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München - Aston Villa legt für einen No-Name aus der belgischen Liga 25 Millionen Euro auf den Tisch. Doch Wesley ist jeden Cent wert, denn er hat im Leben nichts geschenkt bekommen.

Als Anfang Juni Aston Villa die Verpflichtung eines brasilianischen Stürmers bekanntgab, fragten sich viele Experten, wer denn dieser Wesley überhaupt sei.

Erst recht, nachdem der Premier-League-Aufsteiger stolze 25 Millionen Euro an den FC Brügge überwiesen hatte - ein neuer Rekordtransfer der Villans.

Wesley Moraes Ferreira da Silva, wie der 22-Jährige mit vollem Namen heißt, blickt auf ein bewegtes Leben zurück: Im Alter von neun Jahren verlor er seinen Vater und wurde selbst als Teenager viel zu früh Vater eines Sohnes und einer Tochter - von zwei verschiedenen Frauen.

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Trotz all der Widrigkeiten hat sich der Sturm-Tank seinen größten Traum erfüllt und wurde Fußball-Profi.

"Wenn man in jungen Jahren zuerst den Vater verliert und schon als Kind mit 15 Jahren selbst zum Vater wird, hat das Auswirkungen. Seine Kinder blieben in Brasilien, was für ihn ziemlich schwierig war. Wir mussten eine Beziehung zu ihm aufbauen, in der man nach und nach mehr über die Familie spricht", erklärte Brügges Teammanager Dévy Rigaux dem Guardian.

Vom Futsal zum Premier-League-Star

"Wir hatten ein sehr klares Bild des Spielers, bevor wir ihn verpflichtet haben. Es gab ein langes Gespräch mit einem Psychologen auf der einen Seite, und mit uns, den Leuten des Klubs auf der anderen Seite, über die sozialen Aspekte", berichtete Rigaux: "Während dieser Gespräche spürten wir, dass er ein Junge mit einem sehr guten und großen Herzen war, mit wirklich guten Werten im Leben, die in unserem Umfeld notwendig waren, um der richtige Fußballspieler zu werden."

Auf der Insel will Wesley nun den nächsten Schritt wagen - am besten hin zum Weltstar. Dabei war sein Weg dahin sehr steinig, denn der Brasilianer spielte in seiner Heimat für keinen der großen Fußball-Klubs: Nicht beim FC Santos, nicht beim FC Sao Paulo, weder bei Gremio, noch Corinthians, noch Flamengo. Vielmehr tobte er sich bis zum Alter von 14 Jahren lediglich beim Futsal aus, ehe er beim kleinen, unbekannten Verein Itabuna Esporte Clube zum "echten" Fußballer ausgebildet wurde.

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Von Brasilien in die slowakische Provinz

In Europa hatten später einige Vereine bei einer möglichen Verpflichtung Bedenken wegen Wesleys Physis und Verletzungsanfälligkeit. Ein Fuß ist drei Zentimeter länger als der andere, ähnlich wie bei Brasiliens Fußball-Legende Garrincha. "Du wirst nie ein Problem damit haben", munterte ihn ein ehemaliger Mannschaftsarzt von Brasiliens Nationalteam einmal auf: "Es ist nun mal so wie es ist. Du bist so geboren. Ändere nie etwas."

Vor fünf Jahren tingelte der damals 17-jährige Wesley von Klub zu Klub, um sich für einen Wechsel nach Europa zu empfehlen. So trainierte der Angreifer auch drei Monate bei Atlético Madrids U17 mit und ließ sein Talent aufblitzen. Doch ein Transfer kam nicht zustande. Geknickt musste er zurück nach Brasilien.

2015 erhielt der slowakische Klub AS Trencin ein Highlight-Video und lud Wesley daraufhin zu einem einmonatigen Probe-Training ein. All die Anstrengungen und Mühen des Stürmers wurden endlich belohnt, der Verein nahm ihn unter Vertrag. Es musste sich wie eine Erlösung angefüllt haben.

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Wesley wird in Trencin zum Stürmer umgeschult

"Er wollte nicht auf der Neun spielen, sondern lieber im Mittelfeld. Aber all sein Talent, das er hatte, war es, ein Stürmer zu sein", sagte Trencins Vorstandsvorsitzender Robert Rybnicek. "Wir erklärten ihm, dass er in Zukunft ein wirklich guter Angreifer für den internationalen Markt sein würde. Wir schulten ihn um und schenkten ihm das Vertrauen. Langsam begann er, selbst daran zu glauben - und die Entwicklung war unglaublich."

Nach einer starken Saison mit acht Toren und fünf Vorlagen in 22 Spielen war das Kapitel Slowakei schneller beendet als erwartet. Brügge ließ sich nicht zweimal bitten und überwies eine Million Euro an Trencin. Doch Wesley hatte sowohl auf als auch neben dem Platz noch Nachholbedarf.

In Brügge lernte der damals 20-Jährige, was es heißt, sich richtig zu ernähren. Wie wichtig ausreichend Schlaf ist und vieles mehr. Im Fußballerischen verbesserte der 1,91 Meter große Hüne insbesondere sein Kopfballspiel, wobei ihm dabei sein Körpergefühl vom Futsal behilflich war.

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"Zu Beginn seiner Karriere in Brügge fing er sich einige Rote Karten für unreifes Verhalten ein. Dann war ich sehr hart zu ihm", erinnerte sich Teammanager Rigaux. Wesley nahm die kritischen Worte an, wurde stärker und reifer. Sein Landsmann und Mitspieler Claudemir war in Belgien stets an seiner Seite und kümmerte sich wie ein großer Bruder um ihn.

Brügge verdient mit Brasilianer das 25-Fache

Rigaux geht davon aus, dass Wesley auch bei Aston Villa seinen Weg gehen wird, denn er habe "zum Glück die richtigen Leute um sich". Der 22-Jährige hat schon in jungen Jahren viel Verantwortung für seine Familie, seine Kinder und einen 25-köpfigen Clan übernehmen müssen, die er alle unterstützt.

"All die Probleme, die er hat, lässt er nicht an sich ran", erklärte Hans Coret, der eng mit Wesleys Berater zusammenarbeitet, dem Guardian: "Er hat einen Fokus - und das ist Fußball. Er ist nicht nervös und lässt sich trotz seines jungen Alters durch nichts beirren." Nach drei Jahren in Belgien sowie 47 Scorer-Punkten in 130 Spielen will Wesley in Birmingham all die Kritiker Lügen strafen und sich einen Namen machen.

Vom Eine-Million-Euro-Schnäppchen zum 25-Millionen-Transfer in nur drei Jahren: Zumindest für den FC Brügge hat sich das Vertrauen in Wesley ausgezahlt.

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