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München - Vor dem Halbfinal-Hinspiel in der Europa League gegen den FC Chelsea spricht Badesalz-Comedian Henni Nachstheim bei SPORT1 über seinen Herzensverein Eintracht Frankfurt.

"Anthony Sabini" ist in der Fußballszene Kult. Es ist einer der beliebtesten Fußballsketche überhaupt - und einer der wichtigsten gegen Rassismus. Er stammt aus der Feder von Badesalz.

Das Comedy-Duo steht für Hessen wie der Adler für Eintracht Frankfurt. Der erste offizielle Auftritt unter dem Namen Badesalz war 1982 im Sinkkasten, einem ehemaligen Frankfurter Szeneclub.

Einer der beiden Komiker ist Hendrik "Henni" Nachtsheim, glühender SGE-Fan.

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Vor dem ersten Europa League-Halbfinale gegen den FC Chelsea (Eintracht Frankfurt - FC Chelsea ab 21 Uhr im LIVETICKER) spricht der 62-Jährige im SPORT1-Interview über seine Eintracht.

SPORT1: Herr Nachtsheim, Sie sind durch und durch SGE-Fan. Haben Sie schon als Kind "Schwarz-Weiß wie Schneee" gesungen ?

Hendrik "Henni" Nachtsheim: Nein, dann wäre ich nämlich ein Visionär gewesen und hätte einen Song gesungen, den es damals noch gar nicht gab. Ganz ehrlich? Ich war großer Fan des 1. FC Köln, weil ich Wolfgang Overath immer im Fernsehen bewundert habe. Ich erinnere mich an ein Spiel gegen die Geißböcke im Waldstadion, es war mein erstes Bundesligaspiel. Ich wollte den FC sehen und vor allem Overath. Doch dann habe ich Jürgen Grabowski und Bernd Hölzenbein zaubern gesehen. Und dann hat mein Herz komplett neu geschlagen. Ich bin quasi als Protestant rein und als Buddhist wieder raus. Ich habe dann meinen Köln-Schal an den Zaun gehängt und habe mir von meinem Taschengeld einen Eintracht-Wimpel gekauft. Der Beginn einer großen Liebe.

SPORT1: Was faszinierte Sie an der Eintracht?

Nachtsheim: Das kann ich gar nicht mehr so genau sagen. Es war wohl die technisch anspruchsvolle Truppe um Grabowski. Mich hat damals auch die Magie im Stadion fasziniert. Obwohl es noch eine Aschenbahn rund um das Spielfeld gab. Es war keine so intensive Atmosphäre wie heute, das ist gar nicht zu vergleichen. Aber ich mochte das trotzdem. Und ich bin jeden zweiten Samstag dann von Neu-Isenburg aus mit dem Fahrrad ins Stadion gefahren. Man sagt ja, dass der Verein zu einem kommt. So war es dann auch. Ich wollte eigentlich etwas anderes sehen, aber die SGE hat mich geködert. Seit fast 50 Jahren bin ich nun schon Eintracht-Fan.

SPORT1: Bei vielen Auftritten und auf den Studio-Alben gibt es einen Eintracht-Sketch. Haben Sie einen Favoriten?

Nachtsheim: Es ist nicht bei allen Auftritten einer dabei, weil mein Badesalz-Partner nicht so fußballverrückt ist wie ich. Er duldet das aber freundschaftlich. Und wenn ich etwas Gutes habe, dann machen wir es auch. Der wichtigste Sketch ist immer noch "Anthony Sabini" mit der Anspielung auf Anthony Yeboah, der eine rassistische Diskussion auf der Haupttribüne auslöste, die ich tatsächlich live miterlebt habe. Als damals die Eintracht gegen Saarbrücken gespielt hat, haben die Fans ihn krass ausgebuht und mit ganz schlimmen Affenrufen beleidigt und sogar Bananen auf den Platz geworfen. Vor allem weil sie Schiss hatten, dass er uns in die zweite Liga schießt. Der arme Yeboah wurde echt gedisst im Stadion. Aber dann habe ich mitbekommen, dass einige Leute sagten: "Wisst ihr denn nicht, dass Yeboah nächstes Jahr bei uns spielt?" Schon haben die ganzen Krakeeler aufgehört und gesagt, 'Naja so schlecht ist er eigentlich gar nicht'. Das haben wir in dem Sketch erzählt. Der Sketch wurde erst vor Kurzem vom Spiegel geadelt - als eine der wichtigsten Sketche gegen Rassismus. Das hat uns wahnsinnig gefreut. 

SPORT1: Gab es seit der Zeit unter Klaus Toppmöller als Trainer weitere wichtige Figuren wie Yeboah?

Nachtsheim: Es gab eigentlich immer wieder solche Spieler, die man geliebt hat. Alex Meier ist natürlich auch eine Legende, er hat uns wahnsinnig viel Freude gemacht. Wen ich auch wahnsinnig gemocht habe, waren Jungs wie Charly Körbel, Uwe Bindewald und Alex Schur, die immer nur für die Eintracht gespielt haben. Sie haben eine ganz andere Vereinszugehörigkeit gelebt. Das sind Profis, die bei den Eintracht-Fans tief im Herzen verankert sind. Man mochte sie einfach und war bzw. ist ihnen wahnsinnig dankbar. An Schur, Körbel und Bindewald wird man sich immer erinnern.

SPORT1: Entsteht gerade, wo die Eintracht so groß aufspielt, ein neuer Sketch? 

Nachtsheim: Sketche sind immer einfacher, wenn es gerade nicht gut läuft. Wenn es gut läuft, müsste man sich wohl eher mal den hessischen Größenwahn, der momentan bereits herrscht, vorknöpfen. Vor nicht allzu langer Zeit haben wir noch gebibbert, dass wir nicht absteigen. Dann kam Niko Kovac und hat uns davor bewahrt, nach Aue, Heidenheim oder Sandhausen fahren zu müssen. Und jetzt checken wir schon mal die Hotellisten in Madrid und London. Das ist typisch. Dabei könnten wir doch mit dieser Saison wahnsinnig zufrieden sein. Wir haben so schöne Spiele gesehen, unheimlich offensiven Fußball, tolle Tore unserer wahnsinnigen Stürmer, aber auch eine starke Abwehr. Aber der Hesse will dann immer mehr und redet von der Champions League.

SPORT1: Seit 2005/2006 erscheint zu den Spielen der Eintracht regelmäßig Ihre Kolumne SGExtra in der Gießener Allgemeinen Zeitung. Sie schrieben lange Zeit auch für das Online-Magazin "SGEforever". Schreiben Sie diese Saison mit noch mehr Herzrasen?

Nachtsheim: Klar. Die Saison macht auch etwas mit uns, das kann man nicht anders sagen. Bei der Eintracht kriege ich immer Herzrasen. Am schlimmsten ist es eigentlich, wenn sie in der Vergangenheit vom Abstieg bedroht war. Jetzt genieße ich es eher und nehme das alles mit. Es wäre natürlich toll, wenn wir die Champions League erreichen würden. Wir kämen in einen Bereich, in dem wir wirklich noch nie waren. Das wäre ein Traum. Wenn wir das nicht schaffen, ist es aber auch kein Beinbruch. Ich war auch bei einem Abstieg nicht tieftraurig oder habe tagelang geheult. Dazu bin ich viel zu optimistisch! Als wir abgestiegen sind, habe ich immer gesagt 'Okay, dann müssen wir halt wieder aufsteigen'. So war es dann ja auch. Ich versuche es bei aller Liebe zur Eintracht mit den Emotionen nicht zu sehr zu übertreiben. Klappt mal besser, mal nicht so gut…

SPORT1: Was ist nach dem Erfolg mit Niko Kovac in der vergangenen Saison das Erfolgsgeheimnis in der laufenden Runde? 

Nachtsheim: Ich würde sagen, dass Fredi Bobic die nächste Stufe geschafft hat. Er hat es mit seinem Mut innovativ zu sein, nach vorne zu denken, groß zu denken, geschafft, Dinge anzukurbeln, die dem Verein sehr gut tun. Dazu kommt, dass der Verein auch sonst personell wirklich gut besetzt ist. Axel Hellmann, Oliver Frankenbach und Bruno Hübner machen seit Jahren einen sehr guten Job, aber auch das Team hinter der Mannschaft und dem Vorstand ist super. Wir reden immer davon, was passiert wenn einer unserer Spieler abgeworben wird. Das würden wir aber letztendlich verkrafteten. Wenn Bobic morgen gehen würde, wäre das ein viel schlimmerer Verlust. 

SPORT1: Müsste man Bobic für seine Leistung nicht einen lebensgroßes Denkmal in Form eines Bembels (dickbauchige Weinflasche aus Hessen, d. Red.) vor das Waldstadion stellen?

Nachtsheim: (lacht) Ich glaube, das will er gar nicht. Bobic liebt und lebt die Eintracht und nimmt das alles mit. Und er leidet auch, wenn es mal nicht gut läuft. Aber er hält es aus und ist trotzdem noch Realist. Ich glaube, gerade ist er einfach nur happy, dass der Gesamtapparat so gut läuft. Ich war ein paar Mal in letzter Zeit in der Geschäftsstelle und die Stimmung dort ist einfach gut. In allen Räumen, habe ich das Gefühl. Es ist nicht nur, weil die Mannschaft gut spielt und in der Tabelle toll da steht. Das Gesamtbild stimmt.

SPORT1: Aber bei der Nachricht, dass Fredi Bobic auf Heribert Bruchhagen folgt, haben damals sicher viele gestutzt, oder?

Nachtsheim: Ich glaube, er hat beim VfB Stuttgart nicht das zeigen können, was er drauf hat, weil der Verein in sich hoch kompliziert ist. Mir hat damals Christian Seifert von der DFL gesagt, dass wir keinen besseren hätten kriegen können. Bobic ist schlau, innovativ, gut vernetzt und geerdet. Christian Seifert war damals voll des Lobes und hat gesagt, dass er der Eintracht gut tun wird. Da hatte er absolut recht.

SPORT1: Wäre Bobic nicht ein Kandidat für den FC Bayern

Nachtsheim: Nein, dann müsste er sich ja Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge unterordnen. Das möchte er bestimmt nicht und hat er auch gar nicht nötig. In Frankfurt ist Fredi der Chef. Er kann die SGE in andere Gefilde heben. Das ist doch eine viel spannendere Aufgabe, als zu einem Verein zu gehen, der schon alles erreicht hat. Ich glaube, Fredi kann sich gut vorstellen lange bei der Eintracht zu bleiben. Bei den Bayern wäre er ein Sportdirektor, der wieder mal einen Titel holt. Das ist langweilig. Ich glaube, dass das Leute wie Hoeneß auch wissen.

SPORT1: Als Adi Hütter im Sommer 2018 als Eintracht-Coach präsentiert wurde, rümpften einige erstmal die Nase. Sie auch?

Nachtsheim: Nein, da war ich schon im Bobic-Modus und war überzeugt davon, dass er weiß, wen er da holt. Ich hatte den Namen Hütter noch nie gehört. Alle haben gerätselt, wer jetzt kommt. Da geisterten ein paar Namen herum und auf einmal kam jemand ganz anderes. Mein Bauchgefühl sagte mir damals, dass Hütter der Richtige ist. Ohne ihn zu kennen. Die ersten beiden Spiele waren schwierig unter anderem mit dem Pokal-Aus. Ich habe aber damals komplett die Ruhe bewahrt und Hütter vertraut. Wenn man in der Schweiz nach 13 Jahren mit einer junge Truppe zum ersten Mal Meister wird, dann heißt das was. 

SPORT1: Werden Bobic oder Hütter Teil ihres neuen Badesalz-Programms sein?

Nachtsheim: Nein. Für Badesalz ist das zu weit weg. Ich habe aber noch ein Soloprogramm und da ist die Eintracht immer ein fester Bestandteil. Ich habe zuletzt in Frankfurt gespielt und da hat mir Fredi Bobic die Freude gemacht mit ein paar Eintracht-Mitarbeitern vorbeizuschauen. Das war ein sehr schönes Gefühl auf der Bühne über die Eintracht zu babbeln und unten sitzt jemand von meinem Verein. Wir haben danach noch zusammen gesessen und es war für mich ein sauschöner Abend.

SPORT1: Rebic, Jovic und Haller sind momentan die Aushängeschilder der Eintracht. Auch Kevin Trapp tut dem Team gut. Wie groß wäre ein Verlust dieser Spieler?

Nachtsheim: Ich gehe davon aus, dass einer von ihnen gehen wird. Aber das werden wir verkraften. Wenn einer teuer verkauft wird, werden sie bei der Eintracht schon jetzt einen Plan haben, um adäquaten Ersatz zu holen. Wenn ein Jovic, der ein Weltklasse-Stürmer wird, den Verein verlassen wird, dann muss man ihn nicht durch einen Messi ersetzen. Die Eintracht hat eine außergewöhnliche Scouting-Abteilung, auf die ich baue. Ich bin im Moment in einem entspannten Modus, was den Verein angeht. Da wird einfach sehr schlau gearbeitet. Wir werden auch in den nächsten Jahren eine hohe Qualität in Frankfurt sehen. Ich glaube, dass wir in den nächsten Jahren in der Bundesliga immer eine gute Rolle spielen können.

SPORT1: Wie ist ihr Gefühl für das Spiel gegen Chelsea?

Nachtsheim: Natürlich ist Chelsea Favorit, das ist eine starke Truppe. Das ist von allen Mannschaften in diesem Wettbewerb die stärkste. Allerdings haben sie zu Hause gegen Prag auch einige Treffer kassiert. Damit hatte auch keiner gerechnet. Das sollte uns Mut machen. Es ist nicht so, dass die Eintracht chancenlos ist. Wenn das am Ende eine klare Geschichte gegen uns wird, dann verlassen wir diesen Wettbewerb mit dem Gefühl, ihn bereichert zu haben! Wir hatten in dieser Europa-League-Saison schon so tolle Spiele gegen namhafte Klubs, das ist jetzt die Zugabe für mich. Wenn wir aber ins Endspiel kommen, dann ist allerdings alles möglich. Und rein emotional gibt es tatsächlich keinen Verein in der Europa League, der es mehr verdient hätte als die Eintracht. Auch die Fans, die jedes Mal mit ihren Choreos einen Zauber und unbändige Freude bereiten. Das ganze Rhein-Main-Gebiet vibriert gerade. Das ist ein echt geiles Gefühl.

SPORT1: Was machen Sie, wenn die Eintracht tatsächlich ins Finale einzieht? 

Nachtsheim: Ich wäre gerührt, wie schon beim Spiel gegen Benfica Lissabon. Da war ich beim 2:0 durch Rode so angetan, dass ich ganz still auf der Couch saß. Als wir in Berlin den Pokal holten, bin ich allerdings auf Knien durch das Wohnzimmer gerobbt, dass meine Freundin denken musste ‚Jetzt ist er komplett geistesgestört’. Und was ich machen würde, wenn wir den Europapokal gewinnen würden weiß ich nicht. Dann ist bei mir alles möglich...

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