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München - Nach seinem Aus in Österreich schwieg Valerien Ismael. Bei SPORT1 spricht er erstmals im Interview über den neuen Job, seine Faszination für England und das LASK-Chaos.

Es war die wohl härteste Zeit in der Karriere von Valerien Ismael als Fußballlehrer. Im Mai, wenige Wochen vor dem Corona-Neustart, wurde der österreichische Fußball von einem beispiellosen Skandal überschattet.

Mittendrin stand Ismael als Cheftrainer des Linzer ASK. Der damalige Tabellenführer hatte trotz Corona-Verboten geheime Mannschaftstrainings absolviert und damit gegen die von der Liga vorgegebenen Fair-Play-Regeln verstoßen.

Ismael wurde nach wilden Anschuldigungen entlassen. Lange schwieg er. Seit Samstag hat der 45-jährige Franzose einen neuen Job. Er unterschrieb beim englischen Zweitligisten FC Barnsley einen Dreijahresvertrag. Das erste Interview gab er jetzt SPORT1.

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SPORT1: Herr Ismael, wie waren die ersten Tage in der neuen Umgebung?

Valerien Ismael: Sehr gut. Ich bin total herzlich aufgenommen worden. Es war ein sehr freundlicher Empfang von den Fans in der Stadt und via Social Media. Am Samstag kam ich in Barnsley an, dann war alles hoch professionell organisiert im Klub. Ich habe mir zusammen mit den Verantwortlichen und meinem neuen Co-Trainer Joe Laumann das Spiel gegen Millwall angeschaut, und am Sonntag stand schon das erste Training an. Es verlief alles reibungslos, als wäre ich schon lange da. Ich habe ein rundum gutes Gefühl. 

SPORT1: Warum Barnsley?

Ismael: Es gab einige Angebote. Manche habe ich abgesagt, bei anderen bekam ich eine Absage. Als der Anruf der Verantwortlichen kam vor vier Wochen, da habe ich sofort etwas gespürt. Dafür gab es zwei Gründe. Zum einen musste ich die Chance, im englischen Fußball zu arbeiten, wahrnehmen. Das ist wirklich etwas Besonderes. Ich habe das selbst als Spieler erlebt damals. In England gibt es eine komplett andere Mentalität. Es ist eine Riesensache, hier als Trainer Fuß zu fassen.

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SPORT1: Und der zweite Grund?

Ismael: Das ist die Philosophie des Vereins, die absolut zu meiner passt. Der Klub ist bereit, meinen Weg zu gehen und gibt mir alle Möglichkeiten diese Philosophie durchzusetzen. Das Umfeld ist sehr angenehm für mich, um die ersten Schritte in Barnsley zu gehen. Der Verein hat in dieser Saison überschaubare Ziele. Ich kann in Ruhe arbeiten.

SPORT1: Wie leben Sie in Barnsley?

Ismael: Das ist die Professionalität, von der ich bereits sprach. Ich kam am vergangenen Samstag an, mein Dienstwagen stand schon am Stadion, dann kam ich in mein Penthouse, das schon komplett möbliert war - WLAN, Internet, alles durchorganisiert. Wirklich traumhaft, wie der Verein aufgestellt ist und sich um mich kümmert.

So will Ismael Barnsley spielen lassen

SPORT1: Welche Art von Fußball wollen Sie in England spielen lassen?

Ismael: Die wichtigsten Prinzipien sind eine enorme Intensität, hohes Pressing und auch das vertikale Spiel mit schnellem Abschluss. Ich lasse gerne ein 3-4-3 spielen. Der Gegner muss dauernd angelaufen werden. Und im Ballbesitz will ich eine Weiterentwicklung meiner Mannschaft sehen. Aber ich möchte erstmal Schritt für Schritt sehen, wo ich ansetzen muss mit meiner Philosophie. Ich brauche jetzt die Spiele, damit sich das Team unter mir weiterentwickeln kann.

Valerien Ismael hat große Lust auf die Aufgabe in der zweiten englischen Liga
Valerien Ismael hat große Lust auf die Aufgabe in der zweiten englischen Liga © FC Barnsley

SPORT1: Sie waren als junger Spieler schon mal in England, damals bei Crystal Palace. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Ismael: Jeder, der einmal in einem englischen Stadion war, würde immer wieder von der Stimmung dort schwärmen. Die Engländer leben jede Szene Fußball, sind 100 Prozent dabei und kommentieren jeden Moment des Teams. Die Fans sind unglaublich fokussiert auf das Spiel und haben eine Riesen-Power im Support. Durch die engen Stadien gibt die einzigartige Atmosphäre noch mehr Energie für die Spieler. Da gibt jeder Vollgas.

SPORT1: Haben Sie diese Power und die Emotionen in Deutschland und zuletzt in Österreich vermisst?

Ismael: Es gibt in beiden Ländern Klubs, wo der Fußball so gelebt wird wie in England. In Deutschland gibt es eine ganz andere Struktur und Mentalität, aber beides hat seine Vor- und Nachteile. Jeder, der in England gespielt, trainiert hat oder einmal ein Spiel als Zuschauer besucht hat, war stets begeistert. 

SPORT1: Daniel Stendel war 2018/19 in Barnsley. Haben Sie sich bei ihm über das Arbeiten in England informiert?

Ismael: Nein, das nicht, denn ich weiß ja, was dort alles abgeht. Ich verfolge schon lange die Premier League und die Championship. Seit ich mit den Verantwortlichen von Barnsley in Kontakt bin, habe ich mir viele Spiele angeschaut und habe mit Dominik Frieser einen Spieler hier, der mit mir schon beim LASK war. Wir waren auch in Kontakt, bis ich dann zugesagt habe. Ich wollte einen konkreten Eindruck bekommen, und am Ende war alles im grünen Bereich. Die Infrastruktur, die Trainingsplätze und der Kraftraum sind alle auf Top-Niveau.

Ismael: "Will dem Klub neue Identität geben"

SPORT1: Sie haben einen Dreijahresvertrag unterschrieben, wollen also langfristig etwas aufbauen.

Ismael: (schmunzelt) Heutzutage hat es aber keine Bedeutung, ob du als Trainer für drei Jahre oder ein Jahr unterschreibst. Manchmal wird man nach fünf Spielen schon entlassen oder nach einem halben Jahr. Die Vertragsdauer war nicht so entscheidend. Ich will dem Klub eine neue Identität geben. Man gibt mir die Möglichkeit so zu arbeiten, wie ich es mir immer vorgestellt habe. 

SPORT1: Wir müssen auch über Ihr unschönes Aus beim LASK sprechen. Wie schwer war es wirklich?

Ismael: Es gab aus meiner Sicht den LASK vor dem Ausbruch der Corona-Krise und den LASK in der Phase nach Beginn der Corona-Situation. Ich möchte mich aber an die schönen Momente erinnern. Was wir da mit der Mannschaft erreicht haben zusammen mit den Rekorden, die wir gebrochen haben... Das Level des Teams war vor der Pandemie auf einer komplett anderen Ebene. Ein Traum wurde für mich dann leider zu einer Art Albtraum. 

SPORT1: Geht es etwas genauer?

Ismael: Die Dinge, die nicht so schön waren, habe ich weggelegt, daraus habe ich gelernt. Wir sprachen eben über Vertragslaufzeiten. Ich hatte beim LASK auch für drei Jahre unterschrieben, doch am Ende musste ich früher gehen, trotz einer erfolgreichen Zeit.

SPORT1: Waren die verbotenen Trainingseinheiten der größter Fehler in Ihrer Trainerlaufbahn?

Ismael: Es war ein Fehler von allen im Klub, nicht nur von mir. So eine Entscheidung kann der Trainer nicht alleine treffen. Aber natürlich hatte ich eine Mitverantwortung. Es war eine schwere Zeit, und wir alle haben Fehler gemacht.

SPORT1: Wie erklären Sie sich heute mit dem nötigen Abstand den Absturz in der Meisterschaft? Am Ende rettete sich der LASK gerade so in die Europa League.

Ismael: Man muss sich vor Augen führen, was alles auf die Mannschaft eingeprasselt ist. From Hero to Zero. Plötzlich waren wir die Buhmänner der Nation. Die Gegner waren durch diese Geschichte extra motiviert. Der Respekt, den wir uns monatelang in der Liga aufgebaut hatten, gab uns oft vor den Spielen einen kleinen Vorteil. Doch von einem Moment auf den anderen war dieser weg. Das Glück war auch nicht mehr auf unserer Seite. Ich möchte aber eine Sache klarstellen.

SPORT1: Nämlich welche?

Ismael: Es wird der Eindruck erweckt, als wäre der LASK auf Platz eins gestanden und am Ende "nur" auf Rang vier gelandet. Doch dieser Verein war vor zwei Jahren in der zweiten Liga, ist aufgestiegen, stand vor Ausbruch der Corona-Krise und der Unterbrechung der Saison auf dem ersten Platz, hatte nationale Rekorde aufgestellt, z.B. alle Auswärtsspiele gewonnen. Wir haben auf internationaler Bühne unsere Europa-League-Gruppe mit Gegnern wie Sporting Lissabon und PSV Eindhoven als Erster erfolgreich absolviert und danach noch AZ Alkmaar im K.o.-Duell eliminiert. Nach so viel Ärger dann Vierter zu werden, ist beachtlich. In einer Saison, in der alles normal läuft, belegt der LASK Platz zwei bis vier. Für mich war es übertrieben zu sagen "nur auf Platz vier".

Ismael: "Will unglaubliche Chance nutzen"

SPORT1: LASK-Boss Gruber sagte damals: 'Wir können den Ärger und den Frust von Ismael nachvollziehen, wir hoffen aber, dass er uns auch verstehen kann'. Können Sie?

Ismael: Was bedeutet verstehen? Der Verein traf eine Entscheidung. Als Trainer musst du das zur Kenntnis nehmen und nach vorne schauen. Ich möchte das nicht mehr aufrollen. Ich war nicht der, der das damals alleine entschieden hat. Aber eins ist klar: So eine Entscheidung werde ich nie wieder mittragen und unterstützen. Ich habe daraus gelernt. Ich habe eine tolle, neue Herausforderung. Die unglaubliche Chance, mich als Trainer im englischen Fußball zu behaupten, will ich nutzen.

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