 1972 in München nimmt sich Zeit.

Der 71-Jährige ist einer von weltweit über 60 Academy-Mitgliedern, die über die Vergabe der Sport-Oscars bestimmen.

Spitz spricht mit SPORT1 über einen möglichen Gewinn des FC Bayern bei den Laureus Awards, über die bevorstehenden Olympischen Spiele in Tokio im Zeichen der Corona-Pandemie und über das Geheimnis seines Erfolges in München vor fast 49 Jahren.

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SPORT1: Herr Spitz, ich hoffe, Sie und Ihre Familie sind gesund! Wie geht es Ihnen, wie ist die Situation im Umgang mit Corona in den USA?

Mark Spitz: Meine Frau und ich haben Freitag vor einer Woche unsere zweite Impfung bekommen. Danach habe ich mich ein bisschen gefühlt wie nach einer kleinen Erkältung. Uns geht es gut. Wir verhalten uns jetzt aber nicht anders als vor der Impfung. Wenn ich aus dem Haus gehe, trage ich weiter eine Maske und achte auf Abstand zu anderen Menschen. Hier in Los Angeles und in Kalifornien sind die Impfungen inzwischen gut angelaufen, alles verläuft sehr organisiert. Ich hoffe, dass nun auch andere Menschen zügig geimpft werden können.

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SPORT1: In gut vier Monaten stehen die Olympischen Spiele in Tokio an. Halten Sie es für richtig oder verantwortungslos, dass Olympia stattfinden soll?

Spitz: Es gibt keine einfache Antwort auf diese Frage. Zunächst einmal glaube ich, dass fast alle Athleten an Olympia teilnehmen wollen. Dieser Wunsch sollte ernst genommen werden. Die Lösung könnte eine Organisation nach Vorbild der NBA sein. Dort wurde die vergangene Saison in einer Blase in Disneyworld beendet.

Mark Spitz: Das könnte eine Lösung für Olympia in Tokio sein

SPORT1: Wie kann das in Tokio funktionieren?

Spitz: Meine Überlegung für die Schwimmwettkämpfe – aber auch für andere Sportarten - ist folgende: Lassen wir die Vorläufe wegfallen und richten nur Halbfinals und Finals aus. Für die übertragenden Fernsehsender sind ohnehin vor allem nur diese Läufe von Interesse. Damit könnten auch das Internationale Olympische Komitee und das Organisationskomitee von Tokio leben. Dann sprechen wir bei acht Bahnen von 16 Schwimmern in jeder Disziplin. Hochgerechnet kommen wir auf je 270 Athleten bei Frauen und Männern. Plus Kampfrichter kommen wir auf etwa 800, wenn es hochkommt auf 1000 Menschen. Die kann man in einem großen Hotel oder auf einem Kreuzfahrtschiff in der Bucht von Tokio unterbringen.

SPORT1: Das bedeutet, jede Sportart bekommt ihre eigene Blase?

Spitz: Exakt.

SPORT1: Was wäre mit dem Olympischen Dorf?

Spitz: Da würden 15.000 Athleten zusammen sein, bei einem ständigen Kommen und Gehen, ohne die nötige Distanz. Da ist das Risiko meiner Meinung nach zu hoch.

SPORT1: Keine Vorläufe würde auch bedeuten: kaum Möglichkeiten für Athleten aus kleineren Nationen, an den Spielen teilzunehmen. Wären das noch Olympische Spiele, die mit ihren ureigenen Werten übereinstimmen?

Spitz: Natürlich bedeutet Olympia viel Tradition, natürlich wäre es ein großer Kompromiss. Aber es gäbe die Möglichkeit, großartige Wettkämpfe zu kreieren. Und seien wir ehrlich: die Olympischen Spiele haben sich doch in den vergangenen Jahrzehnten ohnehin immer mehr zu TV-Spielen gewandelt.

"Ich bin ein großer Fan"

SPORT1: Themenwechsel – sind Sie interessiert in Fußball?

Spitz: Na klar, ich habe sogar zwölf Jahre lang eine Jugendmannschaft trainiert.

Mark Spitz outet sich im SPORT1-Interview als großer Fan des FC Bayern
Mark Spitz outet sich im SPORT1-Interview als großer Fan des FC Bayern © Marc Tirl/Imago

SPORT1: Sie können sich sicher denken, warum ich Sie das frage. Der FC Bayern ist in diesem Jahr für einen Laureus-Award nominiert worden. Verfolgen Sie ab und zu Spiele der Bayern – zumal Sie ja eine besonderen Bezug zur Stadt München haben?

Spitz: Bei meinen verschiedenen Besuchen in Deutschland habe ich sogar schon ein paar Spiele in München im Stadion gesehen. Zuletzt habe ich die Spiele der Bayern bei der Klub-WM zusammen mit meiner Frau vor dem Fernseher verfolgt.

SPORT1: Die Bayern haben alle sechs möglichen Titel in einem Jahr gewonnen. Werden sie sich bei der Preisverleihung im Mai auch über den Sport-Oscar freuen können?

Spitz: Ich bin ein großer Fan. Aber es gibt natürlich sehr gute Konkurrenz (die anderen nominierten Teams sind der FC Liverpool, das Formel-1-Team von Mercedes, die Kansas City Chiefs als Super-Bowl-Gewinner 2020, NBA-Sieger Los Angeles Lakers und die argentinische Rugby-Nationalmannschaft, Anm. d. Red.).

SPORT1: In München gibt es den Spruch "Mia san Mia", er steht für eine Art Sieger-DNA. Was ist das Geheimnis dieses Erfolges?

Spitz: Als früherer Schwimmer lassen sich Individual- und Mannschaftssport natürlich nicht direkt miteinander vergleichen. In einer Mannschaft gibt es unterschiedliche Spieler. Der eine ist immer hochmotiviert, der andere braucht auch mal einen Tritt in den Hintern, der eine ist eine Primadonna und benötigt eine Streicheleinheit, der andere strotzt vor Selbstvertrauen. All diese Charaktere muss ein Trainer moderieren, damit am Ende das Bestmögliche herauskommt. Am Ende zeichnet eine Mannschaft wie den FC Bayern aber eins aus: Sie will immer gewinnen und hat keine Angst zu verlieren.

Angst? "Darauf können Sie wetten"

SPORT1: Hatten Sie 1972 bei den Olympischen Spielen in München Angst, den hohen Erwartungen nicht gerecht zu werden?

Spitz: Darauf können Sie wetten!

SPORT1: Das hat man Ihnen aber nicht angemerkt. Am Ende standen sieben Goldmedaillen – mit sieben Weltrekorden. Lange waren Sie damit der erfolgreichste Olympionike.

Spitz: Ich habe es verstanden, diese Angst kleinzuhalten. Mich zu beruhigen, zu konzentrieren und mich auf meine Stärken zu besinnen. Ich war damals nicht viel besser als meine Konkurrenten. Aber das zeichnet einen Weltklasseathleten aus – dass er seine beste Leistung abruft, wenn es darauf ankommt. Das hat zum Beispiel ein Tiger Woods als Golfer in seinen größten Zeiten geschafft. Das betrifft auch die größten Fußballer.

SPORT1: Wer hat denn in Tokio das Zeug dazu, Olympia-Geschichte zu schreiben?

Spitz: Bei den Schwimmwettkämpfen könnte das eine Katie Ledecky sein. Aber lassen wir uns überraschen. Bei Olympia ist der Druck immer noch einmal größer, weil die Abstände zwischen den Spielen nun einmal größer als bei Weltmeisterschaften sind. Und in diesem Jahr muss sich zudem zeigen, wer mit den Umständen wegen Corona am besten zurechtkommt.

SPORT1: Laureus setzt sich seit über 20 Jahren auch dafür ein, benachteiligten Kindern und Jugendlichen über soziale Sportprogramme zu helfen.

Spitz: Exakt. Es geht ja nicht nur um Weltklasseathleten oder um jene, die es irgendwann werden können. Wir wollen vor allem Kindern und Jugendlichen helfen, sich gut zu fühlen. Ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, sich Ziele zu setzen und diese zu erreichen. Wenn man Kinder in einem Box-Camp davon abhalten kann, in die Kriminalität zu rutschen – dann ist das vielleicht viel wichtiger als jede Olympische Goldmedaille.

Das sind die Nominierten für die Laureus Awards 2021 in den Hauptkategorien:

Team des Jahres: Argentiniens Rugby-Nationalmannschaft, FC Bayern, Kansas City Chiefs, FC Liverpool, Los Angeles Lakers, Mercedes

Sportlerin des Jahres: Anna van der Breggen, Federica Brignone, Brigid Kosgei, Naomi Osaka, Wendie Renard, Breanna Stewart

Sportler des Jahres: Joshua Cheptegei, Armand Duplantis, Lewis Hamilton, LeBron James, Robert Lewandowski, Rafael Nadal

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