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München - Real Madrid bekommt im Halbfinale der Champions League vom FC Chelsea seine Grenzen aufgezeigt. Das Team von Zinédine Zidane benötigt eine Blutauffrischung.

Am Ende hatte nur noch ein Spieler von Real Madrid gute Laune.

Eden Hazard schien das Halbfinal-Aus seines Teams gegen den FC Chelsea zumindest für einen Moment nicht wirklich zu stören. Nach dem 0:2 der Königlichen an der Stamford Bridge scherzte der Belgier mit seinem ehemaligen Teamkollegen Kurt Zouma und Chelsea-Keeper Edouard Mendy auf dem Spielfeld. Bei den Real-Fans kam das naturgemäß weniger gut an.

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Alle anderen Königlichen waren nach der Pleite gegen das Team von Thomas Tuchel bedient. Es war nicht nur das Ergebnis, das Zinédine Zidane & Co. frustriert haben dürfte. Vielmehr wurde deutlich: Dieser Real-Mannschaft wurde von den Blues ihre Grenzen aufgezeigt.

Real Madrid fängt sich nach Katastrophenstart in die Saison

Das sah die spanische Presse ähnlich. "Es gibt keine schlimmere Trauer für Madrid als den Tag, an dem sie aus der Champions League ausscheiden. Der Verein empfindet es als eine Vertreibung aus dem, was er als sein Zuhause begreift. Aber dieses Mal bot er keine Argumente, um darüber zu diskutieren", schrieb die as.

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Mit 14 zu 8 Schüssen dominierten Torschütze Timo Werner und seine Mitspieler Madrid, bei vernünftiger Chancenverwertung hätte eine deutlich höhere Niederlage herausspringen können, fast müssen.

"Wir haben in beiden Spielen gelitten", sagte Torhüter Thibaut Courtois, der Schlimmeres verhinderte. Mittelfeldmann Casemiro erkannte: "Die ersten 25 Minuten waren wir besser und hatten Chancen durch Karim. Für das danach gibt es keine Erklärung."

Und so stellt sich die Frage, wie die Real-Saison zu bewerten ist. Denn sportlich glich sie zu großen Teilen einer Achterbahnfahrt. Nach einem katastrophalen Saisonstart stand Zidane (einmal mehr) kurz vor dem Aus, allein im Oktober und November verlor Real mit drei La-Liga-Spielen genauso viele wie in der vergangenen Meistersaison zusammen. Der Traum vom erneuten Ligatitel schien beinahe schon ausgeträumt zu sein.

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Auch in der Gruppenphase der Königsklasse taten sich die Königlichen schwer, machten erst am letzten Spieltag durch einen 2:0-Sieg gegen Borussia Mönchengladbach den Achtelfinaleinzug perfekt. Als wäre dieser Sieg eine Initialzündung gewesen, startete die Zidane-Elf im Anschluss eine Serie. Bis zur Niederlage gegen Chelsea verlor Madrid nur noch zwei Pflichtspiele. Eines davon war allerdings das sensationelle Aus in der dritten Runde der Copa del Rey gegen den Drittligisten CD Alcoyano.

Real-Achse seit Jahren unverändert

Doch in der Liga pirschte sich Real Stück für Stück an die Spitze heran. Spätestens der 2:1-Sieg im Clásico gegen den FC Barcelona Anfang April ließ die Fans vom erneuten Titel träumen. Mit zwei Punkten Rückstand auf Tabellenführer und Stadtrivale Atlético sind die Titelchancen vier Spieltage vor Schluss intakt. (Service: Tabelle von La Liga)

Am Wochenende könnte mit dem Spiel gegen den FC Sevilla eine Vorentscheidung fallen. Denn auch die Andalusier können mit vier Zählern Rückstand auf Real noch Meister werden. Und Barcelona rechnet sich ebenfalls Chancen aus, die Katalanen sind sogar punktgleich mit der Zidane-Elf. Am Ende kann für Real von Titel bis Platz vier alles herausspringen. (Ergebnisse und Spielplan La Liga)

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Der Halbfinaleinzug in der Königsklasse ist durchaus als Erfolg zu werten. In den vergangenen beiden Jahren scheiterte der siebenmalige CL-Sieger jeweils im Achtelfinale. Doch in Madrid ist man Höheres gewohnt. Die Mannschaft versprüht längst nicht den spielerischen Glanz, der sie in den Jahren 2016 bis 2018 dreimal in Folge den Henkelpott in die Höhe stemmen ließ.

Braucht diese Mannschaft eine Blutauffrischung? Mit Sergio Ramos, Karim Benzema, Casemiro, Luka Modric und Toni Kroos standen gegen die Blues fünf Spieler auf dem Platz, die auch schon 2016 im Finale aufliefen - auf zentralen Positionen.

So merkt man Modric und Ramos (beide 35) an, dass beide ihren Zenit bereits überschritten haben. Vor allem der Kapitän stößt in der aktuellen Saison körperlich an seine Grenzen. Gesundheitsbedingt hatte er vor dem Chelsea-Spiel nur eine Partie seit Januar absolviert. Gegen die Blues gab er zwar sein Comeback, die nötige Stabilität brachte das dem Team allerdings kaum.

Ramos vor Abschied?

Zudem steht bei Ramos ein Fragezeichen hinter seiner Zukunft. Der Vertrag läuft aus, Medienberichten zufolge liebäugelt der Spanier mit einem Abschied. Zumal mit David Alaba der designierte Nachfolger ja bereits in den Startlöchern steht, auch wenn der ablösefreie Wechsel noch nicht perfekt ist. (So erklärt Alaba seinen Bayern-Abschied)

Kroos zeigte in der aktuellen Spielzeit dagegen, dass er durchaus auch Teil der Real-Zukunft sein kann, wenngleich auch er gegen Chelsea kaum Akzente setzen konnte und bisweilen hilflos erschien.

Und im Sturm mimt Altmeister Karim Benzema den Alleinunterhalter. Der 33 Jahre alte Franzose spielt eine überragende Saison (28 Tore in 42 Pflichtspielen), erfährt aber zu wenig Unterstützung. Sogar die Sportzeitung Marca forderte "eine große Verpflichtung" als Hilfe für Benzema.

Allgemein mangelt es im Offensivspiel der Königlichen an Kreativität.

Hazard bekommt sein Fett weg

Mit Spielern wie Vinicius Junior, Rodrygo oder Federico Valverde hat Real durchaus einige talentierte Akteure, jedoch benötigen sie noch Zeit, um sich an das dauerhaft hohe Niveau der Königlichen anzupassen.

Und Hazard? Der 115-Millionen-Transfer kommt auch in seiner zweiten Saison in Madrid überhaupt nicht in Tritt. Auch er fiel fast das gesamte Kalenderjahr 2021 mit Verletzungen aus, gegen sein Ex-Team blieb der Belgier blass. "Eden muss spielen. Er muss sein Selbstvertrauen wieder kriegen, Stück für Stück über die Spiele", erklärte Zidane nach der Begegnung.

Auch mit Übergewicht hat Hazard immer wieder zu kämpfen, was den ehemaligen Chelsea-Spieler Damien Duff dazu veranlasste, den Flügelspieler verbal zu attackieren. "Er kam zur Real-Vorbereitung - als 160-Millionen-Euro-Galáctico - mit Übergewicht aus dem Urlaub. Fett! Nennt es, wie ihr wollt", sagte Duff im Gespräch mit RTE.

Top-Transfer trotz Super-League-Fiasko?

Viel Geld für Neuzugänge dürfte nicht vorhanden sein, wenngleich aus sportlicher Sicht der ein oder andere Großtransfer unabdingbar scheint, um mit der europäischen Spitze mitzuhalten.

Die Corona-Krise traf auch den ohnehin schon hochverschuldeten spanischen Meister hart, zudem wird das Estadio Santiago Bernabéu für viel Geld modernisiert.

Das Super-League-Fiasko, bei dem Real-Präsident Florentino Pérez treibende Kraft war und sich als Retter des Fußballs inszenierte, hinterließ nicht nur einen Imageschaden. Mit den über 300 Millionen Euro, die Real allein für die Teilnahme kassiert hätte, ließe sich einiges anstellen. Namen wie Kylian Mbappé oder Erling Haaland, die seit Wochen mit Real in Verbindung gebracht werden, hätten sich mit den Super-League-Millionen um einiges leichter finanzieren lassen.

Doch das Projekt scheiterte nur drei Tage nach der Gründung krachend. Und laut ESPN droht weiter Ungemach, ein Ausschluss aus der Champions League für die kommenden Jahre sei demnach für Real immer noch möglich. Mit dem Aus am Mittwoch setzte es den nächsten Tiefschlag.

Zukunft von Zidane ungewiss

Die Zukunft Zidanes in Madrid scheint ebenfalls noch ungewiss. Der 48-Jährige widerlegte mit dem eindrucksvollen Turnaround zwar einmal mehr seine Kritiker, doch auch er trug eine Mitschuld am Aus gegen die Blues. "Zidane hatte einen Plan. In seinem Kopf war sein Plan wunderbar, aber auf dem Spielfeld funktionierte er nicht", kritisierte Mundo Deportivo.

Er selbst hielt sich zuletzt bedeckt, was seine Zukunft angeht. Zidane wird mit Juventus Turin in Verbindung gebracht, wo Andrea Pirlo Medienberichten zufolge vor dem Aus steht. Zidane soll aber auch klare Vorstellungen davon haben, wie die künftige Real-Mannschaft aussehen soll. Auch Kapitän Ramos soll ein Teil dieser sein.

Mit dem Meistertitel könnte Real seine Achterbahn-Saison noch ein Stück weit retten. Doch spätestens durch das Halbfinal-Aus in der Königsklasse war für alle sichtbar: Dieses Real hat seine besten Tage hinter sich.

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