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Dem neuen Bayern-Trainer Julian Nagelsmann drohen einige Fettnäpfchen. SPORT1 erklärt, welche Fehler der gebürtige Oberbayer unbedingt vermeiden muss.

Julian Nagelsmann ist der jüngste Bayern-Trainer seit 30 Jahren und seine schon recht beachtliche Bundesligaerfahrung (181 Spiele) beschränkt sich auf relativ ruhige Bundesligastandorte (Hoffenheim, Leipzig).

In München kommt er in eine andere Welt und wenn er das Laufzeitende seines Fünf-Jahres-Vertrags erreichen will, sollte er besser diese zehn Fehler seiner Vorgänger nicht wiederholen:

Keine großen Sprüche klopfen, die einem noch um die Ohren gehauen werden können: Jürgen Klinsmann versprach 2008, er wolle "jeden Spieler jeden Tag ein Stückchen besser machen." Eine Steilvorlage für seine Kritiker in einer Saison, in der alles schlechter wurde. In Richtung Größenwahn ging auch das Foto, das Dettmar Cramer 1976 nach dessen zweiten Europapokalgewinn von sich im Napoleon-Kostüm machen ließ. Wird wohl nicht passieren, für eine solches Motiv ist Nagelmann viel zu groß (rein körperlich).

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Der damalige Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann
Der damalige Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann © Imago

Keinen Rotwein mit Uli Hoeneß ausschlagen

Kein Hokuspokus: Sichtbares Zeichen der neuen Zeitrechnung ab Sommer 2008 waren die Buddha-Figuren, die ein Künstler mit Klinsmanns Genehmigung auf den Dächern des Spielertrakts errichten will. Auch daran hatte der Boulevard seine helle Freude, mit jeder Niederlage wurde Klinsmanns Kompetenz mehr in Zweifel gezogen. Sie verschwanden noch schneller wieder als der Trainer – und der blieb nur zehn Monate.

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Keinen Rotwein mit Uli Hoeneß ausschlagen: Diesen Fehler beging der passionierte Teetrinker Felix Magath. Das Freitagabendritual im Spielerhotel, das Hoeneß mit all seinen Trainern pflegte, war mit ihm nicht zu machen. So entstand nie eine besondere Nähe, die den Mister FC Bayern etwa mit Jupp Heynckes oder Ottmar Hitzfeld verband. Während er die Genannten bekanntlich zurückholte, trat er bei Magath (2004 – Januar 2007 im Amt) nach: "Er sollte sich mal fragen, warum die Spieler überall Partys feiern, wenn er wieder weg ist."

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Brazzos Personalpolitik nicht öffentlich schlecht machen: Schlecht finden kann man sie ja, findet jeder eigentlich. Doch dass Hansi Flick das im Januar 2020, kaum dass er im Amt war, andeutete, entzündete den Schwelbrand, der ein Jahr später zum Flächenbrand wurde. Der Vorstand konnte aber nicht anders, als zu Flicks Vorgesetzten Hasan Salihamidzic zu halten. Also, auch wenn es zum Nachteil aller Medien ist: besser intern stänkern gegen Brazzo.

Hans Dieter Flick und Hasan Salihamidzic
Hans Dieter Flick und Hasan Salihamidzic © Imago

Thomas Müller nicht als Notlösung bezeichnen

Nicht zu viel rotieren solange Rummenigge noch da ist: Sonst muss er sich eventuell belehren lassen, dass "Fußball keine Mathematik ist". Ein kleiner Spruch, nach einem vercoachten Europacupspiel gefallen, der große Wirkung hatte und zwischen dem Vorstandschef und dem Trainer stand. Noch lange nach Ende der zweiten Amtszeit Hitzfelds (Januar 2007 – 2008), in die diese Kränkung fiel.

Bloß nicht Thomas Müller als Notlösung bezeichnen: Der Fußball wird immer internationaler, auch die Münchner haben kaum noch Bayern. Abgesehen natürlich von Thomas Müller, auf den die Führung zwecks Identifikationsfaktor auf keinen Fall verzichten will. Natürlich darf er ihn aus Leistungsgründen oder der Schonung halber auch mal draußen lassen, doch bitte nicht mit dem Zusatz ihn nur zu bringen "wenn Not am, Mann ist". Dieser Satz war der erste Nagel im Sarg von Niko Kovac (2018 – Herbst 2019 Trainer).

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Die Medienarbeit nicht als notwendiges Übel betrachten: Sie gehört heute dazu und ist in München sicher viel intensiver als in Hoffenheim oder in Bremen. Von dort kam 1995 Otto Rehhagel und wollte gleich mal den täglichen Talk im Pressestüberl abschaffen. Präsident Franz Beckenbauer brachte ihn zur Räson, aber mit den Medien hatte es sich König Otto trotzdem gleich mal verdorben. Kein Wunder, dass ihn keiner stützte, als sie ihn nach neun Monaten feuerten.

Pep Guardiola im Gespräch mit Hans-Wilhelm Mueller-Wohlfahrt
Pep Guardiola im Gespräch mit Hans-Wilhelm Mueller-Wohlfahrt © Imago

Louis van Gaal übertrat die rote Linie

Die Mediziner als Teil der Mannschaft und nicht als Problem sehen: Spieler und Betreuer haben eine besondere Beziehung, das weiß jeder Fußballer. Auf der Massagebank schüttet so mancher sein Herz aus und weiß das Geheimnis doch gut aufgehoben. Die Physios und Ärzte gehören zum Team. Wer sich wie einst Pep Guardiola, der ihnen für Verletzungen die Schuld gab und höhnisch Beifall klatschte, mit Clublegenden wie Dr. Müller-Wohlfahrt anlegt, legt sich auch mit den Spielern an. Dann schützt ihn nur noch der Erfolg vor einer Meuterei.

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Bloß kein Buch schreiben und damit angeben: Der im Verein unbeliebteste Trainer des 21. Jahrhunderts war zweifellos der Niederländer Louis van Gaal (2009-11), der sich selbst als "arrogant" bezeichnete. Durfte er sich gegenüber den Spielern noch einiges herausnehmen, so übertrat er die rote Linie, als er sein mit Lebensweisheiten gespicktes Buch präsentierte und den Vorständen Hoeneß und Rummenigge vor Publikum dringend empfahl, da auch mal reinzuschauen. Sie könnten noch was lernen. Wenig später kanzelte Hoeneß ihn öffentlich als unbelehrbar ab und selbst nach einem gemeinsamen Glas Rotwein kamen sie nicht mehr zusammen.

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Bloß nicht den Europapokal vom Rathausbalkon versprechen: So geschehen im Mai 1990 im Überschwang der Gefühle, was man beim älteren Jupp Heynckes eher selten feststellen musste. In seiner ersten Amtszeit (1987-1991) holte Jupp aber "nur" die Meisterschale an die Säbener Straße. Der Spruch hing ihm ewig nach, bis er ihn 2013 in Amtszeit Nummer 3 noch mit Leben erfüllte.

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