"Nicht unser Anspruch": Bayern-Stars selbstkritisch
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Osnabrück und München - Der nächste Stotter-Sieg und ratlose Gesichter: Die Bayern stecken in einer spielerischen Depression und brauchen Lösungen. Intern soll es jetzt knallen.

"Keiner kann sich das erklären."

Hasan Salihamidzic rang am späten Dienstagabend ratlos nach Worten als er nach den Gründen für die indiskutable Leistung des FC Bayern bei Viertligist Rödinghausen gefragt wurde. Zwar gewann der Rekordmeister 2:1 und zog in die nächste Pokalrunde ein, aber die aufmüpfigen Amateure aus der Regionalliga setzten den Münchnern erheblich zu und offenbarten den Bayern einmal mehr, dass sie trotz des vierten Sieges in Folge zwar vorerst keine Ergebnis-Krise mehr haben, sich stattdessen in einer spielerischen Depression befinden.

"Teilweise haben wir den Gegner wieder stark gemacht und ihn ins Spiel kommen lassen. Das war nicht Bayern-like", ärgerte sich Kapitän Manuel Neuer.

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Stellt sich die Frage: Was ist Bayern-like? Unter Pep Guardiola war es einst, zumindest national, die absolute Spielkontrolle, das taktische Variantenreichtum, das flexible Positionsspiel. Zuletzt unter Jupp Heynckes war es die stabile Grundordnung - offensiv wie defensiv.

Davon ist bei den Bayern aktuell nicht viel zu sehen.

Zwar startete die Elf von Niko Kovac im Dauerregen von Osnabrück mit viel Tempo und schnürte einen schnellen Doppelpack durch Sandro Wagner (8.) und einem Foulelfmeter von Thomas Müller (13.). Nach einem verschossenen Elfmeter des bis dato starken Renato Sanches (23.) brachen die Bayern aber ein und gaben das Spiel aus der Hand.

Süle: "Wir hatten keine Struktur"

Die Folge: Erneut kaum Tempo in den Angriffen, erneut kein Spielwitz. Dafür ein ausrechenbarer Spielaufbau über Thiago (verletzte sich am rechten Knöchel), Diagonalbälle auf die Flügelspieler. Zudem Unsicherheiten in der Defensive, wieder ein Gegentor über die linke Seite.

Kombinationen durch die Mitte, überraschende Spiel-Elemente, fehlerfreies Defensiv-Spiel? Fehlanzeige.

Niklas Süle sah es ähnlich. "Wir hatten wieder viel zu viele Ballverluste, die zum Glück nicht bestraft wurden. In der zweiten Halbzeit hatten wir keine Struktur. Das darf uns nicht passieren. Wir müssen das souverän runterspielen", sprach der Innenverteidiger die Probleme deutlich an.

Bayern fehlt die Spiel-Idee

Vor allem Kovac muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass den Bayern eine spielerische Dominanz, diese geforderte Souveränität, derzeit abgeht – auch schon in den Vorwochen.

"Die Ergebnisse sind immer das Wichtigste, aber die spielerische Leistung muss auch stimmen – und die hat nur teilweise gestimmt. In Mainz (2:1, d. Red.) hatten wir auch gute Phasen im Spiel, aber auch schlechte", unterstrich Süle diese Thematik und stellte fest, dass die Leistung gegen den Viertligisten nochmal "ein Stück schlechter" war als am Samstag. Süle zu den Gründen: "Weil wir das Tempo rausgenommen haben und zu langsam gespielt haben. Wir haben nicht mit der letzten Konsequenz gespielt."

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Vor allem nicht mit der nötigen Kreativität. Eine spielerische Idee ist derzeit nicht zu erkennen, eine Weiterentwicklung der Mannschaft schon gar nicht. Dabei gab Kovac zu seinem Amtsantritt noch das Ziel aus, die "Spieler besser machen" zu wollen. Aktuell sind sie eher frustriert ob ihrer spielerischen Darbietungen. Deutlich besser machte Kovac bisher nur Sanches, Thiago und Joshua Kimmich. Der Rest stagniert, hat Höhen oder Tiefen, oder ist unzufrieden – wie Sandro Wagner, der unter Kovac kaum zum Zug kommt, gegen Rödinghausen mal wieder in der Startelf stand, aber auch nicht gänzlich überzeugen konnte.

Wagner: "Für die Analyse haben wir einen Trainer"

Immerhin beschönigte auch der Stürmer nicht, was die Bayern auf dem Platz zeigten. "Es bringt nichts, Geschichten zu erzählen. Wir haben gut angefangen, so, wie wir uns das vorgestellt haben. Dann war ein Knacks drin, wir wollten das Spiel souveräner gewinnen, ganz klar", sagte Wagner, der auf eine tiefergehende Analyse verzichten wollte. Kurz, knackig und mit der Botschaft, die zumindest zwischen den Zeilen deutlich hörbar war, sagte er: "Ich bin ein Spieler und muss nicht viel analysieren. Dafür haben wir einen Trainer. Von daher muss man ihn fragen."

Wagner kann Reservistenrolle nicht verstehen

Kovac wurde gefragt und auch er betonte, dass man mit der Leistung nicht zufrieden sein könne, dass man zu viele Fehler gemacht habe.

Jedoch wiederholen sich diese Art der Formulierungen in den letzten Wochen zu oft. Dass die Bayern also selbst immer wieder von "Fehlern" sprechen, ist auch nicht Bayern-like.

Unisono waren sich die Bayern vor ihrer Heimreise nach München daher einig, dass die aktuelle Lage mitunter "knallhart" (Süle) analysiert werden und man intern darüber reden müsse, was schlecht und was gut laufe (Salihamidzic).

Mit anderen Worten: Die mitunter ratlosen Bayern-Stars wollen Lösungen aufgezeigt bekommen und finden – von und mit Kovac. Für die Umsetzung jedoch sind die Spieler auf dem Platz verantwortlich. Süle daher selbstkritisch: "Wir müssen spielerisch viel mehr zeigen. Mit der Qualität, die wir in der Mannschaft haben, ist das deutlich zu wenig."

Dortmund-Knaller rückt immer näher

Auf die Rumpel-Bayern wartet am kommenden Samstag Freiburg in der Liga (Bundesliga: FC Bayern - SC Freiburg, Samstag, 15.30 Uhr im LIVETICKER), dann kommt AEK Athen in der Champions-League, ehe der November-Kracher gegen Borussia Dortmund ansteht (10.11.). Jener BVB und Tabellenführer, der in dieser Saison, anders als die Bayern, schon das ein oder andere fußballerische Feuerwerk gezündet hat.

Fürchten die Münchner mit der Rumpel-Erkenntnis gegen Rödinghausen die Dortmunder? "Keineswegs, auf gar keinen Fall", sagte Neuer und erklärte auch, warum: "Weil wir wissen, welches Potenzial wir haben und was wir in Teilen dieser Spielzeit schon gespielt haben. Das müssen wir über einen längeren Zeitraum schaffen. Das können wir, das weiß ich. Das werden wir versuchen, gegen Dortmund zu machen."

Der Versuch allein, wird den Ratlos-Bayern aber nicht reichen.

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