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München - Die Wrestling-Liga WWE zieht die Konsequenzen aus zuletzt schwachen Einschaltquoten der TV-Show Monday Night RAW: Paul Heyman muss als Kreativchef gehen.

Paukenschlag bei WWE wenige Tage vor der Großveranstaltung Backlash: Knapp ein Jahr nach seiner spektakulären Beförderung zum Kreativdirektor der Show Monday Night RAW ist Paul Heyman seinen Job wieder los.

Wie die Wrestling-Liga in einer knappen Mitteilung bekanntgab, werden die Autorenteams der TV-Sendungen RAW und Friday Night SmackDown zusammengelegt. Der bislang nur für SmackDown verantwortliche Bruce Prichard ist nun alleinverantwortlich, Heyman werde sich von nun an "auf seine Rolle als Ring-Performer konzentieren". Heyman agiert vor der Kamera als Sprachrohr von Topstar Brock Lesnar.

Der Wrestling Observer berichtet, dass Heyman zwei Verträge gehabt hätte - der, in dem seine Backstage-Aufgaben fixiert gewesen wären, sei gekündigt worden.

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Heyman, der ehemalige Promoter der Neunziger-Kultliga ECW (Extreme Championship Wrestling) war im vergangenen Juni auf den Posten gehievt worden, zusammen mit seinem einstigen Intimfeind, dem früheren WCW-Boss Eric Bischoff, der denselben Job bei SmackDown bekommen hatte.

Bischoff, der sich als großes Missverständnis entpuppte, bekam letztlich nie kreative Macht und wurde im Herbst schon wieder gefeuert. An Heyman lädt WWE-Chef Vince McMahon nun nach allgemeinem Eindruck die Verantwortung ab, dass die Quoten von RAW zuletzt auf ein negatives Rekordniveau gesunken waren.

Monday Night RAW im Rekordtief

Am vergangenen Montag schalteten bei RAW in den USA 1,74 Millionen Zuschauer ein, 18 Prozent weniger als zum selben Zeitpunkt im vergangenen Jahr - was zum damaligen Zeitpunkt auch schon ein historischer Tiefstand war.

Der Heyman-Bischoff-Paukenschlag war eine Folge ebendieses Abwärtstrends, der sich seitdem aber eben nicht gebessert, sondern stattdessen noch einmal massiv verschärft hat.

Inwiefern Heyman dafür mitverantwortlich ist, ist Auslegungssache: Erst kürzlich hatte McMahon die RAW-Quoten in einem Investoren-Rundruf damit gerechtfertigt, dass bei RAW gerade die Kreation neuer Stars im Fokus steht und ein Quotentief daher in Kauf genommen werden müsste.

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Paul Heyman mit undankbarem Job

Tatsächlich war diese Tendenz aus vielen Personalentscheidungen des vergangenen Jahres abzulesen gewesen, vor allem durch die Kaderzuteilung beim RAW-SmackDown-Draft im vergangenen Herbst: SmackDown - das durch den Senderwechsel zu Fox höhere Priorität bekam - wurde mit mehr Stars ausgestattet, RAW eher mit weniger etablierten Talenten, die Heyman entwickeln sollte.

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Erst vor kurzem unterstrich WWE diesen Trend, indem man mit AJ Styles einen weiteren etablierten Star von RAW zu SmackDown wechseln ließ, ohne Ersatz.

Dem Observer zufolge hatte Heyman intern um 18 Monate Zeit gebeten, ehe die Ergebnisse des Projekts beurteilt werden könnten. Er hat sie nicht bekommen.

Womöglich übernahm sich Heyman zuletzt etwas, indem er zu viele Talente auf einmal pushen wollte, einen dankbaren Job hatte er unter den aktuellen Umständen aber keinesfalls - zumal ihm zuletzt auch noch die Corona-Pandemie und die daraus folgende Geisterkulisse die Arbeit erschwerte. Hinzu kam, dass nach WrestleMania viele seiner größeren Stars nicht oder nur selten zur Verfügung standen: Lesnar, Rückkehrer Edge, die Veteranen Randy Orton und Rey Mysterio etwa sind nur teilzeitaktiv, Becky Lynch wurde schwanger, ihr Verlobter Seth Rollins war der einzige wirklich fest etablierte Topstar, der immer dabei war.

Vince McMahon ändert Prioritäten

Unter Berufung auf eingeweihte Kreise berichtet der Observer, dass die Pandemie McMahons Prioritäten generell stark verändert hätte. Vorher wäre er bereit gewesen, langfristigen Projekten eine Chance zu geben, nun se er im Krisenmodus, der kurzfristige Effekt gehe über alles.

Vince McMahon ist bis heute Boss bei WWE
Vince McMahon ist bis heute Boss bei WWE © Getty Images

Zitiert wird außerdem ein Insider, der sich überrascht zeigte, dass Heyman bei dem als ungeduldig bekannten McMahon überhaupt ein Jahr Zeit bekommen hätte, sich zu bewähren. McMahon und Heyman seien schlicht nicht kompatibel - schon in der Vergangenheit war Heyman zweimal vorzeitig aus kreativen Backstage-Rollen entfernt worden, 2003 als Chefautor von SmackDown, 2006 als Verantwortlicher des ECW-Revivals unter dem WWE-Banner.

Während Heymans Demission die Verantwortlichen hinter den Kulissen nicht mehr schockiert haben soll, sollen die Wrestlerinnen und Wrestler bei RAW überrascht sein - und beunruhigt: Der RAW-Kader war auf Heyman zugeschnitten worden, zahlreiche von Heyman geförderte Stars wie Andrade, Aleister Black, Buddy Murphy und Austin Theory müssen nun verunsichert sein, ob sie unter den neuen Verhältnissen noch eine Lobby haben.

Wichtig zu wissen ist allerdings auch, dass Heyman weit davon entfernt war, der uneingeschränkt starke Mann bei RAW zu sein. Es gilt als offenes Geheimnis, dass der als kontrollwütig berüchtigte McMahon ihm immer wieder reingeredet hat. Unter anderem soll er über mehreren Wrestlern, die Heyman zu pushen versucht hatte, nach kurzer Zeit den Daumen gesenkt haben: Als offensichtlichste Beispiele gelten Ricochet, Cedric Alexander und Humberto Carillo.

Nicht ganz sicher ist auch, ob der bei WrestleMania 36 mit einem Sieg über Lesnar zum Champion gemachte Drew McIntyre noch dieselbe Rückendeckung bekommt wie von Heyman - wenngleich auch McMahon ein Fan des Schotten sein soll. Wie viele andere Kollegen leidet McIntyre aber darunter, dass die Fanreaktionen vor Ort als Gradmesser und potenzieller Antreiber seiner Popularität ausfallen.

Bruce Prichard bekommt noch mehr Macht

Profiteur von Heymans Aus ist nun wie schon nach Bischoffs Kündigung Bruce Prichard, der als Vertrauensmann McMahons gilt und erst im vergangenen Jahr nach rund zehnjähriger Abwesenheit wieder an Bord geholt worden war.

Bruce Prichard trat bei Money in the Bank als Brother Love auf
Bruce Prichard trat bei Money in the Bank als Brother Love auf © WWE

Der 57-Jährige - Bruder von Ex-Wrestler Tom Prichard - ist Fans von einst noch bekannt als schmieriger Prediger Brother Love, der zu Beginn der neunziger Jahre für kurze Zeit Manager des Undertaker war, bevor Paul Bearer die Rolle bekam. In dieser Rolle hatte er erst vor kurzem einen Cameo-Auftritt bei der Großveranstaltung Money in the Bank.

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