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München - Mohammed bin Salman will Newcastle United übernehmen. Der mögliche Deal sorgt für mächtig Gegenwind. Die Übernahme ist zum Politikum geworden.

Wie lange sich die Fans von Newcastle United schon nach sportlichem Erfolg sehnen, wissen die meisten von ihnen vermutlich selbst nicht mehr.

Längst hat der Traditionsklub den Anschluss an die englischen Spitzenteams verloren. Die letzte von vier Meisterschaften wurde 1927 gewonnen, den letzten großen Titelgewinn feierten die Anhänger im Jahr 1955 mit dem FA Cup.

In den vergangenen Jahren folgte beim einst so stolzen Klub ein Tiefpunkt nach dem anderen. Seit Mike Ashley vor 13 Jahren den Verein übernahm, musste Newcastle zweimal den Gang in die zweite Liga antreten. 

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Ashley ist bei den enthusiastischen Fans verhasst, sie werfen ihm schlechtes Management vor. Da überrascht es nicht, dass Ashley zuletzt händeringend nach einem Abnehmer für den Klub suchte.

Den hat er mittlerweile gefunden: Der Public Investment Fund (PIF) soll 80 Prozent der Klub-Anteile übernehmen. Für 340 Millionen Euro.

Bin Salman soll Mord befohlen haben

In trockenen Tüchern ist der Deal aber noch nicht. Der Grund dafür ist, dass die neuen Besitzer schon vor ihrem Erscheinen für einen kollektiven Aufschrei sorgen. 

Dem PIF steht der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman "MBS" vor. Es handelt sich dabei um einen Staatsfond Saudi-Arabiens. Das Problem ist der Ruf, der bin Salman vorauseilt.

Der saudische Thronfolger ist gleichzeitig stellvertretender Premierminister und hat enormen Einfluss in Saudi-Arabien. Der 34-Jährige gilt als diktatorisch und skrupellos. Ihm werden unzählige Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. Das Land regiert er mit seinem Vater und König Salman ibn Abd al-Aziz mit eiserner Hand.

Er wird unter anderem verdächtigt, die Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi befohlen zu haben, der ein Kritiker der Königsfamilie war. Khashoggi wurde im Oktober 2018 in der saudischen Botschaft in Istanbul von einem Killer-Kommando ermordet.

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Die CIA ist sich sicher, dass der Auftrag zum Mord von bin Salman gekommen ist. Der Kronprinz bestreitet die Vorwürfe. Außerdem ist der Krieg im Jemen vor allem sein Projekt.

Übernahme wird zum Politikum 

Bin Salman wird vorgeworfen, durch sogenanntes Sportwashing von den Menschenrechtsverletzungen und Ungerechtigkeiten in seinem Land ablenken zu wollen. Newcastle ist dabei sein nächstes großes Projekt.

"Das ist ein größeres Problem", beschrieb Clive Betts, Abgeordneter der britischen Labour Partei, den Konflikt: "Es geht um Menschenrechtsfragen und darum, ob bestimmte Personen in Missbrauch und schmutzige Geschäfte verwickelt sind."

Seine Aussagen zeigen, dass die Übernahme längst zum Politikum geworden ist. Gegenwind kommt von allen Seiten. 

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Foundation schrieb einen offenen Brief an die Premier League. Die Botschaft: "Sie sollten sich dringend überlegen, ob Ihre Organisation in gefährliche Verwicklungen mit der brutalen Diktatur von Mohammed bin Salman treten sollte."

PSG-Boss gegen Übernahme von Newcastle

Der katarische Pay-TV-Sender BeIN SPORTS, der Rechte an der Premier League hält, wurde sogar noch deutlicher: "Das künftige wirtschaftliche Modell des Fußballs steht auf dem Spiel."

CEO von BeIN SPORTS ist der Katari Nasser Al-Khelaifi, der gleichzeitig auch Präsident von Paris Saint-Germain ist. Er ist einer der lautesten Kritiker der Übernahme von Newcastle durch bin Salman. Dabei geht es auch um die Fehde zwischen Saudi-Arabien und Katar.

Auf Druck der Saudis beendeten Verbündete wie Ägypten und Bahrain 2017 die diplomatischen Beziehungen zu den nun isolierten Kataris. Deren meist erfolgreiches Engagement im Sport (PSG, Fußball-WM, eingekaufte Leichtathleten) ist vor allem auch MBS ein Dorn im Auge.

Auch die Welthandelsorganisation hat sich bereits eingemischt. Laut einem Bericht des Guardian ist der PIF auch mit dem illegalen Streaminganbieter beoutQ verknüpft. Auch BeIN SPORTS hatte darauf bereits hingewiesen.

Die Premier League sieht nach Untersuchungen trotzdem keinen Grund, den Deal aufzuhalten.

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Am emotionalsten dürfte aber die Botschaft von Hatice Cengiz gewesen sein. Die frühere Verlobte des ermordeten Khashoggi schrieb einen offenen Brief an die Fans von Newcastle United.

Die Fans sind gespalten

Ein Auszug des Briefs: "Ich bitte euch, darüber nachzudenken, ob die Annahme des Angebots von Mohammed bin Salman wirklich der richtige Weg aus der Verzweiflung für euren Klub und eure Stadt ist. Ich flehe euch alle an, schließt euch zusammen, beschützt euren geliebten Klub und eure Stadt vor dem Kronprinzen und den Menschen um ihn herum. Sie machen diesen Schritt nicht, um euch zu helfen, sondern einzig und allein, um sich selbst zu dienen."

Die Fans der Magpies sind nach den emotionalen Worten gespalten.

Einerseits wollen sie Ashley endlich loswerden und lechzen nach Jahren in der Bedeutungslosigkeit nach sportlichem Erfolg. Dieser könnte mit bin Salman, dessen finanzielle Mittel nahezu unerschöpflich sind, zweifellos zurückkehren. Sogar ein neuer Rekord auf dem Transfermarkt könnte bald fallen.

Manche meinen, man könne den Klub auch unterstützen, wenn der Besitzer fragwürdig ist. Andere sind sich da nicht so sicher.

"Wir können nicht mitbestimmen, wie eine souveräne Nation geführt wird, aber wir können darüber mitreden, wie der Klub geführt wird. Wer auch immer den Klub besitzt, wir wollen Einfluss haben", sagte Peter Maughan vom "Newcastle United Supporters Trust" der BBC.

Dass bin Salman ein großer Freund des Mitbestimmens ist, darf allerdings bezweifelt werden.

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