So ballert Bale Real zum Traumstart
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München - 45 Millionen Euro bezahlte Real Madrid für Super-Talent Vinicius Junior. Dem Brasilianer wird eine große Zukunft prophezeit. Aber wie sieht seine Gegenwart aus?

Florentino Perez hatte schon immer eine Schwäche für Brasilianer.

Ob Ronaldo, Robinho, Julio Baptista oder Kaka: Sein galaktisches Starensemble mit einem Ballzauberer vom Zuckerhut zu schmücken, war für den Präsidenten von Real Madrid jahrelang ein ungeschriebenes Gesetz.

In der jüngeren Vergangenheit wurde jedoch kein Samba mehr im Sturm der Königlichen getanzt. Mit Marcelo und Casemiro avancierten nur zwei brasilianische Defensiv-Talente zu unverzichtbaren Leistungsträgern.

Perez machte es sich vor diesem Sommer deshalb zur Aufgabe, seiner eingeschlafenen Tradition wieder Leben einzuhauchen. Sein Objekt der Begierde, Neymar Junior, sollte im dritten Versuch endlich in die spanische Hauptstadt kommen. 

Um den 222-Millionen-Euro-Mann von Paris Saint-Germain zu finanzieren und ihm die Rolle des alleinigen Superstars zuzugestehen, ließ Perez sogar Cristiano Ronaldo ziehen.

Ronaldo? Neymar? Vinicius!

Der Weltfußballer bekam keine Gehaltserhöhung und wechselte im Streit mit seinem Vorgesetzten zu Juventus Turin. Perez schien es gleichgültig zu sein, er sah ohne den 33-jährigen Ronaldo die Chance auf einen Neuanfang mit dem sieben Jahre jüngeren Neymar. 

Ronaldos Achterbahnfahrt beim Juve-Debüt

Womit der schwerreiche Bauunternehmer jedoch nicht rechnete: Neymar sagte ihm nach langem Zögern mit der Begründung ab, es zumindest noch eine weitere Saison unter den Fittichen seines neuen Trainers Thomas Tuchel bei PSG versuchen zu wollen.

Reals Boss blickte in die Röhre - wie bereits 2006, als sich Neymar nach einem Probetraining in Madrid mit 14 gegen einen frühen Abschied aus Südamerika entschieden hatte, und 2013, als der FC Barcelona als Sieger aus dem Rennen um den Dribbelkünstler hervorgegangen war.

Perez wollte den erneuten Korb von Neymar aber keineswegs als Niederlage verstanden wissen. Immerhin konnte er den Fans von Real einen anderen Brasilianer präsentieren. Sozusagen den legitimen Nachfolger seines eigentlichen Wunschspielers. Vinicius Junior.

"Wir glauben, dass er einer der Größten dieser neuen, nahenden Ära werden kann", sagte Perez am 20. Juli auf dem Ehrenbalkon des Estadio Santiago Bernabeu. Neben ihm stand sein Königstransfer, ein schüchterner Teenager mit Zahnspange und goldenen Ohrringen.

45 Millionen Euro für einen Minderjährigen

"Er hat uns überzeugt mit seinen unglaublichen Dribblings, Sprints und Toren, gepaart mit einer herausragenden Technik", schwärmte Perez von dem 18-Jährigen.

Für den Real-Boss war es selbstverständlich, die Präsentation des hoch veranlagten Teenagers so pompös wie möglich zu gestalten. Schließlich hatte er im Mai 2017 nicht weniger als 45 Millionen Euro für ihn an Flamengo Rio de Janeiro überwiesen. 

Vinicius war damals gerade einmal 16. Er galt zwar längst als eines der begehrtesten und umworbensten Talente Südamerikas, seine Einsatzzeit als Profi von Flamengo betrug aber lediglich acht Minuten. 

"Fast alle europäischen Topklubs wollten ihn. Er ist eine der größten Hoffnungen des Weltfußballs", rechtfertigte Perez den riskanten Deal, den er über viele Monate hinweg mithilfe seines internationalen Chefscouts Juni Calafat eingefädelt hatte.

Vinicius sei in erster Linie eine "Investition in die Zukunft", habe aber auch schon das Zeug dazu, die Gegenwart zu prägen, bekräftigte der 71-Jährige. In der vergangenen Saison kam der Youngster auf 37 Erstliga-Spiele für Flamengo. Dabei erzielte er sieben Tore.

Zwischen Begeisterung und Skepsis

Aber ist das "Kind", wie Reals Vizekapitän Marcelo ihn zuletzt nannte, wirklich bereit, um in die gigantischen Fußstapfen von Rekordtorjäger Ronaldo zu treten?

Während der Saisonvorbereitung stellte Vinicius vor allem seine Klasse mit dem Ball am Fuß zur Schau. Er glänzte mit schnellen Dribblings, zahllosen Übersteigern und sogar der einen oder anderen Torvorlage.

Bei den Fans weckten seine Auftritte Begeisterung. Seinen Trainer Julen Lopetegui konnte er dagegen aber offensichtlich nicht von sich zu überzeugen. In den ersten Pflichtspielen der neuen Saison wurde Vinicius ausgebremst.

Sowohl bei der Niederlage im UEFA Supercup gegen Atletico Madrid (2:4) und dem Sieg zum Liga-Start gegen den FC Getafe (2:0) schmorte er 90 Minuten lang auf der Bank.

Lopetegui schickte ihn nicht einmal zum Aufwärmen, setzte stattdessen auf junge spanische Akteure wie Marco Asensio oder Borja Mayoral.

Verbleib oder Ausleihe?

Spanische Medien spekulieren deshalb, dass Vinicius noch vor dem Ablauf der Transferperiode verliehen werden könnte. Mehrere spanische Erstligisten sollen Interesse an ihm zeigen.

Eine weitere Alternative wäre, den Linksaußen weiterhin bei den Profis mittrainieren zu lassen und in der "Castilla" einzusetzen. Reals Reservemannschaft spielt allerdings in der Segunda B, der dritten spanischen Liga.

Hier könnte Vinicius das gleiche Schicksal wie Martin Odegaard ereilen. Der einst als "Wunderkind" gefeierte Mittelfeldspieler aus Norwegen stagnierte während seiner Zeit in Madrid und beschwerte sich über die "armseligen Plätze" in den Niederungen Spaniens. Heute spielt er in der niederländischen Provinz bei Vitesse Arnheim.

Der Fall Vinicius droht deshalb einen Interessenskonflikt hinter den Kulissen auszulösen. Real-Präsident Perez, so heißt es, würde Vinicius am liebsten sofort im Bernabeu zaubern sehen. Kein Wunder: Er hat nun einmal eine Schwäche für Brasilianer.

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