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München - Für Ajax Amsterdam geht in der Champions League gegen den FC Bayern um den Gruppensieg. Die Erben Rijkaards wollen Geschichte schreiben - viel Zeit bleibt ihnen nicht.

"Es hätte schwerer kommen können", fasste Thomas Müller Ende August die Gruppenauslosung der Champions League aus Bayern-Sicht zusammen.

Eine klassische Müller-Aussage: frei heraus und betont selbstbewusst. Beim Blick auf die bevorstehenden Gegner konnte man ihm da allerdings auch kaum widersprechen: Benfica Lissabon, AEK Athen und Ajax Amsterdam.

Gegen Benfica habe man "etwas gutzumachen", versuchte Kapitän Manuel Neuer die Portugiesen stark zu reden, bei den Griechen erwartete man eine "stimmungsvolle Kulisse".

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Und Ajax? "Klingt einfach gut", ließ Müller salopp verlauten. "Auch da brauchen wir eine Top-Leistung, um als Gruppenerster in die K.o.-Runde einzuziehen", kommentierte Neuer das dritte Los eher beiläufig.

Wie viel Wahrheitsgehalt in seiner Aussage stecken sollte, war dem Nationaltorhüter zu diesem Zeitpunkt vermutlich noch nicht bewusst.

Denn tatsächlich geht es für die Bayern heute Abend in Amsterdam (Champions League: Ajax Amsterdam - Bayern München ab 21 Uhr im LIVETICKER, alle Informationen auch im Fantalk ab 20.30 Uhr im TV auf SPORT1) um den Gruppensieg. Bei einer Niederlage gegen die Niederländer reicht es nur zu Platz zwei. Gruppensieger wäre in diesem Fall Ajax.

Ajax-Talentschmiede hat geliefert

Wer hätte das vor der Gruppenphase gedacht? Klar, Amsterdam spielte auch in den letzten Jahren regelmäßig in der Königsklasse - jedoch eher eine Nebenrolle. Der letzte Einzug in die K.o.–Phase der Champions League gelang Ajax in der Saison 2005/06. Die prägenden Figuren der damaligen Elf: Wesley Sneijder, Klaas-Jan Huntelaar und Thomas Vermaelen.

Dreizehn Jahre später werden die Niederländer wieder ein Achtelfinale des prestigeträchtigsten Klub-Wettbewerbs der Welt erreichen. Die prägenden Namen heute: Matthijs de Ligt, Frenkie de Jong und Hakim Ziyech.

Für sie geht es heute lediglich darum, ob sie den FC Bayern noch von Gruppenplatz eins verdrängen können.

Die sagenumwobene Ajax-Talentschmiede, die bereits etliche Weltstars wie Johan Cruyff, Frank Rijkaard oder Dennis Bergkamp - um nur drei zu nennen - hervorbrachte, hat wieder geliefert.

Ajax "vielleicht so stark wie 1995"

Es werden bereits Vergleiche mit der legendären Mannschaft von 1995 gezogen, die auf ihrem Weg zum Champions-League-Sieg im Halbfinale den deutschen Rekordmeister daheim mit 5:2 deklassierte.

Unter der Regie von Louis van Gaal bestimmten Clarence Seedorf und Jari Litmanen vor der Abwehr um Rijkaard und Danny Blind im Ajax-Mittelfeld das Tempo, Marc Overmars wirbelte auf dem Flügel, Edwin van der Sar hütete den Kasten und der Stern von Patrick Kluivert begann zu leuchten. Für Edgar Davids blieben damals nur schnöde drei Einsatzminuten.

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Ronald de Boer, Torschütze an besagtem Frühlingstag in der niederländischen Metropole, sagt über das potentielle Nachfolger-Team aus dem Jahr 2018 im Telegraaf: "Das aktuelle Ajax ist vielleicht genauso stark wie das 95er Team.“

Ob man diese Aussage nun unterschreiben möchte oder nicht - esyines steht fest: Die Ajax-DNA wurde auch der 2018er-Mannschaft eingeimpft.

Lehrstunde im Hinspiel

Der "Totale Fußball", bei den Ajacieden etabliert von Trainer-Legende Jack Reynolds in den 50er Jahren, verfeinert vom legendären Rinus Michels und später auf die Spitze getrieben von Cruyff, wird auch in der heutigen Generation gelebt. Der Ball steht im Mittelpunkt der Ausbildung. Jeder Spieler verfügt über herausragende technische Fähigkeiten.

Vom Torhüter bis zum Einwechselspieler: Jeder greift an, jeder verteidigt. Ein überdurchschnittliches taktisches Grundverständnis wird den Talenten bereits im frühesten Jugendalter eingetrichtert.

Wer das Hinspiel gegen den FC Bayern in der Allianz Arena verfolgt hat, konnte sich ein Bild davon machen. Obwohl die Bayern früh in Führung gingen, beeindruckte an diesem Abend nur eine Mannschaft. Der deutsche Rekordmeister konnte dabei von Glück reden, dass die jungen Amsterdamer reihenweise Großchancen ausließen.

Die Zuschauer rieben sich mitunter verblüfft die Augen. Derart vorgeführt wurde eine Bayern-Mannschaft auf heimischem Geläuf schon lange nicht mehr.

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Und das von einer Elf mit einem Durchschnittsalter von gerade einmal 24,4 Jahren. Angeführt vom 19-Jährigen Kapitän de Ligt und dem 21-jährigen Strippenzieher de Jong. Zum Vergleich: Die Bayern-Startelf war im Schnitt 30 Jahre alt.

Droht der große Ausverkauf?

Was die Generation von 1995 von der heutigen wohl am meisten unterscheidet: Die äußeren Umstände. Die Fußballwelt ist noch schneller geworden. Noch kurzlebiger. Noch undurchsichtiger. Sehr viele Menschen verdienen sehr viel Geld an ihren "Fußballer-Aktien". Die Karriere-Planung, inklusive der eigenen Vermarktung, steht über allem. Dass ein junges, talentiertes Team gemeinsam reifen kann, ist fast ausgeschlossen.

Wenn man dann noch weiß, dass beispielsweise Abwehr-Juwel de Ligt, an dem auch der FCB stark interessiert sein soll, vom berühmt-berüchtigten Spielerberater Mino Raiola vertreten wird, lässt sich erahnen, dass diese Mannschaft in dieser Konstellation nicht lange zusammenbleiben wird.

Auch Wunderkind Frenkie de Jong wird längst mit allen europäischen Schwergewichten der Branche in Verbindung gebracht. Zum engeren Favoriten-Kreis gehören aktuell der FC Barcelona und Paris Saint-Germain. Die Ablösesumme wird sich wohl zwischen 75 und 80 Millionen Euro einpendeln. Ein Abgang im Sommer scheint beschlossene Sache. 

Der 2018er-Generation wird also aller Voraussicht nach nicht viel Zeit bleiben, sich in die Geschichtsbücher einzutragen.

Vielleicht setzt sie heute Abend ein weiteres Ausrufezeichen. Sollten die Bayern Ajax im Laufe des Wettbewerbs dann nochmal begegnen, werden sich die Aussagen nach der Auslosung vermutlich etwas anders anhören.

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