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München - Lena Oberdorf gilt als eines der größten Talente im Frauenfußball. Im Interview spricht der Shootingstar über ein Jahr zwischen Fußballplatz und Abiprüfung.

Mit 17 spielte sie im vergangenen Jahr ihre erste Weltmeisterschaft und löste Birgit Prinz als jüngste deutsche WM-Spielerin ab, am 19. Dezember wird sie 19 - und in diesen knapp eineinhalb Jahren hat Lena Oberdorf einiges erlebt.

Im SPORT1-Interview spricht die 16-malige Nationalspielerin und Mittelfeldspielerin des VfL Wolfsburg über den rasanten Verlauf ihrer Karriere, den Stellenwert des Frauenfußballs und wie sie in der B-Jugend die Spiele in Jungenmannschaften geprägt haben.

SPORT1: Lena Oberdorf, Sie haben ein ereignisreiches Jahr hinter sich. Lässt sich das mit einem Wort zusammenfassen?

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Oberdorf: Vielleicht "Rausch", weil alles in einem Rausch an einem vorbeigezogen ist und man gar nicht die Zeit hatte, herunterzufahren, gerade auch in der Corona-Zeit. Dann ging die Liga weiter, dann der Wechsel nach Wolfsburg, Champions League, Liga-Start und dann unterwegs mit der Nationalmannschaft. Es geht echt Schlag auf Schlag. Ich bin wirklich froh, wenn Winterpause ist und man ein paar Tage mit der Familie genießen kann.

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Lena Oberdorf über Schule und Karriere: "Es war kompliziert"

SPORT1: Sie haben in diesem Jahr auch noch Abitur gemacht. Wie kompliziert war es, die Karriere und die Schule unter einen Hut zu bringen?

Oberdorf: Es war schon kompliziert, gerade auch am Ende. Da war die Frage, ob es eine Abiturprüfung gibt oder nicht. Dann musste man selbst noch zuhause trainieren, seine Läufe koordinieren, nebenbei noch fürs Abi lernen - oder auch nicht, weil es dann doch vielleicht keine Prüfung gab. Das ging immer hin und her. Im Endeffekt war ich froh, als dann die Prüfungen geschrieben worden waren und ich mich voll und ganz auf den Fußball konzentrieren konnte.

SPORT1: Zurück zum Sportlichen. Ein großes Highlight dieses Jahres war sicherlich das Pokalfinale mit der SGS Essen gegen Ihren jetzigen Klub VfL Wolfsburg. Wie haben Sie dieses dramatische Spiel (3:3, 2:4 i. E.) erlebt - und wie sehr schmerzt es Sie, dass Sie sich nicht mit einem Titel aus Essen verabschieden konnten?

Oberdorf: Wenn man so nah dran war, schmerzt es umso mehr. Auch weil man den Pokal fast schon in den Händen gehalten hat. Gerade als Alexandra Popp (im Elfmeterschießen für Wolfsburg, Anm. d. Red.) verschossen hat, hätte man nur noch die restlichen Elfmeter reinschießen müssen, dann hätte man den Pokal gewonnen. So war es wieder eine schöne Erfahrung - auch mit der Mannschaft, die nach dem Pokalfinale ein bisschen zerbröckelt ist, ein letztes Mal auf dem Platz zu stehen. Deswegen wäre es natürlich ein sehr schöner Abschluss gewesen, wenn wir uns mit dem Pokalsieg verabschiedet hätten.

Lena Oberdorf wechselte vor der Saison zum VfL Wolfsburg
Lena Oberdorf wechselte vor der Saison zum VfL Wolfsburg © adidas

SPORT1: In der Bundesliga gab es mit dem VfL Wolfsburg beim 1:4 im Spitzenspiel beim FC Bayern zuletzt einen herben Rückschlag. Wie haben Sie den weggesteckt und was ist in dieser Saison noch drin?

Oberdorf: Es ist bitter, dass wir das Topspiel verloren haben. Aber wir haben gar nicht so schlecht gespielt, Bayern war in den entscheidenden Momenten bissiger, sie haben die Dinger dann gemacht. Wir haben vorne nicht so viele Chancen herausgespielt, und die, die wir hatten, haben wir nicht versenkt. Deswegen haben die Bayern verdient gewonnen. Die Saison ist noch lang. Es kommt die Doppelbelastung mit der Champions League. Am Ende kann es trotzdem noch mal eng werden. (Ergebnisse und Spielplan der Frauen-Bundesliga)

Fritz-Walter-Medaille in Gold "ist für mich ein Ansporn"

SPORT1: Nach Bronze und Silber in den vorherigen Jahren haben Sie in diesem Jahr die Fritz-Walter-Medaille in Gold als beste Nachwuchsspielerin gewonnen. Was bedeutet Ihnen eine solche Auszeichnung?

Oberdorf: Sie bedeutet mir sehr viel. Das ist für mich ein Ansporn, weiterzuarbeiten - sowohl auf dem Platz, als auch neben dem Platz eine Vorbildfunktion einzunehmen. Und man bekommt etwas zurück für den Weg, den man bis jetzt gegangen ist. Das gibt einem ein gutes Gefühl. Man weiß, dass man nicht so viel falsch gemacht hat bis jetzt.

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SPORT1: Sie haben mit Ihrem WM-Debüt 2019 als jüngste deutsche WM-Spielerin Geschichte geschrieben - und stehen seither auch medial mehr im Fokus. Wie nehmen Sie selbst das wahr und beeinflusst Sie das?

Oberdorf: Ich nehme es eigentlich ganz angenehm wahr. Ich verspüre keinen Druck von den Medien. Es ist etwas Gutes. Gerade in dieser Zeit ist es wichtig, dass man Präsenz zeigt, den Fokus mehr auf den Frauenfußball legt und der Frauenfußball an sich noch populärer wird.

SPORT1: Ihre frühere Mitspielerin Turid Knaak hat Sie trotz Ihrer jungen Jahre schon als echte Leaderin bezeichnet. Wie gehen Sie mit diesem Lob um?

Oberdorf: Das bedeutet mir viel. Auch Marina Hegering hat so etwas gesagt. Das sind Spielerinnen, die schon viele Jahre gekickt haben und mit denen ich schon zusammengespielt habe. Sie treffen es ganz gut, weil ich auf dem Platz schon der Leader-Typ bin. Ich bin relativ laut und setze gerne ein Zeichen, wenn es nicht läuft.

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SPORT1: Haben Sie Vorbilder, an denen Sie sich orientieren?

Oberdorf: Mein Vorbild ist mein Bruder (Tim, Anm. d. Red.), der ist Kapitän bei Fortuna Düsseldorf II. Er ist auch so ein Typ, der relativ laut auf dem Platz ist und viel Verantwortung übernimmt. Da gucke ich mir ganz viele Sachen ab.

Oberdorf über Jugend: Klischeesprüche müssen an einem abprallen

SPORT1: Sie haben bis 2018 noch in Jungenmannschaften mitgespielt. Inwieweit hat Sie das geprägt?

Oberdorf: Das hat mich auf jeden Fall echt weit gebracht, man wurde einfach abgehärtet, gerade was die Zweikampfführung angeht oder auch durch die Gespräche auf dem Platz. Die Jungs waren da nicht immer so nett.

SPORT1: Mussten Sie sich da auch mal blöde Sprüche anhören?

Oberdorf: Klischeesprüche wie: "Geh doch zurück in die Küche!" Das muss einfach an einem abprallen, dann ist es auch gut.

Lena Oberdorf hat in 16 Länderspielen zwei Tore erzielt
Lena Oberdorf hat in 16 Länderspielen zwei Tore erzielt © Imago

Voss-Tecklenburg als Löw-Ersatz? "War witzig, zu lesen"

SPORT1: Inwiefern haben Sie die Debatte um Bundestrainer Joachim Löw in letzter Zeit verfolgt?

Oberdorf: Ich habe sie nicht wirklich verfolgt, aber schon mitbekommen, gerade als es nach unserem Spiel in Irland die Aussagen gab, dass doch Martina Voss-Tecklenburg (Bundestrainerin der Frauen-Nationalmannschaft, Anm. d. Red.) Löw ersetzen sollte, war das schon witzig zu lesen. Aber mit dem Thema habe ich mich nicht wirklich befasst.

SPORT1: Auch wenn es aktuell schwer abschätzbar ist, aber welche Ziele haben Sie sich für die Zukunft gesteckt?

Oberdorf: Auf jeden Fall möchte ich Titel gewinnen, gerade mit dem VfL Wolfsburg, sei es, im Pokal den Titel noch mal zu verteidigen, die Meisterschaft, dann fängt jetzt die Champions League an. Es kommen noch viele Aufgaben auf uns zu. Ich möchte auf jeden Fall Titel sammeln.

SPORT1: Und was haben Sie sich für die Nationalmannschaft vorgenommen? (DATENCENTER: Die Tabelle)

Oberdorf: Das Gleiche (lacht). Wir hatten dieses Jahr leider keine Olympischen Spiele, dann wurde die EM (auf 2022, Anm. d. Red.) verschoben. Das heißt, wir haben jetzt sehr viel Zeit, uns auf die EM vorzubereiten. Die werden wir auch gut nutzen und dann hoffentlich um den Titel mitspielen.

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