Lesedauer: 5 Minuten
teilenE-MailKommentare

München - Der späte Aufstieg von Kofi Kingston zum WWE-Champion ging Fans und Kollegen ans Herz. Sein Leben wäre ohne seinen Wrestling-Traum eher dröge verlaufen.

Wahrscheinlich hat ihm sein früherer Job am Ende doch geholfen, so sehr der WWE-Champion ihn gehasst hat.

Kofi Kingston arbeitete für Staples, einen Einzelhandelskonzern für Bürobedarf, als Korrekturleser. "Sie hatten einen 900-Seiten-Katalog", berichtet er SPORT1: "Meine Aufgabe war, ihn auf Rechtschreibfehler zu prüfen, auf die richtige Zeichensetzung zu achten, die Abstände zwischen Wörtern und Satzzeichen."

Nicht völlig verwunderlich, dass er nach einer gewissen Zeit dachte: "Ich fühlte mich nicht erfüllt. Ich wollte mehr aus meinem Leben machen. Ich wollte meinen Traum verwirklichen."

Anzeige

Kingston hat sich vor einem Monat den größten aller Träume erfüllt: Bei WrestleMania 35 errang er mit einem Sieg über Daniel Bryan erstmals den historisch bedeutsamsten Titel der Showkampf-Liga, als erster in Afrika geborener Wrestler. Dass ihm dieser Coup mit bald 38 Jahren spät gelungen ist, könnte durchaus etwas mit seinem persönlichen Hintergrund zu tun haben.

Vom Korrekturleser zum WWE-Champion

Korrektur zu lesen, das ist ein Job für uneitle Charaktere, er erfordert Gründlichkeit und Geduld, einen großen Drang, die Dinge richtig zu erledigen, ohne gleich auf eine schnelle Belohnung zu hoffen.

Auch wenn Kingston sich bei WWE ironischerweise als Mann für atemberaubende Flugeinlagen hervorgetan hat: Das Arbeitsethos und die Geduld des Korrekturlesers hat er sich dabei offensichtlich bewahrt - und seine Belohnung nach langem Warten schließlich doch bekommen, auf die größtmögliche und emotionalste Weise.

Wobei der Zufall dieser Geschichte etwas auf die Sprünge helfen musste.

Wissenswertes zum Thema Wrestling

Schub durch The New Day

Kofi Nahaje Sarkodie-Mensah, wie er eigentlich heißt, ist seit mittlerweile 13 Jahren unter WWE-Vertrag.

Nachdem der gebürtige Ghanaer und Absolvent des Boston College 2005 sein Wrestling-Training aufnahm, dauerte es kein Jahr, bis WWE auf sein athletisches Talent aufmerksam geworden war.

Kingston gewann das Publikum mit einem innovativen Spektakel-Stil schnell für sich, er schien dabei jedoch an Grenzen zu stoßen: Immer wieder zwar gewann er die Sekundärtitel der Liga, begeisterte bei Leitermatches und Royal Rumbles mit kreativen Einlagen - doch ins Zentrum der Shows, in die "Main Events" rückte er nie dauerhaft.

Zwar half ihm die 2015 gegründete Formation The New Day wurde mit seinen Partnern und Freunden Xavier Woods und Big E, auch außerhalb des Rings als unterhaltsamer Charakter zu sich zu finden. Dennoch sah es lange Zeit so aus, als ob seine Mitgliedschaft in der Kult-Gruppierung sein größtes Vermächtnis bleiben würde.

Ex-Kollegen vergossen bei WrestleMania Tränen

Dann aber rückte Kingston im Februar 2019 als kurzfristiger Ersatz für den tatsächlich verletzten Mustafa Ali in das große WWE-Titelmatch bei No Escape (Elimination Chamber) - und auf einmal verselbstständigte sich der Notfallplan.

Mit herausragenden Vorstellungen weckte Kingston bei den Fans den Wunsch, ihn als Champ zu sehen, eine hörbare Euphoriewelle entstand und WWE warf den eigentlichen WrestleMania-Plan, Kevin Owens gegen Bryan antreten zu lassen, zu Kingstons Gunsten um.

"Kofi-Mania" ist ein Beispiel dafür, wie ein abgesprochener Showsport entgegen allen Vorurteilen echte Emotion und Bedeutung auszulösen vermag.

Nach so vielen Jahren gönnten Fans und Kollegen dem als Musterprofi geltenden Kingston den späten Aufstieg einfach von Herzen, nachdem er sich so lange in insgesamt fast 1800 Matches für WWE aufgerieben hatte. Nach Mania ging ein Video viral, wie seine früheren WWE-Weggefährten Montel Vontavious Porter und Shad Gaspard gemeinsam Tränen der Rührung vergossen, als Kingston vor 80.000 Fans im MetLife Stadium seine Karriere krönen durfte.

Keine Gedanken an AEW

Im direkten Kontakt mit Kingston ist zu merken, warum ihm so viel echte Sympathie entgegen strömt: Der "Dreadlocked Dynamo" versprüht positive Energie, antwortet in einem stundenlangen Medien-Marathon mit einer globalen Journalistenrunde mit ausdauernder Freundlichkeit und Zugewandtheit.

Auf SPORT1-Nachfrage stellt der zweifache Familienvater dabei auch klar, dass die vor WrestleMania angedeutete Story, dass New Day WWE verlassen könnten, sollte Kingston seine Titelchance nicht bekommen, keine reale Grundlage hatte.

"Wenn du ein Ziel wirklich erreichen willst, ist aufgeben keine Lösung", sagt er: "Ich habe immer an meinen Traum geglaubt. Zu gehen oder damit zu drohen, um etwas zu erreichen, ist nicht meine Strategie."

Keine Gedankenspiele also in Richtung der neuen Konkurrenzliga AEW - und Kingston hofft auch, dass seine Geschichte auch talentierte Kollegen liefert, die im Moment weit entfernt vom WWE-Titelgeschehen sind. Kingston nennt namentlich die Cruisergewichte Ali, Buddy Murphy und "Gentleman" Jack Gallagher.

Kofi Kingston will WWE-Fans in Deutschland danken

Im Moment aber will Kingston seinen eigenen Ritt an der Spitze genießen und rechtfertigen.

In dieser Woche durfte er sowohl im Main Event von RAW und SmackDown seinen Titel verteidigen, als nächstes geht er mit der Liga auf eine Europatour, die WWE auch nach Magdeburg (15. Mai), Hamburg (16. Mai) und Berlin (17. Mai) führen wird.

"Ich liebe Deutschland, hier gibt es viele leidenschaftliche Fans und genau das treibt uns an", sagt Kingston: "Ich freue mich sehr, jetzt erstmals als WWE-Champion vor ihnen antreten zu können - und dass ich die Gelegenheit habe, ihnen zu danken, dass sie geholfen haben, mich dazu zu machen."

Nächste Artikel
previous article imagenext article image