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München - Mesut Özil wird bei seinem neuen Klub Fenerbahce frenetisch empfangen. Bei SPORT1 spricht Türkei-Experte Erdal Keser über den ehemaligen Nationalspieler.

Für die Fans von Fenerbahce Istanbul ist der Traum also wirklich wahr geworden.

Mesut Özil wechselt in die Türkei, soll dort nach Bild-Informationen einen Vertrag bis 2024 erhalten. Was sich bereits seit Tagen angedeutet und SPORT1 schon vor einer Woche berichtet hatte, wurde vom ehemaligen Nationalspieler selbst bestätigt.

"Ich bin sehr froh darüber, in die Türkei zu kommen und das Trikot meiner Kindheitsmannschaft tragen zu können", sagte er dem türkischen Fernsehsender NTV in einem Telefoninterview.

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"Gott wollte, dass ich für Fenerbahce spiele. Ich werde das Trikot mit Stolz tragen und alles für das Team geben", sagte Özil, der einen Vertrag bis 2024 erhält. Ganz schön viel Pathos.

Ex-Profi Erdal Keser kann Özil verstehen. "Wenn das seine Empfindungen sind, dann ist das völlig in Ordnung. Wenn er diesen Klub schon als kleiner Junge geliebt hat, dann glaube ich, dass er solche großen Worte vollkommen ernst meint", sagt der 59-jährige Türke, der in seiner Karriere unter anderem für Galatasaray Istanbul (1984 bis 1986 und 1989 bis 1994) und Borussia Dortmund (1986/87) spielte, im Gespräch mit SPORT1.

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Keser über Özil: "Ich nehme ihm das ab"

"Mesut ist ein sehr gläubiger Fußballer und hat sich jetzt auch politisch-religiös geäußert, deshalb ist das sein fester Wille sich so auszudrücken. Ich nehme ihm das ab", erklärte Keser weiter.

Özil reiste am Sonntagabend mit seiner Familie nach Istanbul, um den Deal zu finalisieren. "Ich bin gespannt und glücklich, dass im türkischen Fußball wieder etwas Großes passiert", sagt Keser.

"Die ganze Türkei freut sich auf Özil"

"Mesut wird angehimmelt und das nicht nur von Fenerbahce-Anhängern. Die ganze Türkei freut sich auf Mesut. Mesut war natürlich längere Zeit außer Gefecht, aber zum jetzigen Zeitpunkt zu einem Verein zu wechseln, bei dem er mit offenen Armen aufgenommen wird, war sportlich absolut richtig", ergänzt der Türkei-Experte.

Schon am Samstag gab Özil auf Twitter einen eindeutigen Hinweis auf seinen neuen Klub, bei dem unter anderem der frühere Bundesliga-Profi Luiz Gustavo seit 2019 spielt.

Fener twitterte die Textzeile "Gel Gündüzle Gece Olalım..." (dt.: "Komm, lass uns jeden Tag und Nacht zusammen sein") aus dem Tarkan-Song "Gül Döktüm Yollarına" ("Ich habe dir Rosen auf deinen Weg gelegt").

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Auf die Frage, ob jetzt gar türkische Vereine neidisch seien, antwortet Keser: "Natürlich - nicht nur Galatasaray, sondern alle Vereine in der Türkei. Da spielt schon Neid eine Rolle, dass man so einen Spieler nicht verpflichten konnte, weil bei Mesut auch das Herz und die Bekundung zu den Klubfarben eine große Rolle spielt." Diese hatte der 32-Jährige bereits bei einem Tweet am Samstag verwendet.

"Einer der größten Transfers in die Türkei"

Özils Wechsel sei in der jüngeren Zeit "einer der größten Transfers in die Türkei" und Keser glaubt, Özil sei "sogar nach Roberto Carlos der bekannteste internationale Fußballer, der jetzt zu Fenerbahce kommt". Der brasilianische Weltmeister von 2002 spielte von 2007 bis 2009 bei Fener.

Finanziell wird Özil Abstriche machen müssen. "Er wird nicht wenig verdienen, aber nur einen Teil dessen, was er bei Arsenal (rund 390.000 Euro pro Woche, Anm. d. Red.) bekommen hat", sagt Keser.

Auch, wenn dieser Transfer in die Türkei recht romantisch klingt, müsse Özil eines wissen: "In der Türkei sind die Erwartungen vorher sehr groß und man liebt einen Spieler. Wenn diese dann nicht erfüllt werden können, kann das schnell ins Gegenteil umschlagen."

SüperLig robust und unorthodox

Die SüperLig sei eine "schwer zu bespielende Liga", da gehe es "robust zu und es wird unorthodoxer Fußball gespielt". Für Keser gibt es genug Beispiele, "als Superstars in die Türkei wechselten und nicht klarkamen". Der Ex-Profi nennt Nicolas Anelka, der in der Saison 2005/06 bei Fenerbahce gar nicht zurechtkam.

Davon kann auch Max Kruse ein Lied singen, der in der vergangenen Saison bei Fenerbahce nach nur einem Jahr zu Union Berlin wechselte. Grund waren ausgebliebene Gehaltszahlungen. Doch dies kann Keser nicht nachvollziehen.

"Wenn man in die Türkei wechselt, dann weiß man das", erklärt Keser. "Man muss auf sein Gehalt warten, aber im Endeffekt bekommt man sein Geld, nur nicht immer pünktlich. Mesut möchte einfach bei Fener spielen, weil ihm der Verein am Herzen liegt. Er möchte seine innere Ruhe wieder finden. Mesut ist ein Fußballer, der Spaß haben will am Kicken."

Mitgefühl für Özil

In den vergangenen Jahren habe man "immer alle Schuld auf seinem Rücken abgeladen, wenn es nicht lief - sei es in der Nationalmannschaft oder zuletzt auch bei den Gunners". Überhaupt sei es mit Özil  eine "paradoxe Situation". Obwohl der frühere Real-Star nie für die türkische Nationalelf gespielt hat, sind alle Türken sehr glücklich "so einen Landsmann zu haben, der in der Welt den türkischen Gedanken lebt".

Man sehe darüber hinweg, "dass er für ein anderes Land gespielt hat, sich jetzt aber fast schon als türkischer Staatsbürger ausgibt. So negativ es auch ankam, so deutlich war seine Positionierung mit dem türkischen Präsidenten Erdogan."

Keser geht auch davon aus, dass Özil demnächst die türkische Staatsbürgerschaft annehmen wird. Dass sich Özil in der aktuellen Corona-Pandemie den Fans nicht zeigen kann, sei schade, aber kein Problem. "Vielleicht ist es ganz gut, dass gerade keine Zuschauer zugelassen sind. Mesut würde von ihnen getragen und ihm jeden Fehler verziehen werden, aber jetzt kann er sich ganz auf das Spiel konzentrieren."

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