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München - Ex-DTM-Pilot Timo Scheider steht vor seiner ersten Saison in der WRX. Bei SPORT1 spricht er vor dem Auftakt über seine persönlichen Ziele, die Konkurrenz und die Zukunft des Sports.

Am Freitag startet die Rallycross-Weltmeisterschaft WRX in die neue Saison - und das in einem völlig neuen Gewand. (WRX in Abu Dhabi am Samstag ab 16 Uhr LIVE im TV auf SPORT1+ und im LIVESTREAM)

Durch die Ausstiege von VW, Peugeot und Ford sind zahlreiche weitere große Namen abhanden gekommen: Neben dem aktuellen Weltmeister Johann Kristoffersen (Weltmeister 2017 und 2018) sowie Mattias Ekström (Weltmeister 2016, Vize-Weltmeister 2017 und 2018) fehlen in der 16-köpfigen Starterliste im Jahr 2019 auch Petter Solberg (Rallye-Weltmeister 2003) und Rallye-Rekordweltmeister Sebastien Loeb (neun WM-Titel).

Immerhin: Der zweimalige DTM-Champion Timo Scheider fährt nach 2017 in dieser Saison wieder eine komplette WRX-Saison. Der einzige Deutsche in der Serie tritt für das All-Inkl.com Münnich-Motorsport Team in einem Seat Ibiza an.

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In insgesamt zehn Saisonrennen fährt er um den Titel. Den Auftakt macht der Lauf in Abu Dhabi ab Freitag, das letzte Rennen findet am 9. November in Südafrika statt. (Service: Alle Infos zur WRX-Saison 2019)

Vor dem Saisonauftakt spricht Scheider bei SPORT1 über seine persönlichen Ziele, die Konkurrenz und die Zukunft des Sports.

SPORT1: Herr Scheider, was hat Sie zu der Entscheidung bewogen, die komplette Saison der Rallycross-WM mit All-Inkl.com Racing zu bestreiten?

Timo Scheider: Nach meinen Ausflügen in die Rallycross-Welt war schnell klar, dass es mein Wunsch ist, eine komplette Saison zu fahren. Ich habe eine große Leidenschaft entwickelt. Es ist ein sehr reiner, harter und intensiver Sport und ich habe das Gefühl, dass Rallyesport so ist, wie ich Motosport kennengelernt habe. Der Motosport hat sich in den letzten Jahren deutlich anders entwickelt. Dieses sehr normale und bodenständige Leben im Fahrerlager und die extrem harten Kämpfe auf der Strecke machen mir großen Spaß. In meinem jetzigen Alter habe ich mir vorgenommen, nur noch Dinge zu machen, die mir Spaß machen. Ich freue mich, dass ich für das ganze Jahr unterschreiben durfte. Die Euphorie ist ziemlich groß.

SPORT1: Was gefällt Ihnen besonders gut an der Rallycross-Weltmeisterschaft? Was macht die Faszination aus?

Scheider: Im Fahrerlager herrscht eine sehr coole und entspannte Atmosphäre. Man klatscht sich auch mal ab und trinkt mit einem anderen Fahrer einen Kaffee. Sobald man aber an der Startlinie steht und mit fünf Autos nebeneinander auf die erste Kurve zufliegt, da ist der Adrenalinspiegel und Puls schon bei 150, obwohl man noch nicht einmal losgefahren ist. Diesen Kick gibt es ganz selten noch im Motorsport. Es sind spektakuläre Zweikämpfe und es gibt keine großartigen Strategien, wo man über Funk irgendwelche Anweisungen befolgen muss. Das macht es so besonders für mich.

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SPORT1: Wie sind ihre Ziele für diese Saison? Sind der Titel oder Einzelsiege realistisch?

Scheider: Ohne die Werke ist die Chance größer denn je, das ist klar. Aber aufgrund der hohen Teilnehmerzahl wird es eine sehr harte Meisterschaft, was auch gut ist. Ich will keine Siege geschenkt bekommen. Es fühlt sich immer besser an, wenn man für einen Erfolg hart kämpfen musste. Deswegen freue ich mich extrem auf das ganze Jahr.

Scheider über Konkurrenz: "Peugeots ganz weit vorne"

SPORT1: Wer sind die größten Konkurrenten und wie groß ist der Respekt vor ihnen?

Scheider: Ganz klar Andreas Bakkerud als Vize-Weltmeister. Mit dem Auto, mit dem er Vize-Weltmeister wurde, ist er sicherlich das heißeste Eisen im Feuer. Dann sehe ich die Hansens mit den Peugeots als Sieganwärter ganz weit vorne und dann werden wir sehen, wo die Renaults stehen. Die waren im letzten Jahr nicht ganz da, wo sie sein wollten. Aber das ist glaube ich auch ein Auto, was man im Auge haben muss, wenn man sieht, wie gut Niclas Grönholm im letzten Jahr unterwegs war mit dem Hyundai und immer wieder für sehr große Überraschungen gesorgt hat. Das sind die Top 5, die ich in Richtung Podium sehen werde. Aber es kommen neue Fahrer dazu, die wir noch nicht kennen. Auch die darf man nicht abschreiben.

SPORT1: Einige sehen die Zukunft der Rally-Weltmeisterschaft komplett ohne Werkteams und dem Absprung einiger großer Fahrer wie Solberg und Loeb in Gefahr – wie ist Ihre Meinung dazu?

Scheider: Man braucht die Werke, um ein gewisses Niveau in den unterschiedlichsten Meisterschaften auf dieser Welt zu bekommen und um gewisse Standards zu generieren. Im gleichen Atemzug bedeutet das, dass hinten welche herunterfallen, die finanziell nicht mithalten können und nicht dieselben Ressourcen haben, wie ein Werk. Also die Werke heben das Niveau an, können aber auch kleineren Teams wehtun und eventuell sogar Meisterschaften zerstören.

Mit 16 festeingeschriebenen Autos ist es besser als jede WM der letzten Jahre, was die Anzahl der Autos betrifft. Was es so spannend macht, ist, dass in meinen Augen mehr als zehn oder zwölf Autos aufs Podium fahren können. In der Vergangenheit ging es da eher um zwei bis vier Autos. Deswegen wird es die härteste WM, was die unterschiedlichen Kandidaten fürs Podium betrifft. Es gibt eine Menge gute Fahrer mit guten Autos. Wo ich stehe, werde ich sehen. Ich bin das erste Mal in einer vollen Saison dabei. Wir haben ein neues Auto gebaut und es fühlt sich extrem gut an. Wir hatten eine gute Testvorbereitung. Momentan ist es aber nur das Hoffen, das Glauben und das Denken. Aber mein Ziel ist es schon, auch Rennen zu gewinnen. Ob das in Reichweite ist, werden wir spätestens nach dem ersten oder zweiten Wochenende sehen. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass wir in der Lage sein werden, oben mitzukämpfen.

Dass die Rallycross-Szene überlebt hat, die mit einem großen Fragezeichen behaftet war, finde ich extrem gut. Für mich ist es der spektakulärste Sport auf dem Planeten.

Scheider parallel auch BMW-Werksfahrer

SPORT1: Gegen Ihren alten DTM-Kollegen Mattias Ekström können sie ja leider in diesem Jahr nicht mehr antreten, aber er bleibt zumindest als Teamleiter erhalten. Freuen Sie sich darauf, so einen alten Weggefährten wiederzusehen oder würden Sie sich lieber auf der Strecke mit ihm messen?

Scheider: Mattias und ich haben viele Jahre als Teamkollegen der DTM hinter uns. Wir kennen uns in- und auswendig. Wir wissen, wann es ungemütlich auf der Strecke wird, wissen aber auch, wo die Grenzen und Limits waren und sind. Dafür schätzen wir uns beide sehr. Ich hätte nichts dagegen gehabt, auf der Strecke gegen Mattias zu gewinnen, weil es besonders Spaß macht, so jemanden, der so viele Erfolge hatte, zu schlagen.

SPORT1: Sie haben parallel auch noch Verpflichtungen als BMW-Werksfahrer - ist es schwierig, diesen Spagat zu meistern?

Scheider: BMW hat mich unter Vertrag genommen unter der Prämisse, dass meine Fokussierung in Richtung Rallycross geht. Von daher war immer klar, dass ich alle Freiheiten haben werde, die ich möchte. Wir versuchen das restliche Programm darum herum zu stricken, sodass es für beide Seiten ok ist und keine Nachteile entstehen. Diese Balance haben wir sehr gut gefunden. Die Rallycross-WM geht vor und das ist ein Luxus, den ich gerne annehme.

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