Sieben Spiele, sechs Siege, ein Remis – zumindest im Training läuft es für Kenan Karaman und sein Team. Am Dienstagvormittag sicherte sich der Kapitän mit seiner Mannschaft noch den Turniersieg auf dem Trainingsplatz. In der Liga dagegen stockt der Motor: Seit fünf Partien wartet der FC Schalke 04 auf einen Dreier, die Tabellenführung ist futsch und die Unruhe im Verein wächst.
Loris Karius zur WM? „Verdient hätte er es“
Karius zur WM? „Verdient hätte er‘s“
Im exklusiven SPORT1-Interview bewertet Karaman die Lage - und spricht außerdem über „Königstransfer“ Edin Dzeko, das große Ziel Aufstieg und eine mögliche WM-Teilnahme seiner selbst und von Keeper Loris Karius. Dazu verrät er, inwiefern er ganz typisch schwäbisch tickt.
So sieht Kenan Karaman die Lage auf Schalke
SPORT1: Fünf Spiele ohne Sieg, die geringste Punktausbeute in diesem Zeitraum, die Tabellenführung ist weg – wie ordnen Sie die aktuelle Situation ein?
Kenan Karaman: Nach der sehr erfolgreichen Hinrunde erleben wir gerade eine kleine Durststrecke. Ich war darauf vorbereitet, die Jungs auch. Wir wussten, dass auf unserem Weg so eine Phase kommen kann. Sie sind wichtig, denn daraus kann man viel lernen. Man bleibt wach, behält die nötige Spannung und Schärfe. Ich bin überzeugt, dass wir da wieder herauskommen.
SPORT1: Sie sprechen von einer „Durststrecke“. Vermeiden Sie den Begriff Krise bewusst?
Karaman: Ich habe hier auf Schalke schon ganz andere Krisen erlebt (lacht). Deshalb würde ich das auf keinen Fall als Krise bezeichnen. So etwas kommt vor. Die 2. Liga ist extrem ausgeglichen, oben wie unten ist alles eng beieinander. Viele Spiele sind 50:50. Es ist eben eine starke Liga.
SPORT1: Haben die anderen Teams Schalke entschlüsselt?
Karaman: Das wird oft als Argument genannt. Aber im heutigen Fußball kann sich jedes Team optimal auf den Gegner vorbereiten, auch dank intensiver Videoanalysen. Ich glaube nicht, dass es daran liegt. Eher daran, dass das, was wir uns vornehmen, gerade nicht immer perfekt umgesetzt wird oder der Gegner manche Dinge einfach besser macht. Dann bekommst du Gegentore und gewinnst Spiele nicht. Das wirft uns aber nicht um.
Krise bei Schalke 04? „Werden da schnell rauskommen“
SPORT1: Wie kommt man aus so einer Phase wieder heraus? Kann man da einfach den Schalter umlegen?
Karaman: Definitiv. Wir werden da schnell herauskommen. Wichtig ist, intern die Ruhe zu bewahren. Von außen wird in solchen Phasen viel geschrieben, der Druck wird oft größer gemacht, als er tatsächlich ist. Wir arbeiten sehr konzentriert und legen großen Wert auf die tägliche Arbeit. Natürlich analysieren wir die Spiele, die nicht gut waren, knallhart.
SPORT1: Apropos Ruhe und Druck von außen. Es gibt einen brisanten Bericht, wonach aus der Kabine zu hören sei, dass vielen Spielern teilweise zu viel Bosnisch oder Kroatisch gesprochen wird. Angeblich soll das Wort „Brate“ - also „Bruder“ - häufig fallen und einigen auf die Nerven gehen.
Karaman: Ich bin jetzt schon so lange auf Schalke dabei. Über derartige Artikel und Berichte kann ich nur schmunzeln. Das ist doch völlig normal, wenn man in eine Phase kommt, in der wir uns gerade befinden. Es läuft nicht so, wie wir uns das vorstellen - und genau dann versuchen immer wieder Leute, Feuer zu legen. Wir haben mehrere Sprachen in der Kabine. Ich kann aber versichern, dass weder Bosnisch noch andere Sprachen bei uns ein Problem sind.
Schalke 04: „Phase macht uns stärker“
SPORT1: Braucht es in so einer Situation mal wieder eine emotionale Kabinenansprache von Ihnen?
Karaman: Noch nicht (lacht). Die Mannschaft ist sehr klar. Wir trainieren gut, jeder ist mit Feuer dabei. So eine Phase wirft uns nicht zurück, sie macht uns stärker. In den entscheidenden Wochen, wenn es vielleicht um mehr geht, werden wir da sein.
SPORT1: Sie sind enorm wichtig für das Team. Rein sportlich stehen Sie in dieser Saison bei sieben Toren und drei Vorlagen. Aber auch abseits tragen Sie als Kapitän große Verantwortung. Sind Sie so wichtig wie nie zuvor?
Karaman: Auf mir lastet - wie auf den anderen Führungsspielern - viel Verantwortung, der ich mich aber gerne stelle. Ich will vorangehen - als Kapitän, aber auch unabhängig von der Binde. Das ist mir in den vergangenen Jahren gut gelungen. Ich möchte mit Leistung vorangehen. Für mich war der Saisonstart wegen meiner Verletzung auch nicht einfach. Jetzt fühle ich mich topfit und bin überzeugt, dass ich noch zulegen kann.
SPORT1: Sie haben Ende des Jahres Ihr 100. Spiel für Schalke absolviert - so viele wie für keinen anderen Verein. Warum passt das zwischen dem Verein und Ihnen so gut?
Karaman: Schalke ist etwas ganz Besonderes. Der Verein ist authentisch, die Menschen haben das Herz am rechten Fleck. Sie sind ehrlich und direkt - damit muss man umgehen können, gerade wenn es nicht gut läuft. Aber man merkt, wie sehr die Menschen für diesen Verein brennen. Das ist einzigartig.
„Spätzle gehen immer“
SPORT1: Sie sind in Stuttgart geboren und aufgewachsen. Was ist an Ihnen noch typisch schwäbisch?
Karaman: Eigentlich relativ wenig... (überlegt): Meine Familie lebt noch im Süden, deshalb bleibt die Verbundenheit zu Stuttgart natürlich. Und Spätzle gehen immer (lacht).
SPORT1: Für Ihren Trainer Miron Muslic sind die ausbleibenden Siege auch eine völlig neue Situation. Vor Weihnachten wurde er noch als Messias gefeiert, jetzt kommt leise Kritik auf. Wie erleben Sie ihn in der aktuellen Phase?
Karaman: Da hat sich nichts verändert. Er war auf diese Situation sogar noch besser vorbereitet als wir. Er wusste, dass solche Phasen kommen können. Er strahlt viel Ruhe aus, analysiert weiterhin knallhart und fordert sehr viel von uns. Er bleibt sich treu.
SPORT1: Auffällig ist seine überaus positive Ansprache im Training. Er lobt viel und pusht die Mannschaft.
Karaman: Er ist in jeder Einheit mit Feuer dabei, treibt uns an unsere Grenzen, fordert aber nichts, was wir nicht leisten können. Er kennt jedes Profil in- und auswendig. Wir können uns glücklich schätzen, so einen Trainer zu haben. Man weiß immer, woran man bei ihm ist – gerade für junge Spieler ist das enorm wichtig.
Edin Dzeko? „Er ist ein absoluter Gewinnertyp“
SPORT1: Im Winter haben Sie namhafte Spieler dazubekommen – allen voran Edin Dzeko. Er hat zwar schon dreimal getroffen, ein Sieg ist mit ihm aber noch nicht rausgesprungen. Ist das aktuell ein großes Thema?
Karaman: Natürlich spricht man darüber. Edin hat diesen unglaublichen Hunger zu gewinnen. Er lebt von Toren und Siegen – Tore hat er ja schon erzielt. Ich bin froh, dass er da ist. Mit seiner Erfahrung und Gelassenheit kann er uns im Saisonendspurt enorm helfen. Er ist ein absoluter Gewinnertyp.
SPORT1: Wie erleben Sie ihn im Alltag? Hat er Starallüren?
Karaman: Er hat sich hervorragend integriert, ist sehr bodenständig und geht auf alle zu. Er hat zu jedem einen guten Draht. Wir können viel von ihm lernen.
SPORT1: Trotz der aktuellen Phase spielt Schalke eine starke Saison. Warum gehen Sie mit dem Ziel Aufstieg nach außen so defensiv um? Kann man als Schalke 04 nicht sagen: Ja, wir wollen unbedingt aufsteigen!
Karaman: Natürlich weiß ich, dass das der große Wunsch der Fans ist – und das ist auch richtig so. Auch wenn Schalke in die Bundesliga gehört, bin ich zurückhaltend, weil ich weiß, wo wir herkommen. Niemand hat erwartet, dass wir so eine Saison spielen. Das kam für viele überraschend. Ich bin ein Freund davon, mit beiden Füßen auf dem Boden zu bleiben. Ich habe hier schon viel erlebt. Aber ich habe absolutes Verständnis für die Erwartungen der Fans.
WM-Teilnahme mit der Türkei?
SPORT1: Sie besitzen die doppelte Staatsbürgerschaft. Warum haben Sie sich für die Türkei entschieden?
Karaman: Ich habe schon in den U-Nationalmannschaften der Türkei gespielt. Deshalb war das für mich immer klar. Ich habe eine große Verbundenheit zur Türkei.
SPORT1: Ihr letztes Länderspiel für die Türkei ist fast fünf Jahre her. Haben Sie aktuell Kontakt zu Nationaltrainer Vincenzo Montella?
Karaman: Momentan leider nicht. Aber ich mache mir immer Hoffnung. Das Kapitel ist für mich noch nicht beendet.
Karius hätte WM-Teilnahme „verdient“
SPORT1: Wie realistisch ist eine Rückkehr in die Nationalmannschaft? Die Türkei kann sich immer noch für die Weltmeisterschaft qualifizieren …
Karaman: Ich weiß, dass das schwierig ist, gerade weil ich in der 2. Liga spiele. Die Türkei hat viele sehr gute Spieler, die in Top-Ligen spielen. Da bin ich realistisch. Aber ich bringe viel Erfahrung mit, habe einige Länderspiele und auch eine Europameisterschaft bestritten. Wenn man mich braucht, bin ich da.
SPORT1: Darf sich Ihr Torhüter Loris Karius Hoffnungen auf die WM mit Deutschland machen?
Karaman: Loris ist ein sehr guter Torhüter. Letzte Saison war er leider verletzt, in dieser spielt er überragend. Er gibt uns enorme Sicherheit. Ich würde es ihm auf jeden Fall sehr wünschen. Verdient hätte er es.
SPORT1: Was ist realistischer? Der Aufstieg mit Schalke oder eine WM-Teilnahme mit der Türkei?
Karaman: (überlegt und schmunzelt) Das erste ist realistischer.
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