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Uli Hoeneß droht damit, in Zukunft keine Spieler mehr zur Nationalmannschaft zu schicken - das verstößt gegen FIFA-Regeln. Harte Strafen wären möglich.

Ein Boykott der Nationalmannschaft, falls Manuel Neuer seinen Nummer-1-Status im DFB-Team verlieren sollte - mit dieser Drohung hat Uli Hoeneß für mächtig Wirbel gesorgt.

"Bevor das stattfindet, werden wir keine Nationalspieler mehr abstellen", wird Hoeneß von der Sport Bild zitiert. Dem Spiegel bestätigte er die Aussagen, relativierte aber seine Drohung.

Das Büro des Bayern-Präsidenten teilte dem Nachrichtenmagazin mit: "Unmittelbar nach unserem CL-Spiel gegen Belgrad hat Herr Hoeneß zu den Diskussionen um die Nummer 1 bei der Nationalmannschaft Aussagen gemacht, die er mit etwas Abstand heute nicht mehr so machen würde. Das Thema ist für ihn längst erledigt, und es gibt dazu auch keine weiteren Aussagen von ihm."

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Mit einem Boykott würde der deutsche Rekordmeister eine Strafe vom Weltverband FIFA riskieren. 

SPORT1 beantwortet die wichtigsten Fragen zum Streitfall.

Worum dreht sich der Streit?

Der Torwart-Zoff in der deutschen Nationalmannschaft erreicht die nächste Eskalationsstufe. Nachdem Marc-André ter Stegen seinen Unmut über fehlende Einsatzzeiten im DFB-Team kundgetan hatte, teilte Hoeneß bereits gegen den Keeper des FC Barcelona und den DFB aus, kündigte unter anderem an, dem Verband "Feuer" geben zu wollen.

Nun stellte der Präsident des FC Bayern klar: Sollte Löw Manuel Neuer zugunsten von ter Stegen dauerhaft auf die Bank setzen, werde man Konsequenzen ergreifen.

Die Situation in der Nationalelf erinnere Hoeneß zwar nicht an die Ablösung von Oliver Kahn durch Jens Lehmann vor der WM 2006, aber "wir werden das nie akzeptieren, dass hier ein Wechsel stattfindet", sagte er. Ein Gespräch mit Löw lehnt der Bayern-Boss allerdings ab: "Der wird jetzt schon hören, was wir alles gesagt haben, dem werden schon die Ohren klingeln."

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Was besagen die FIFA-Regulariern?

Dass der FC Bayern grundsätzlich Spieler abstellen muss.

Im "FIFA-Reglement bezüglich Status und Transfer von Spielern" ist in Anhang 1 ("Abstellen von Spielern für Auswahlmannschaften der Verbände") unter Artikel 1, Absatz 1 festgehalten: "Die Vereine sind verpflichtet, bei einem Aufgebot des entsprechenden Verbands ihre registrierten Spieler für die Verbandsmannschaft des Landes abzustellen, für das die Spieler aufgrund ihrer Staatsangehörigkeit spielberechtigt sind. Anderslautende Vereinbarungen zwischen einem Spieler und einem Verein sind unzulässig."

In Absatz 2 wird konkretisiert, dass diese Abstellungspflicht "für alle internationalen Fenster" (laut FIFA ein Zeitraum von neun Tagen - Montagmorgen bis Dienstagabend der folgenden Woche), Wettbewerbe und Turniere "zwingend" sei.

Härteste Bestrafung droht

Ein DFB-Insider meinte bei SPORT1: "Es besteht eine Abstellpflicht und in den von der FIFA festgelegten Abstellperioden müssen Spieler abgestellt werden, da kann der Verein sich nicht quer stellen. Man kann das dann schon sanktionieren, aber der Fall ist mehr als theoretisch." 

Und weiter: "Ein Blick in den Lizenzvertrag zwischen dem FC Bayern und dem DFB genügt, um zu wissen, was den Bayern drohen würde. Wenn ein Verein keine Spieler abstellt, wird er härtest bestraft mit Punktabzug, der Spieler wird zudem gesperrt und der Klub verliert die Punkte für die Partien, in denen der Spieler eingesetzt wurde." 

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Welche Strafen könnten dem FC Bayern drohen?

Im Maximalfall sehr harte. Artikel 6 der entsprechenden FIFA-Regularien hält fest: "Verstöße gegen jegliche Bestimmungen dieses Anhangs haben Disziplinarmaßnahmen zur Folge, die von der FIFA-Disziplinarkommission gemäß FIFA-Disziplinarreglement festgelegt werden."

In besagtem Disziplinarreglement werden in Teil I ("Allgemeine Bestimmungen") unter Artikel 6 ("Disziplinarmaßnahmen") mögliche Sanktionen gegen natürliche und juristische Personen festgelegt.

Letztere, also auch Vereine wie Hoeneß' FC Bayern, können ermahnt, aber auch mit einer Geldstrafe (wenigstens 100, höchstens eine Million Schweizer Franken) belegt werden. Weitere Möglichkeiten sind aber unter anderem die Aberkennung von Titeln, Transfersperren, ein Zwangsabstieg oder der Wettbewerbsausschluss.

Was sagt der DFB?

Dr. Rainer Koch, der bis Donnerstag interimsmäßig DFB-Präsident ist, sagte im Gespräch mit SPORT1: "Ich möchte mich dazu gar nicht äußern, weil wir gerade die Strukturen im DFB neu ordnen und ein kommissarischer Präsident dazu bestimmt nichts sagen wird. Wir haben mit Oliver Bierhoff einen zuständigen Direktor für die Nationalmannschaft und er ist dafür zuständig."

Bierhoff hatte bereits in der vergangenen Woche auf eine mögliche Boykott-Drohung reagiert. Er fürchte diese nicht, betonte der DFB-Direktor in der Bild, "zumal ein Verein laut FIFA-Statuten zur Abstellung verpflichtet ist".

Der Bundestrainer hatte bereits am vergangenen Samstag zum Wirbel um Hoeneß verkündet: "Von so was lasse ich mich nicht beeinflussen. Das lässt mich völlig entspannt in die Zukunft blicken."

Wie liefen ähnliche Fälle ab?

Löw hat einen ähnlichen Fall bereits erlebt: Vor dem ersten Länderspiel seiner Amtszeit im August 2006 gegen Schweden (3:0) drohten zahlreiche Nationalspieler im Schuh-Streit mit Boykott. Der Mannschaftsrat mit Jens Lehmann, Miroslav Klose, Bernd Schneider und Torsten Frings trat vehement für freie Schuhwahl ein, lenkte aber schließlich ein.

Auch andere Länder haben Boykott-Erfahrung: Der dänische Verband stand im Werbestreit mit seinen Spielern im vergangenen Herbst plötzlich ohne Mannschaft da. Der Finne Riku Riski bestreikte im Januar das Trainingslager in Katar ("Es ging um Werte"), die Franzosen um die Wortführer Franck Ribery und Nicolas Anelka ein Training bei der WM 2010 ("le fiasco de Knysna").

Als Ribéry 2014 seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklärte, drohte ihm der damalige UEFA-Präsident Michel Platini mit einer Sperre.

"Wenn Trainer Didier Deschamps ihn einlädt, muss er zur Nationalmannschaft kommen. Das ist in den Fifa-Statuten festgelegt. Wenn er nicht kommt, wird er für drei Spiele mit Bayern München gesperrt", sagte Platini damals. Da Ribéry in der Folge nicht mehr nominiert wurde, blieb es bei der Drohung.

Ist die Abstellungspflicht sittenwidrig?

Sollte der FC Bayern oder ein anderer Verein es wirklich darauf anlegen, könnte sogar das Abstellungssystem der FIFA an sich gekippt werden. Viele Rechtsexperten sehen die Abstellungspflicht als sittenwidrig im Sinne des Paragrafen 138 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) an.

Denn juristisch könnte man ohne entsprechende Entlohnung der Profis bei der Nationalmannschaft von einer "nicht gewerblichen Arbeitnehmerüberlassung" sprechen. Dieser müsste der Verein als Arbeitgeber des Spielers aber zustimmen.

Entzieht er diese Zustimmung, ist er rechtlich zu nichts verpflichtet. Der Verein bezahlt und versichert den Spieler (Nationalteam-Prämien zählen nicht, sie werden rechtlich als freiwillige Leistungen angesehen), die Nationalmannschaft zieht den Nutzen aus seinen Einsätzen, während der Klub die möglichen Nachteile hat – zum Beispiel eventuelle Verletzungen.

Bei großen Turnieren ist die Problematik nicht ganz so groß, da die UEFA oder die FIFA Entschädigungen zahlt.

Nach deutschem Arbeitsrecht ist die Abstellungspflicht also keine Pflicht, die Vereine könnten im Ernstfall das Gehalt ihres Spielers für die Abstellungszeit verlangen oder gegen das System generell klagen.

Wie realistisch ist ein Boykott?

Nach SPORT1-Informationen geht man beim DFB nicht davon aus, dass Bayern einen Boykott tatsächlich durchziehen würde.

Tatsächlich haben Einsätze im Nationaltrikot, gerade bei großen Turnieren wie EM oder WM, einen hohen Werbe- und damit finanziellen Wert für die Profis, von dem auch die jeweiligen Klubs stark profitieren.

Bierhoff wies zuletzt bereits darauf hin, dass es in der Vergangenheit hin und wieder Unstimmigkeiten gegeben habe, "aber wir wissen doch, dass wir uns gegenseitig brauchen".

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