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München - David Alaba wechselt zur neuen Saison zu Real Madrid. Der frühere österreichische Nationaltrainer Marcel Koller spricht bei SPORT1 über den Ex-Bayern-Star.

Nach monatelangem Gezerre wurde der Wechsel in der vergangenen Woche endlich bekanntgegeben. Nach 13 Jahren beim FC Bayern wird David Alaba in der neuen Saison für Real Madrid auflaufen. 

Marcel Koller kennt den 28-Jährigen gut. Von 2011 bis 2017 war er Alabas Trainer in der österreichischen Nationalmannschaft.

Im SPORT1-Interview spricht Koller ausführlich über den Ex-Bayern-Profi und dessen Wechsel zu den Königlichen.

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SPORT1: Herr Koller, wie geht es Ihnen und was machen Sie gerade?
 
Marcel Koller: Ich habe aktuell kein Engagement, aber mir geht es gut und ich genieße mal die Zeit ohne Fußball im täglichen Alltag, freue mich aber auf die Europameisterschaft. Ich komme jetzt etwas runter, kann mich erholen, mir Gedanken machen und Kräfte für etwas Neues sammeln. Ich warte in Ruhe auf eine neue Herausforderung. 

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SPORT1: Lassen Sie uns über David Alaba sprechen, den Sie zwischen 2011 und 2017 in der österreichischen Nationalmannschaft betreut haben.

Koller: David war für mich zu meiner Zeit als Nationaltrainer ein eminent wichtiger Spieler. Auch aufgrund seiner Position beim FC Bayern, wo er über die Jahre viel Erfahrung sammeln konnte. Ich habe ihn nicht nur als Spieler, sondern auch als Typ sehr gemocht. Er ist ein herausragender Mensch mit einem ganz eigenen Schmäh. Fußballerisch müssen wir nicht über ihn diskutieren, er hat schließlich mit den Bayern zwei Mal die Champions League gewonnen und wurde zehnmal Deutscher Meister. 

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Koller zum Real-Wechsel von Alaba: "David wird das meistern"

SPORT1: Was haben Sie gedacht, als sein Wechsel zu Real Madrid nach monatelangem Gezerre zuletzt endlich über die Bühne war? 

Koller: Ich habe mich natürlich für David gefreut. Das ist der richtige Schritt zur richtigen Zeit. Er ist Papa geworden und hat nun seine eigene Familie gegründet. Es war also wohl der letzte günstige Zeitpunkt, um zu wechseln und ein neues Land sowie eine neue Mentalität kennen zu lernen. Und Real ist eine Top-Adresse im Fußball. David wird das meistern. Auch aufgrund seiner Erfahrung.

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SPORT1: Passt die spanische Liga denn zu Alaba oder wäre für ihn als Abwehrspieler die Premier League nicht besser gewesen?

Koller: Ich glaube, dass Spanien vom spielerischen und taktischen schon sehr gut zu David passt. Natürlich ist der Fußball in England ziemlich robust, da wird 90 Minuten mit Power rauf und runter gespielt. Man passt sich als Spieler auch dem Niveau an. Ich hätte auch bei der Premier League für David keine Probleme gesehen. Er kann in jeder Liga spielen. Alaba und Real Madrid passen perfekt zusammen. Ich werde seinen weiteren Weg interessiert verfolgen. 

Verstehen sich blendend: Marcel Koller (l.) und David Alaba. Hier bei einer Ehrung des österreichischen Nationalspielers
Verstehen sich blendend: Marcel Koller (l.) und David Alaba. Hier bei einer Ehrung des österreichischen Nationalspielers © twitter.com/David_Alaba

SPORT1: Alabas Berater Pini Zahavi wurde von Uli Hoeneß als geldgieriger Piranha bezeichnet. Zahavi vertritt auch die Bayern-Spieler Robert Lewandowski und Kingsley Coman. Zeigt das Beispiel Alaba wieder mal die Macht der Berater?

Koller: Ich denke, das war bei einem Spieler von Davids Klasse ein ganz normaler Vorgang. Ich kann das auch nur anhand der Medienberichte beurteilen. Zahavi ist ein erfahrener Berater und hat einige große Spieler bei sich. Bei solchen Transfers geht es um Millionen und da wird gezankt und natürlich will er für seinen Klienten das Beste rausholen. Die Berater haben auf diesem Level sicher eine ganz andere Position als früher. Das wissen aber die Vereine, die diese Spieler in ihren Reihen haben. 

SPORT1: Aber noch mal gefragt: Bekommen die Berater heutzutage zu viel Macht?

Koller: Das kann man schon sagen. Es gibt einige Top-Berater, die da viel mitbestimmen wollen. So war das sicher auch bei David. Aber ich denke nicht, dass sie den Fußball komplett bestimmen. Sie reden ein wichtiges Wort mit. Man hat aber als Bayern München auch die Möglichkeit zu sagen 'Nein, das machen wir nicht mit'. So war es ja bei David der Fall.

"Alaba wurde in München zu einer Persönlichkeit"

SPORT1: Wurde David im Laufe der Jahre immer selbstbewusster oder ist er ein Junge, der sich schon vom Berater sagen lässt, was zu tun ist?

Koller: David war schon sehr früh ein ausgeschlafener Junge, hatte als 19-Jähriger Selbstvertrauen, als er in die Bundesliga kam. Dieses hat sich natürlich weiterentwickelt. In der Nationalmannschaft lief er am vergangenen Sonntag als Kapitän auf. In München wurde er zu einer Persönlichkeit. Er weiß genau, was er will. Das hat er sicher auch seinem Berater gezeigt. David ist erwachsen, er ist nicht nur auf dem Platz ein Führungsspieler, sondern hat sicher auch in Sachen Vertrag bei seinem Berater immer klar seine Meinung geäußert. 

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SPORT1: Wann haben Sie gemerkt, dass aus Alaba ein Weltklassespieler werden kann?

Koller: Das habe ich schon früh gespürt. Da muss ich eine nette Geschichte erzählen aus der Zeit, als ich österreichischer Nationaltrainer wurde. Da erinnere ich mich an ein Trainingsspiel, als ich taktisch unterbrechen musste. Ein Gegenspieler nahm den Ball an und David stand ein paar Meter von ihm weg. Ich schnappte mir David und sagte ihm 'Versuch doch beim nächsten Mal direkt und schneller den Gegenspieler zu stören und so zu verunsichern'.

Zwei Minuten später war die gleiche Situation und David erkämpfte sich ruck zuck den Ball. Da habe ich gesehen, dass er eine unglaubliche Wahrnehmung und Auffassungsgabe hat. Es gibt auch andere Spieler, die brauchen dafür länger. Andere schaffen es gar nicht, sich zu verbessern. David war da ein Paradebeispiel, wenn es darum ging Dinge schnell umzusetzen, um besser zu werden. 

Koller: "Bei mir hat Alaba immer zentral gespielt"

SPORT1: Können Sie eine weitere Anekdote aus der gemeinsamen Zeit mit Alaba schildern?

Koller: Ich habe ja anfangs gesagt, dass David einen charmanten Schmäh hat. Und im Nationalteam braucht es gewisse Richtlinien, an die sich die Spieler halten müssen. Da hat David immer wieder versucht für das Team etwas rauszuholen. Er hat mich dann mit seinen großen Rehaugen angelächelt. Das hatte er schon drauf. Aber da konnte ich ihm gar nicht böse sein. 

SPORT1: Und ist es ihm gelungen, Sie weich werden zu lassen?
 
Koller: Das eine oder andere Mal schon, da habe ich zugestimmt und konnte nicht hart bleiben. (lacht) Aber David musste das natürlich auch mit Leistung zurückzahlen. Das hat er immer getan.
 
SPORT1: Ist Alaba für Österreich von der Wertigkeit her einer wie Mats Hummels für Deutschland?
 
Koller: Ja. Als damals Christian Fuchs seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft bekanntgegeben hat, sagten alle, dass Alaba jetzt der neue Chef wird und auf der linken Seite spielen muss. Bei den Bayern hat er längere Zeit auch als Innenverteidiger gespielt und zum Schluss in der Champions League auch im Mittelfeld. Bei mir hat David aufgrund seiner unglaublich schnellen Auffassungsgabe immer zentral gespielt. Er kann ein Spiel lesen und sieht, was er blitzschnell tun muss. Das Wertvolle an David ist, dass er verschiedene Positionen spielen  kann. Ich hoffe, dass er auch bei Real eine zentral-offensive Rolle spielen kann. 
 
SPORT1: Hat man Alaba Unrecht getan, als sein Wechsel noch nicht klar war. Da wurde er als geldgieriger Spieler hingestellt.
 
Koller: Da wurde ihm Unrecht getan. David ist nicht geldgierig. Er hat bei den Bayern von Anfang an gutes Geld verdient. Und sein Berater und seine Familie wissen, wie wertvoll er ist für einen Klub. Geld war für ihn bestimmt nicht das ausschlaggebende Argument. Dazu ist David viel zu bodenständig. Gönnen wir ihm diese große Chance bei den Königlichen doch. Er hat sich Real verdient.

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