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SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein beleuchtet Pep Guardiolas Probleme bei Manchester City © SPORT1-Grafik: Getty Images
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London - ManCitys Motor stottert, Pep Guardiola muss sich kritischen Fragen stellen. SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein erklärt die Probleme.

Der Taktik-Ingenieur hat's derzeit schwer.

Pep Guardiolas Manchester City ist nach zwei empfindlichen Niederlagen in Folge (1:3 gegen Chelsea, 2:4 gegen Leicester City) in der Liga auf Platz vier abgerutscht, wettbewerbsübergreifend haben die Himmelblauen nur vier der letzten 15 Spiele gewonnen.

Eine ausgewachsene Formkrise, könnte man sagen. Doch die Kritik auf der Insel zielt sehr viel tiefer, auf Guardiolas fundamentale Fußball-Ideen.

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Der 45-Jährige musste sich vor dem Heimspiel gegen Watford (21 Uhr im LIVETICKER) wiederholt fragen lassen, ob es nicht an der Zeit sei, seine radikalen Methoden zu überdenken. 

"No way", kam die Antwort. "Wir werden so spielen, wie ich es für richtig halte. Wir werden Fehler machen und versuchen, diese zu verbessern. An dem, woran ich glaube, werden wir aber nichts ändern."

Leicht angewidert wies er insbesondere den Vorwurf zurück, dass seine Elf kaum grätschen würde. "Grätschen? Ich bin kein Trainer für Grätschen", schüttelte er den Kopf.

Für den Katalanen liegt das Problem an der mangelnden Umsetzung seines Systems, nicht am System selbst. Bayern-Fans wird diese Argumentation bekannt vorkommen, das heißt aber nicht, dass Guardiola gänzlich daneben liegt.

Abwehr-Trio gegen Leicester konfus

Gegen Chelsea zum Beispiel ließ sich Innenverteidiger Nicolas Otamendi im persönlichen Duell mit Diego Costa abkochen, beim zweiten Tor der Londoner konnte City den Konter nicht frühzeitig verhindern.

Citys Spiel hatte zuvor im Großen und Ganzen hervorragend funktioniert. 

Am Samstag, in Leicester, agierte seine Dreier-Abwehr jedoch von Anfang an so konfus, dass man gegen den Meister nach fünf Minuten 0:2 hinten lag.

Die hastige Umstellung auf eine Viererkette linderte die Konfusion nur unwesentlich.

Die Spieler machten den Eindruck, von den komplexen Anforderungen des Coaches überfordert zu sein. "Sie wollten ein Gedicht aufsagen, hatten aber noch nicht das ABC gelernt", schrieb der Guardian

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Schlüsselspieler im Formtief

Fußballlehrer Guardiola müssen diese Fehlleistungen enorm frustrieren, hatten seine Schützlinge den neuen Lehrplan doch zu Beginn der Saison gleich perfekt verinnerlicht.

Zehn Siege in zehn Partien setzten einen immens hohen Standard, dem die Truppe in der Folge nicht mehr gerecht wurde. Zu viele Schlüsselspieler kicken momentan arg unter ihren Möglichkeiten.

Raheem Sterling, der als komplementärer Flügelstürmer die Abhängigkeit von Kevin De Bruyne verringern soll, hat beispielsweise seit Ende September nichts mehr Zählbares auf den Platz gebracht.

Star-Torjäger Sergio Agüero sitzt eine Vier-Spiele-Sperre ab, für ihn gibt es keinen adäquaten Ersatz.

In der Abwehr wirkt der am Ball enorm talentierte 50-Millionen-Pfund-Mann John Stones nach zwischenzeitlicher Stabilisierung wieder so nervös wie bei Everton im Vorjahr.

Und Torhüter Claudio Bravo, der Nationalheld Joe Hart verdrängte und deswegen unter verschärfter Beobachtung steht, hält kaum einen Ball.

Was bringt es, einen tollen Passspieler im Kasten zu haben, der nicht das einfache Hand-Werk versteht, spotten Kritiker wie Mirror-Kolumnist Stan Collymore.

Inwieweit sich Guardiolas latent riskante Strategie mit hoher Verteidigungslinie und die individuellen Schwächen sich gegenseitig bedingen oder gar verstärken, ist nicht leicht zu entschlüsseln.

Am ehesten muss man Trainer und Vereinsführung wohl den Vorwurf machen, die Möglichkeiten des Kaders überschätzt zu haben, was die taktische Flexibilität und Tiefe angeht.

Guardiolas Selbstgewissheit sorgt für Kritik

Der Verein wird Guardiola die Zeit geben, die Dinge zu korrigieren; das Pep-Projekt im Etihad-Stadion ist zu langfristig angelegt, um nach ein paar negativen Ergebnissen ernsthaft ins Wanken zu kommen.

Der als Koryphäe und Erneuerer in die Premier League gekommene Spanier aber muss sich derweil gefallen lassen, dass Teile der britischen Fußball-Öffentlichkeit Citys Schwierigkeiten genüsslich als gerechte Quittung für dessen als arrogant empfundene Selbstgewissheit sehen - und voller Stolz die Tatsache zelebrieren, dass sich die Premier League für ihn im Vergleich zu Bundesliga und La Liga doch als härtere Nuss erweist.

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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