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"Manchmal denke ich, die Leute können es nicht mehr hören"

„Nähe kann auch verletzend sein“

Lautern-Coach Torsten Lieberknecht spricht im SPORT1-Podcast Leadertalk über sein Verständnis von Führung, seine Lehrmeister - und Fluch und Segen der besonderen Identifikation mit seinem Arbeitgeber.
Mit Thorsten Lieberknecht gibt es beim 1. FC Kaiserslautern einen Neu-Anfang. Für den gebürtigen Pfälzer ist die Aufgabe eine Herzensangelegenheit.
Lautern-Coach Torsten Lieberknecht spricht im SPORT1-Podcast Leadertalk über sein Verständnis von Führung, seine Lehrmeister - und Fluch und Segen der besonderen Identifikation mit seinem Arbeitgeber.

Torsten Lieberknecht ist seit vielen Jahren eine feste Größe im deutschen Profifußball. Mit Eintracht Braunschweig und dem SV Darmstadt 98 führte der 52-Jährige zwei Vereine bis in die Bundesliga – jeweils mit Mannschaften, die nicht zu den natürlichen Aufstiegskandidaten zählten. Heute ist er Cheftrainer des 1. FC Kaiserslautern, jenes Klubs, bei dem er selbst den Schritt in den Profibereich gemacht hat und zu dem er bis heute eine enge persönliche Bindung hat.

Nun ist Lieberknecht Gast in der neuen Folge des SPORT1-Podcasts Leadertalk mit Host Mounir Zitouni. Im Gespräch geht es weniger um einzelne Spiele oder Systeme als um die Fragen hinter dem Beruf: Wie bleibt man unter dauerhaftem Erwartungsdruck handlungsfähig? Wie geht man mit Nähe um, ohne sich darin zu verlieren? Und was bedeutet Verantwortung, wenn ein Verein für viele Menschen weit mehr ist als Fußball? Lieberknecht spricht über Selbsthinterfragung, über Abnutzung im Trainerberuf und über Analyse als Mittel, um Distanz zu gewinnen und Klarheit zu behalten.

Lautern-Coach Lieberknecht: So sieht er das Thema Führung

Ein zentrales Thema ist dabei sein Verständnis von Identifikation. Lieberknecht beschreibt Führung als bewusstes Sich-Verschreiben auf Zeit: sich einem Verein, einer Mannschaft und einer Region mit voller Konsequenz anzunähern - ohne die professionelle Distanz aus den Augen zu verlieren.

Gerade am Beispiel Kaiserslautern wird deutlich, wie eng für ihn persönliche Herkunft, emotionale Bindung und berufliche Verantwortung miteinander verknüpft sind. Dabei wird auch sichtbar, dass sein Weg nicht im luftleeren Raum entstanden ist.

Lieberknecht benennt die Trainer, die ihn geprägt haben - darunter der einstige FCK-Meistercoach Karl-Heinz Feldkamp und der tragisch früh verstorbene Taktik-Vordenker Wolfgang Frank - nicht als Vorbilder im klassischen Sinn, sondern als Wegmarken einer Entwicklung, aus der er ein eigenes Führungsverständnis geformt hat.

Torsten Lieberknecht spricht über Führung nicht in Kategorien von Macht oder Kontrolle. Sein zentrales Bild ist ein anderes: „Als Trainer, wie als Spieler bist du eigentlich immer nur Gast in einem Verein. Und das für eine bestimmte Zeit.“

Gastsein bedeutet für ihn keine Distanz, sondern eine klare innere Haltung. „In dieser Zeit möchte ich halt meinem Gastgeber ein guter Gast sein und möchte das erfüllen, was man vielleicht vertraglich festlegt und was die Anforderungen sind.“

Die Kehrseite der Identifikation

Diese Haltung erklärt, warum Identifikation für Lieberknecht kein kalkulierter Begriff ist. Er verschreibt sich Vereinen, Städten und Menschen - wissend, dass Nähe verwundbar macht: „Es ist auch eine Nähe, die man zulässt, die dann auch schnell verletzend sein kann.“ Gerade deshalb habe er lernen müssen, Grenzen zu ziehen: zwischen Professionalität und Identifikation.

Und trotzdem bleibt genau diese Nähe sein Motor. „Ich ziehe sehr, sehr viel Energie aus direkten Gesprächen mit den Fans, mit dem Klub sehr nahestehenden Leuten.“ In diesen Begegnungen spürt er, „welche Bedeutung der Klub hat“.

Mit dieser Bedeutung wächst Verantwortung – nicht abstrakt, sondern konkret, spürbar, manchmal schwer. Lieberknecht weiß, dass ein Trainer in solchen Momenten mehr ist als ein Fachmann: „Wenn du merkst, du bist manchmal das wichtigste Sprachrohr der Stadt.“

Der FCK: Herkunft, Wucht, Verpflichtung

Für Torsten Lieberknecht ist der 1. FC Kaiserslautern kein beruflicher Abschnitt, sondern eine innere Konstante. „Ich bin hier quasi in den Profibereich reingekommen und es war schon immer unser Heimat- und Herzensverein bei der Familie Lieberknecht.“ Als Pfälzer habe es für ihn keine Alternative gegeben: „Als Pfälzer gab es nichts anderes und wurde auch nichts anderes zugelassen.“

Was daraus entsteht, beschreibt er nicht romantisch, sondern fast körperlich: „Wenn man leidenschaftlich ist, wenn man emotional ist, baut man halt auch in dem Fall Wurzeln auf, die man geschlagen hat, die man irgendwo dann woanders mitnimmt in seinem Job.“ Diese Wurzeln seien nie verschwunden, „aber die Wurzeln ziehen einfach immer wieder zurück“.

Dass er darüber so offen spricht, fällt ihm selbst nicht leicht: „Ich tue mir sogar schwer, das auszusprechen, weil ich manchmal denke, die Leute können es nicht mehr hören.“ Und doch bleibt für ihn kein Zweifel: „Aber es ist halt was Besonderes.“ Diese Besonderheit wurde für ihn bei der 125-Jahr-Feier des Vereins greifbar: „Wenn man von der Wucht eines Klubs spricht und du siehst dann, warum es diese Wucht gab.“

Kaiserslautern steht für ihn nicht nur für sportliche Geschichte, sondern für regionale Identität. „Die Leute reisen hier nicht nur aus Kaiserslautern, sondern aus vielen Regionen aus ganz Deutschland, aus Europa hier hin.“ Teil dieser Geschichte zu sein, nennt Lieberknecht ein „sehr, sehr hohes Privileg“ – wohlwissend, dass genau diese emotionale Tiefe den Anspruch an ihn selbst erhöht.

„Es gibt auch viel wichtigere Menschen“

Lieberknechts Führungsverständnis ist tief in seiner Herkunft verankert. „Wenn man an Familie denkt, dann denkt man ja gleichzeitig auch an Team“, sagt er. In seiner Familie habe Gemeinschaft immer Vorrang gehabt: „Neben den individuellen Bedürfnissen, den Egoismus ausleben zu dürfen, steht trotzdem das Team immer im Vordergrund.“

Bodenständigkeit bedeutet für ihn, das eigene Tun einzuordnen: „Wir haben ein wahnsinniges Privileg, eben einer Arbeit nachzugehen, einem Job nachzugehen, den man sich hart erkämpft hat.“ Dieses Privileg relativiere sich dort, wo andere Verantwortung tragen. Ein Besuch auf der Geburtsstation eines Krankenhauses habe ihn besonders geprägt: „Da fängt bei mir Bodenständigkeit an. Zu wissen, dass es eben halt auch viel wichtigere Menschen gibt.“

Diese Haltung prägt auch seinen Blick aufs Stadion. Für ihn zählen alle:„Da ist der Banker, der Rechtsanwalt, der Topmanager, wie vielleicht derjenige, der sich eine Karte abstottert.“ Führung bedeutet für ihn, all diese Menschen wahrzunehmen – „auf Augenhöhe“.

Was tun, damit man sich als Trainer nicht abnutzt?

Lieberknecht spricht offen über ein Thema, das im Profifußball selten so klar benannt wird: Abnutzung. „Wenn du das Wort Abnutzung nicht zulässt, dann kannst du auch nicht lange in einem Verein arbeiten.“ Führung bedeute, sich selbst immer wieder zu hinterfragen, offen zu bleiben, nicht nur den eigenen Weg für richtig zu halten. „Man kann sich abnutzen, man kann aber auch was dafür tun, dass man sich nicht abnutzt.“

Dazu gehört für ihn auch ein bewusster Umgang mit Kommunikation. Nicht alles müsse gesagt werden: „Schweigen ist eine sehr gute Kommunikation manchmal.“ Präsenz bedeute nicht Dauererklärung, sondern Dosierung. Unberechenbarkeit sei kein Spiel, sondern ein Schutzraum – für sich selbst und für andere.

Erfolg, Analyse und Selbstführung

Ist Torsten Lieberknecht ein erfolgreicher Trainer? Er spricht über Aufstiege, aber auch über „Dellen, die auch in dem Trainerleben dazugehören“. Aufstiege mit Braunschweig und Darmstadt bis in die Erste Bundesliga, aber es gab auch Abstiege. Erfolg bedeute für ihn nicht Unfehlbarkeit. „Auch das macht einen erfolgreichen Trainer aus, dass er eben aus diesen Dellen die richtigen Maßnahmen trifft, wenn er sich hinterfragt.“

Entscheidend sei dabei der Umgang mit Niederlagen. Früher hätten sie ihn lange begleitet, heute nicht mehr. „Uns bleibt nur die Analyse des Spiels“, sagt er. Analyse ist für ihn kein technisches Instrument, sondern ein Mittel zur Selbstregulation - um Abstand zu gewinnen, Verantwortung zu übernehmen und wieder handlungsfähig zu werden.

Das Hinterfragen beginnt dabei immer bei ihm selbst. Erst „indem man auch selbst bereit ist, Fehler anzuerkennen“ entstehe eine echte Fehlerkultur: „Ich gestehe es mir zu, mal Fehler zu machen.“ Und erst dann könne man mit Spielern offen arbeiten: „Was tun wir dafür, dass das eben zukünftig nicht mehr passiert?“

Erfolg misst Lieberknecht deshalb nicht nur an Tabellenplätzen. Er misst ihn daran, was bleibt. Er zitiert einen Gedanken, den er Jürgen Klopp zuschreibt: „Dass es viel wichtiger ist, was die Leute über einen denken, wenn du gehst.“

Vorbilder und das eigene Trainerbild

Gefragt nach prägenden Figuren nennt Lieberknecht Persönlichkeiten, keine Mythen. Sein A-Jugendtrainer beim FCK, Ernst Diehl, habe ihn stark geprägt - vor allem durch Werte und Teamdenken. Karl-Heinz Feldkamp beschreibt er als „sehr gelassene, konsequente Person“ mit großer Ausstrahlung. Uli Stielike hebt er als fachlich extrem präzise hervor.

Am stärksten geprägt habe ihn Wolfgang Frank bei Mainz 05. Er habe „alles vereint, was für mich einen perfekten Trainer ausmacht: Fachlichkeit, Mannschaftsführung und eine hoch leidenschaftliche Emotionalität“. Aus all dem formt Lieberknecht sein eigenes Führungsverständnis: „Gelassene Konsequenz.“

Konsequenz bedeute für ihn nicht Härte, sondern Klarheit – auch sich selbst gegenüber: „Konsequent mal seinen Weg zu verlassen, weil man sich vielleicht auf dem Holzweg befindet.“

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Mounir Zitouni (55) war von 2005 bis 2018 Redakteur beim kicker und arbeitet seitdem als Businesscoach, betreut Führungskräfte und Unternehmen in punkto Leadership, Kommunikation und Teamentwicklung. Der ehemalige Profifußballer hat die Autobiographie von Dieter Müller geschrieben und im Buch „Teams erfolgreich führen“ (Metropolitan-Verlag, 2024) die Erkenntnisse aus den Gesprächen im Podcast LEADERTALK zum Thema Leadership zusammengefasst.