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Sebastian Vettel wartet weiter auf seinen fünften WM-Titel
Sebastian Vettel wartet weiter auf seinen fünften WM-Titel © SPORT1-Grafik: Marc Tirl/Getty Images
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München - Nach einem vielversprechenden Saisonstart gehen Ferrari und Sebastian Vettel wieder leer aus. Formel-1-Experte Marc Surer nennt bei SPORT1 die Gründe für die Krise.

Die Luft ist raus bei Sebastian Vettel und Ferrari. Seit dem Grand Prix von Mexiko ist Lewis Hamilton die Fahrer-Krone nicht mehr zu nehmen. Durch seinen fünften WM-Titel überholte der Brite den Deutschen sogar in der ewigen Bestenliste.

Am vergangenen Wochenende brachte Mercedes in Brasilien auch die Konstrukteurswertung unter Dach und Fach. Eine Saison, die so viel versprechend mit zwei Vettel-Siegen in einem überlegenen Auto für die Scuderia begonnen hatte, endet mit einer Demütigung nach der anderen. Platz sechs in Interlagos war der nächste Tiefpunkt.

Nach der letztlich niederschmetternden Saison müssen die Italiener nun schonungslos in die Analyse gehen, um die inzwischen wieder beängstigend große Lücke zu Mercedes zu schließen. Alles muss auf den Prüfstand: Fahrer, Team, Auto. Wo wurden taktische Fehler begangen? Wo leistete sich Vettel individuelle Aussetzer? Die Suche nach den Antworten dürfte weh tun (WM-Stand vor dem letzten Rennen).

Schon vor dem abschließenden Grand Prix in Abu Dhabi zieht Formel-1-Experte Marc Surer bei SPORT1 schonungslos Bilanz: "Vettels Fehlerserie begann in Baku. Dort hatte er einen unnötigen Verbremser und fiel auf Platz vier zurück. Bereits damals war klar, dass er sich derartige Fehler nicht oft leisten darf, wenn er Weltmeister werden will. In Hockenheim ist er als Lokalmatador in der einzigen Kurve rausgerutscht, in der man nicht rausrutschen darf. Das waren eindeutige Vettel-Fehler, denn zu diesem Zeitpunkt hatte Ferrari noch das schnellste Auto."

"Vettel ist selbst schuld"

Daran, dass er den WM-Titel nicht gewinnen konnte, sei "hauptsächlich Vettel selbst schuld", behauptet Surer: "Wobei einige seiner Fehler unter großem Druck entstanden sind."

Den Ausfall bei Vettels Heim-GP in Hockenheim hält Surer, der zwischen 1979 und 1986 bei 82-Formel-1-Rennen an den Start ging, für den Wendepunkt in der Saison des Deutschen. Danach hätte er viele Punkte aufholen müssen und habe bei den folgenden Rennen zu viel gewollt. "Vettel hat versucht, sein Auto mit Gewalt nach vorne zu prügeln", wirft Surer dem viermaligen Weltmeister vor.

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Die Statistik belegt diese Feststellung: Nach dem Heim-Desaster landete Vettel nur noch beim Sieg in Spa und bei Hamiltons Krönung in Mexiko, als es der designierte Champion betont ruhig angehen ließ, vor dem Briten. In sieben von neun Rennen nach dem Patzer von Hockenheim war Hamilton für den Heppenheimer dagegen unschlagbar.

Dabei konnte man Vettel in seiner bisherigen Karriere eigentlich nicht nachsagen, in entscheidenden Momenten Nerven zu zeigen. "Bei Red Bull hat Vettel auch unter enormen Druck gesiegt", erinnert Surer. Doch während der Deutsche in diesem Jahr erstmals mentale Schwächen zeigte, wirkte der Mercedes-Pilot im Saison-Schlussspurt auch im Kopf so stabil wie nie.

Technik-Update bei Ferrari geht nach hinten los

Allerdings sei laut Surer nicht nur Vettel im Angesicht der schwindenden WM-Chancen hektisch geworden.

Auch Ferraris Technik-Abteilung habe sich in der Hitze des Gefechts eine folgenschwere Fehleinschätzung geleistet: "Das Wettrüsten, immer wieder etwas Neues bringen zu müssen, hat Ferrari offenbar dazu getrieben, noch nicht wirklich ausgereifte Teile einzubauen. Bei den Rennen in Singapur, Sotschi und Suzuka hat dies Ferrari zurückgeworfen. Erst nach drei Rennen wurde Ferrari klar, dass die neuen Teile das Auto verschlechtert haben."

Beim Großen Preis von Japan habe man reagiert und "zurückgerüstet".

"Plötzlich war das Auto wieder siegfähig", so Surer. Da war es aber schon zu spät.

Doch wie lässt sich eine solche eklatante Fehlleistung der Ingenieure aus Maranello erklären? Lag es wirklich nur am Druck, im Wettrüsten mit den Silberpfeilen die Nase vorn zu haben? Surer sieht noch einen anderen Grund: ein Machtvakuum auf dem Chefsessel.

Führungsschwäche nach Marchionnes Tod

"Durch den Tod von Marchionne hat Ferrari eine Führungsschwäche entwickelt. Unter dem Haudegen Marchionne haben in Maranello alle gezittert", erklärt der Schweizer. "Wenn ein Team eine starke Führung hat, dann spricht diese die Ingenieure darauf an, wenn mit dem Auto etwas nicht stimmt. Das tut bei Ferrari niemand. Es braucht einen Chef, der den Ingenieuren auf die Finger klopft."

Und zwar einen Chef mit Rennerfahrung: "Red Bull hat mit Horner und Marko zwei, Mercedes hat mit Lauda und Wolff ebenfalls zwei Racer in der Führung. Bei Ferrari fehlt das."

Sobald die Scuderia ihre Personalprobleme gelöst und ihren Boliden technisch wieder auf das Niveau der Silberpfeile gebracht hat, sieht Surer indes keinen Grund, weshalb Vettel Dominator Hamilton in der kommenden Saison nicht die Stirn bieten könnte: "Vettel weiß, wie man Titel gewinnt. Er muss im nächsten Jahr nur wieder so fahren, wie er bei Red Bull gefahren ist."

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