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Herning - Nach dem Ende der Handball-WM stellt sich die Frage: Wie geht es mit dem deutschen Handball weiter? SPORT1 analysiert die Lehren und Hoffnungen der WM.

Die Handball-WM 2019 ist Geschichte.

Der Final-Tag endete mit dem Weltmeister-Titel der Dänen, die vor heimischem Publikum in Herning Norwegen keine Chance ließen. Zuvor hatte die deutsche Mannschaft eine Medaille durch eine dramatische 25:26-Niederlage gegen Frankreich verpasst.

Wie fällt das sportliche Fazit der deutschen Leistung aus? Welche Fragen hat das Turnier generell aufgeworfen? Wie verhält es sich mit dem erhofften Handball-Hype?

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SPORT1 blickt auf die Lehren und Hoffnungen, die sich aus der Handball-WM 2019 ergeben haben.

Die Sportliche Leistung

Die Leistung der DHB-Auswahl war aller Ehren wert. Auch dank brasilianischer Schützenhilfe qualifizierte man sich jeweils vorzeitig für die Hauptrunde und das Halbfinale, obwohl nach dem 22:22 gegen Russland in der Vorrunde zwischenzeitlich ein Fiasko drohte.

Mit dem Einzug in die Runde der letzten Vier hat Deutschland das vor dem Spiel ausgegebene Ziel erreicht. Doch das Turnier endete mit zwei Niederlagen und ohne Medaille enttäuschend, daraus muss man keinen Hehl machen.

"Der Schmerz ist riesengroß", sagte Christian Prokop am Sonntag nach dem Bronze-Drama. Der tragische Held Matthias Musche erklärte: "Jetzt kann man trotzdem irgendwie kaum zufrieden sein, und das ist sehr, sehr schade."

Dennoch, das versuchten die Spieler trotz der Enttäuschung zu betonen, man könne stolz auf die Leistung sein.

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Die Sportliche Zukunft

Nach der enttäuschenden EM 2018 hat sich Deutschland eindrucksvoll in der Weltspitze zurückgemeldet.

"Das ist eine ganz wichtige Erkenntnis. Wir können mit Freude in die Zukunft blicken. Es macht einfach Laune, mit diesem Team zu arbeiten, jeder hängt sich rein", bilanzierte Prokop.

Die Teilnahme an einem Qualifikationsturnier für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio hatte das deutsche Team bereits durch die Halbfinal-Teilnahme sicher.

Als nächstes Großereignis steht die EM 2020 in Österreich, Schweden und Norwegen an. Deutschland ist in die Qualifikation mit Siegen gegen Israel und den Kosovo gestartet, als weiterer Gruppengegner wartet Polen. Da sich die ersten zwei Teams sicher qualifizieren, kann Deutschland bereits für die EM planen. Und das mit Bundestrainer Christian Prokop, der seine zweite Chance in starker Manier nutzte, und vielen Stützen der WM-Mannschaft.

Die Belastungsdebatte

Martin Strobel zog sich einen Innenband- und Kreuzbandriss zu, Steffen Weinhold schleppte sich nach seiner Oberschenkelverletzung durch die letzten Spiele, Hendrik Pekeler absolvierte das Bronze-Match unter großen Schulterschmerzen, Steffen Fäth war ebenfalls angeschlagen.

Die Belastungen der vergangenen zweieinhalb Wochen hinterließen ihre Spuren. "Der morgendliche Gang zur Toilette ist immer der schwerste", sagte Patrick Wiencek während des Turniers.

Nicht nur das deutsche Team klagte über das Mammutprogramm mit zehn Spielen in 18 Tagen, Norwegen absolvierte sogar zehn Partien in 17 Tagen.

Diese Belastung sei "unmenschlich", sagte Dänemarks Hans Lindberg. Turnier-MVP Mikkel Hansen sprach bei SPORT1 von einem Problem. Er forderte, dass sich die Verantwortlichen Gedanken machen müssen.

Frankreichs Co-Trainer Guillaume Gille sprach schon in der Vorrunde von den "schlimmsten Zeiten des Sports", Ex-Bundestrainer Dagur Sigurdsson warnte vor der Gefahr eines Burn-out.

Auch der isländische Nationaltorhüter Björgvin Gustavsson schimpfte. "Jeder Idiot sieht, was hier los ist. Der Handball sollte mehr genossen werden, und ich verspreche, der Handball wird hier momentan in Deutschland nicht genossen", sagte der ehemalige Bundesliga-Keeper im Handball-Podcast Kreis ab: "In jeder Mannschaft weinen sie darüber. Das ist jedes Jahr der gleiche Scheiß."

Insgesamt tauschten die 24 WM-Teilnehmer im Turnierverlauf 48 Spieler aus. Dass die Anzahl der Teams bei den kommenden Großturnieren aufgestockt wurde, ist sicher nicht förderlich.

Auch die Handball-Bundesliga, in der es während der Saison immer wieder Diskussionen um die Belastung der Spieler der Top-Teams gibt, ist gefragt.

Der Handball-Hype

Während der WM wurde, bedingt durch den Erfolg der deutschen Mannschaft, ein regelrechter Handball-Hype entfacht.

Mehr als 900.000 Besucher sahen die Spiele in Berlin, Köln, München, Kopenhagen und Herning - das bedeutet Rekord. Den Löwenanteil lieferten dabei die deutschen Standorte, wo selbst Platzierungsspiele ein Zuschauermagnet waren.

Die bisherige Bestmarke hatte die WM 2007 in Deutschland mit insgesamt 750.000 Zuschauern gehalten. Nur ein gemeinsames WM-Feeling mit Co-Gastgeber Dänemark kam nicht auf.

Auch die Einschaltquoten schossen in die Höhe, das Halbfinal-Aus sorgte mit 11,91 Millionen Zuschauern in der ARD, gleichbedeutend mit einem Marktanteil von 35,0 Prozent, ebenfalls für eine Bestmarke. Die Berichterstattung nahm deutlich zu.

"Wir sind ein klein wenig stolz, dass der Handball in den vergangenen zwei Wochen die Medien so bestimmt hat, wie wir es schon lange nicht mehr erlebt haben", sagte DHB-Präsident Andreas Michelmann.

Das nachhaltige Interesse und Vergleiche mit dem Fußball

DHB-Vize Bob Hanning verglich das Event bei Sky sogar mit dem Sommermärchen 2006 von Jürgen Klinsmann und Co. 

Doch sind diese Vergleiche wirklich nötig? Bereits während des Turniers wurden Gründe gesucht, warum der Handball im Gegensatz zum Fußball der bessere Sport sei, worauf empörte Fußballer zu bisweilen abstrusen Gegenschlägen ausholten.

Diskussionen, die man sich hätte sparen können. Zum einen, weil es im Prinzip Platz für mehrere Sportarten bzw. deren Interesse gibt, zum anderen, weil der Fußball immer die Nummer eins bleiben wird.

Dass es langfristig im DHB die Vision gebe, "den Handball noch deutlich kürzer hinter den Fußball zu bringen", wie es der DHB-Vorstandsvorsitzende Mark Schober sagte, ist ambitioniert. Ob das wirklich außerhalb einer Turnierphase möglich ist, wird sich zeigen. 

"Es ist unrealistisch, dass im Juni noch so viele Menschen über Handball sprechen, wie jetzt gerade", sagte Schober. Er sieht aber eine gute Basis, um das Interesse auf einem höheren Niveau zu konservieren. 

Unter anderem der TV-Vertrag bis 2025 mit ARD und ZDF sowie die Aussicht auf die Heim-EM 2024 stellen laut Schober gute Vehikel für eine "kontinuierliche Weiterentwicklung" dar. Der finanzielle Erfolg der WM - es wird mit einem siebenstelligen Gewinn gerechnet - ermöglicht zudem ein verstärktes Investment in die Nachwuchsarbeit und die Trainerausbildung.

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