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Ferrari liegt vor dem Ungarn-GP nur auf Rang fünf. Teamchef Mattia Binotto ist ein wichtiger Teil der roten Problematik und steht schon jetzt unter großem Druck.

Es ist ein Albtraum in Rot, aus dem Ferrari einfach nicht erwacht. Eigentlich ist die Scuderia selbst in schlechten Jahren immer vorn dabei. Seit 1982 belegten die Italiener in jeder Saison mindestens den vierten Platz in der Konstrukteurs-WM. Und bis auf sechs Ausnahmen gehörte Ferrari immer zu den besten Drei. Sogar 1995, im Jahr vor Michael Schumachers Ankunft.

Eine Szene von damals hat sich tief in die Hirne der Tifosi eingebrannt. Beim Großen Preis von Italien in Monza 1995 wurde eine abgerissene Inboard-Kamera zur nationalen Katastrophe. Ein Kabel hatte sich um Jean Alesis rechtes Hinterrad gewickelt und zwang den Franzosen zur Aufgabe. Nachdem sie zuvor wie ein Geschoss auch Gerhard Bergers roten Renner lahmgelegt hatte. Doppelausfall im Heimatland der Ferraristi. Schlimmer noch: Alesi und Berger lagen damals auf den Plätzen eins und zwei!

Einen Doppelausfall hatte die Scuderia auch am vergangenen Wochenende in Spielberg zu beklagen. Allein: Von der Doppelführung ist sie heutzutage meilenweit entfernt. 

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1996, ein Jahr nach dem Monza-Fiasko, beschimpfte die Bild-Zeitung Michael Schumachers ersten Ferrari F310 als "rote Gurke". Damit allerdings hat der spätere Rekordchampion immerhin noch drei Rennen gewonnen. Und: Mit Teamchef Jean Todt war eine ordnende Hand an Bord. Es war klar: Der Franzose und sein Star-Pilot brauchten nur noch etwas Zeit, bis Ferrari endgültig den Angriff auf den Titel wagen könnte. Schon 1997 sollte es soweit sein.

Binotto schwächer als Todt

Die Situation anno 2020 ist damit nicht zu vergleichen. Sie ist viel schlimmer. Und: Der aktuelle Teamchef Mattia Binotto (50) scheint anders als Todt damals nicht in der Lage, die Kehrtwende einzuläuten.

Deshalb beginnt bei Ferrari jetzt schon das Grande Casino um den Posten des Teamchefs. Italienische Tageszeitungen bringen Antonello Coletta ins Spiel. Der 53-jährige Römer leitet die Abteilung, die alle sportlichen Aktivitäten bei Ferrari zusammenführt. SPORT1 kann bestätigen: FIAT-Präsident John Elkann und Ferrari-CEO Louis Camilleri trauen Coletta den Job des Teamchefs zu und bringen ihn in Position.

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Schon der Große Preis von Ungarn an diesem Wochenende (Rennen So. ab 15.10 Uhr im LIVETICKER) soll für Binotto zur Bewährungsprobe werden. Der zweite Teil des Updatepakets muss funktionieren, damit der 50-Jährige seinen Posten nicht schon nach nur eineinhalb Jahren räumen muss.

Dabei hat er den Job 2019 mit großen Vorschusslorbeeren angetreten. Ein Jahr lang wirkte der Italiener mit der Harry-Potter-Brille wie ein unbekümmerter Student, der sich gerade seinen Kindheitstraum erfüllt hat. Er sollte den intern umstrittenen Zigarettenmanager Maurizio Arrivabene ablösen. Alles sollte besser werden: Auto, Stimmung, Ergebnisse. Mittlerweile hat Binotto seinen Zauber verloren. Und daran ist er selbst schuld.

Binottos vier folgenschwere Fehler

Denn dem Italiener sind vier schwerwiegende Fehler unterlaufen. 

Erstens: Mit der vermeintlichen Schummelei beim Motor ist er übers Ziel hinausgeschossen. Der rote Antrieb war 2019 so überlegen, dass der Konkurrenz schnell klar war: Hier geht etwas nicht mit rechten Dingen zu. Bereits beim Saisonfinale in Abu Dhabi waren die Rivalen nach SPORT1-Informationen stinksauer auf den Ferrari-Rennleiter, der in ihren Augen ohne Rücksicht auf Verluste die Grenzen der Legalität überschritten hatte. Es folgte der geheime Deal mit der FIA, der die Konkurrenz endgültig auf die Palme brachte. Gegenwind für Binotto, der vom eigentlichen Thema ablenkte, Ferrari zurück in die Erfolgsspur zu führen.

Schlimmer noch: Weil Ferrari den Antrieb im Winter zurückrüsten musste, lahmt das Rennpferd. Und die von Binotto abgesegneten neuen Regeln zur begrenzten Weiterentwicklung der Autos und Antriebseinheiten nach der Corona-Krise sorgen nun dafür, dass eine Konzeptänderung des Renners mit dem springenden Pferd bis Ende 2020 kaum möglich ist.

Zweitens: Binotto ist zu viel König im eigenen Reich. Der ehemalige Technikchef trägt auch als Teamchef weiter die Verantwortung für die Technikabteilung bei Ferrari. Er konnte sich nie dazu durchringen, Macht abzugeben, die Capos der einzelnen Abteilungen auch öffentlich zu stärken oder sich einen Unterstützer an die Seite zu stellen. Doch Binottos One-Man-Show führte zu Kompetenzwirrwarr. Das wiederum zu einem lahmenden Ackergaul statt eines stattlichen Rennpferds. 

Ex-Ferrari-Star Gerhard Berger sagte zu SPORT1: "Binotto ist kein schlechter Techniker. Als Ferrari-Teamchef muss man aber mehr sein. Mit seiner aktuellen Rolle ist er völlig überfordert." Berger vergleicht die derzeitige Situation mit der Vergangenheit: "Jean Todt war damals Teamchef und Politiker, ließ Ross Brawn aber alle Freiheiten bei der Technik. Binotto kümmert sich um alles - das aber ist einfach zu viel."

Drittens: Im Winter spielte der Italiener offenbar ganz bewusst ein falsches Spiel mit Sebastian Vettel. Erst gaukelte er dem Deutschen vor, den Vertrag verlängern zu wollen - dann sagte er ihm ab, ohne überhaupt ein Angebot vorgelegt zu haben. Die Kehrtwende machte Vettel öffentlich - seitdem ist Binotto der Buh-Mann. Noch ein Nebenkriegsschauplatz, den der Rennleiter ohne Not eröffnete.

Viertens: Mit Sebastian Vettel und Charles Leclerc hat Ferrari zwei Piloten auf Augenhöhe im Team. Zwei, die etwas beweisen wollen. Das erfordert intensives Management der beiden Fahrer, Vertrauen, viele Gespräche. Dass Vettel und Leclerc nach Brasilien 2019 nun schon ein zweites Mal kollidiert sind, spricht gegen Binottos Fähigkeiten, die Heißsporne zu zügeln. 

Ferrari so schlecht wie 1981

Folge: Ferrari liegt nur auf Platz fünf der Konstruktionswerkzeug. Zuletzt war die Scuderia 1981 so schlecht. In den vergangenen sechs Jahren haben die Italiener vier Teamchefs verschlissen. Todt-Nachfolger Stefano Domenicali ging 2014, als man nach der Motor-Revolution den Anschluss an Mercedes verloren hatte.

Es folgte Marco Mattiacci, der nur wenige Monate im Sattel saß und schon Ende 2014 erneut ausgewechselt wurde. Marlboro-Zigarrettenmanager Maurizio Arrivabene bekam von 2015 bis Ende 2018 immerhin drei Jahre. Dann zauberte ihn Mattia Binotto im internen Machtkampf nach dem Tod von Ex-Ferrari-Präsident Sergio Marchionne weg.

Nun muss er sich selbst gegen diejenigen zur Wehr setzen, die an seinem Stuhl rütteln.

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