Als Jonas Urbig am Samstagabend – gut eine Stunde nach Abpfiff – den Kabinentrakt der Münchner Arena verließ und in die Mixed Zone ging, bediente er sich eines kleinen Tricks.
FC Bayern: Denken die Bosse bei Urbig jetzt um?
Denken die Bayern-Bosse jetzt um?
Als er von den versammelten Presseleuten um ein Statement gebeten wurde, lehnte er ab. „Ich bin nicht eingeteilt“, ließ der 22-Jährige nach der Pleite gegen den FC Augsburg (1:2) wissen und ging weiter.
Als Trick kann die Aussage deswegen gewertet werden, weil der FC Bayern bei Heimspielen üblicherweise darauf verzichtet, einzelne Profis für Interviews einzuteilen. Vielmehr entscheiden die Stars selbst darüber, ob sie mit den Reportern sprechen wollen oder nicht.
Urbig mit Patzer bei Bayern-Pleite
Und als clever kann dieser Schachzug angesehen werden, weil Urbig damit einer schmerzhaften Frage entging, nämlich der nach seiner Verantwortung für den ersten Treffer der Augsburger.
Nach einer Ecke griff der Keeper im Luftkampf am Ball vorbei, vom Hinterkopf von FCA-Neuzugang Arthur Chaves landete die Kugel zum zwischenzeitlichen 1:1 im bayerischen Netz. Ein klarer Patzer des Torwart-Kronprinzen.
„Der Torwart hat danebengegriffen. Das darf natürlich nicht passieren. Aber es passiert manchmal“, sagte Trainer-Legende Friedhelm Funkel im SPORT1 Doppelpass: „Die Mitspieler haben sich auf ihn verlassen, weil er rauskommt. Aber er fliegt am Ball vorbei.“
Urbig konnte sich im Nachgang aber auf die Loyalität und die Unterstützung des Abwehrchefs verlassen.
Tah nimmt Urbig in Schutz
„Als Verteidiger habe ich auch an jedem Gegentor wahrscheinlich meinen Anteil. Er soll sich nicht so einen Kopf machen“, sagte Jonathan Tah. Bei einem Torhüter sei es nun mal extremer.
„Ich hatte aber auch nicht das Gefühl, dass er sich so den Kopf zerbricht“, erklärte der Nationalspieler weiter und spricht dabei einen Punkt an, den sich Urbig vermutlich – neben so vielem – ebenfalls bei Manuel Neuer abschauen kann.
Die lebende Torwart-Legende ist bekannt dafür, nach eigenen Schnitzern problemlos Erklärungen zu finden und Kritik an sich abprallen zu lassen. Es ist ein Verhalten, das sehr gute Keeper ausmacht, denn zu große Selbstkritik schwächt die Psyche.
Zudem darf man nicht davon ausgehen, dass die Bayern-Bosse aufgrund eines einzigen Fehlers gleich das gesamte Konstrukt zwischen den Pfosten infrage stellen.
Urbig soll auf Neuer folgen
Oft genug haben diese betont, wie zufrieden sie mit der aktuellen Konstellation sind: Urbig soll weiter von Neuer lernen und ist für die Zukunft der erste Anwärter auf die Nummer 1. Als „perfekt“ bezeichneten jüngst Trainer Vincent Kompany und Sportvorstand Max Eberl diese Marschroute.
„Jonas weiß, dass er das vielleicht besser machen kann. Aber das ist für mich keine Schuld von Jonas Urbig. Wir als Kollektiv gewinnen und verlieren zusammen“, erklärte Eberl nach der Partie. Alle Spieler stünden in der Verantwortung.
SPORT1-Experte Stefan Effenberg betonte im Doppelpass: „Solche Fehler hat Manuel Neuer in dem Alter auch gemacht. Aber natürlich, bei Bayern München steht er extrem unter Beobachtung. Da geht jeder kleine Fehler zwei Tage durch die Zeitungen. Das ist ein Fehler, der passiert. Aber den Fehler jetzt so hochhängen, dass man sagt: Der FC Bayern muss über einen neuen Torwart für die Zukunft nachdenken - nein. Urbig ist der Richtige.“
Gut möglich ist es trotzdem, dass sich die Klub-Bosse bei weiteren Fehlern von Urbig noch intensiver darum bemühen, Neuer für ein weiteres Jahr an der Säbener Straße zu halten. In der Führungsetage ist der Wille dazu da, aber man wartet geduldig ab, wie sich der 39-Jährige entscheidet.
Wann entscheidet sich Neuer?
Der Weltmeister von 2014 hat bereits mehrmals betont, dass er auf seinen Körper hören müsse und erst einmal 40 werden wolle, um sich dann zu entscheiden. Diese Zeit will man ihm geben.
„Der Manu soll erst mal 40 werden. Darüber gut rüberrutschen. Dann schauen wir mal, was passiert“, sagte Eberl vor einer Woche auf Nachfrage von SPORT1.
Neuers Geburtstag ist am 27. März – für Urbig bleibt also genügend Zeit, sich zu beweisen und in der kommenden Saison unter Umständen wirklich keinen Lehrmeister zu brauchen.