Die Vertragsverlängerung mit Dayot Upamecano ist unter Dach und Fach, doch auf Bayerns Sportvorstand Max Eberl warten bereits die nächsten Aufgaben.
FC Bayern: Max Eberl exklusiv! "Die Auswüchse haben massiv zugenommen"
Eberl exklusiv: „Ich habe viel gelernt“
Im exklusiven Interview mit SPORT1 spricht der 52-Jährige über sein Verhältnis zu Beratern, die Auswüchse auf dem Transfermarkt, die Kaderplanung der Münchner und seine persönliche Zukunft.
SPORT1: Herr Eberl, in allen drei Wettbewerben ist der FC Bayern aktuell auf Kurs. Wie würden Sie die Stimmungslage im ganzen Verein beschreiben?
Max Eberl: Ich betrachte ja immer gerne den ganzen Weg. Wir haben aus jedem Moment der Vorsaison etwas für uns mitgenommen und über die Klub-WM hinaus in die neue Spielzeit hineingetragen. Aktuell sind wir deshalb noch in allen Wettbewerben dabei und sind auch auf Spitzenniveau konkurrenzfähig. Es handelt sich zwar um eine Momentaufnahme, aber ich bin eigentlich kein Freund dieses Begriffs, schließlich steckt hinter jedem Moment eine Geschichte. Die Stimmung ist in meiner Wahrnehmung gut und gleichzeitig konzentriert.
FC Bayern dominant in allen drei Wettbewerben
SPORT1: In der Hinrunde hat die Mannschaft dominiert und viel gezaubert, jetzt sieht es zunehmend nach Arbeit aus. Wie lange tragen sich gerade solch erkämpfte Siege wie der gegen Leipzig im Pokal?
Eberl: So etwas trägt dich auf jeden Fall für die nächsten Spiele – weil man sieht, was man schaffen kann. Denn nur weil man vor Weihnachten einen Lauf hat, bedeutet das nicht, dass es im neuen Jahr einfach so weitergeht. Einen „Flow“ muss man sich immer wieder neu erarbeiten, das haben wir erreicht – auch wenn die Niederlage gegen Augsburg oder das Remis beim HSV schwierig waren. Da haben wir ein bisschen auf die Nase bekommen. Wir wissen aber, dass wir uns nach Rückschlägen immer wieder befreien können – auch wenn wir nicht auf alles Einfluss haben. In K.o.-Spielen ist immer alles möglich. Ich sage gerne: Fußball ist höchstens zu 80 Prozent planbar – aber von diesen 80 Prozent wollen wir 100 Prozent erreichen.
SPORT1: Wie groß ist die Befürchtung, dass ein kleiner Moment wie ein Platzverweis oder eine Verletzung den Erfolg gefährden und die gesamte Saison verderben kann?
Eberl: Wir sind stabil und können viele Dinge auffangen. Wir haben einen Kader, der kleiner ist als in der Vergangenheit, aber trotzdem haben wir genügend Qualität, weil die Spieler gerade zur Verfügung stehen. Vor schweren Verletzungen wie denen von Alphonso Davies oder Jamal Musiala im vergangenen Jahr ist man nie gefeit, aber wir spüren, dass es derzeit schwer ist, uns aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Upamecano-Verlängerung? „Ein Zeichen, wie groß unsere Strahlkraft ist“
SPORT1: Am Freitag konnte der FC Bayern den Vertrag mit Dayot Upamecano bis 2030 verlängern. Wie blicken Sie auf die doch schwierigen Verhandlungen zurück?
Eberl: Die Verhandlungen waren definitiv nicht einfach, das sind sie aber grundsätzlich nur selten. Es gibt immer Themen, Wünsche und Vorstellungen auf beiden Seiten, die man zusammenbringen muss. Dass Dayot verlängern wollte, war von Anfang an spürbar – dann ging es eben darum, Lösungen zu finden. Das haben wir geschafft.
SPORT1: Sie sprechen gerne von „internen Transfers“, wenn es um Vertragsverlängerungen geht. Warum?
Eberl: Bei auslaufenden Verträgen ist klar, dass der Spieler in einem oder einem halben Jahr ablösefrei gehen kann. Damit befindet man sich automatisch in einer Marktsituation, in Konkurrenz zu anderen Klubs. Das beeinflusst die gesamte Sache enorm, schließlich hat sich der Markt deutlich verändert. Aber dem stellen wir uns. Dayot hat jetzt verlängert – das bedeutet erstmal, dass die Kaderplanung in der Innenverteidigung für die neue Saison vorerst abgeschlossen ist. Und es ist auch ein Zeichen, wie groß die internationale Strahlkraft des FC Bayern ist.
Nebengeräusche bei Verhandlungen
SPORT1: Günstig war der Deal aber nicht gerade – wie auch die anderen Vertragsverlängerungen im Jahr 2025…
Eberl: Natürlich haben die Verlängerungen Geld gekostet. Aber es kostet noch mehr, wenn ich Spieler von der Qualität eines Joshua Kimmich, Jamal Musiala, Alphonso Davies oder Dayot Upamecano kaufen muss – wenn man solche überhaupt findet. Ein Beispiel: Jérémy Jacquet von Stade Rennes wäre für uns beispielsweise ein toller Spieler gewesen. Aber wenn wir sehen, dass er mit 19 Jahren für kolportierte 70 Millionen Euro nach Liverpool geht, müssen wir überlegen, was für Bayern München das Beste ist. Und unsere Antwort war eben, die Verlängerung mit Dayot anzugehen. Er kennt den Klub, ist im besten Alter und gehört zu den besten Innenverteidigern der Welt. Sportlich und finanziell ist es daher die richtige Entscheidung. Deswegen spreche ich von einem „internen Transfer“.
SPORT1: Wie wehrt man sich gegen all die Nebengeräusche rund um solche Verhandlungen?
Eberl: Die Auswüchse haben gerade in den vergangenen Jahren massiv zugenommen, und manchmal nehmen die Dinge um uns herum tatsächlich Einfluss. Aber in der Regel können wir uns davon freimachen. Die Menschen am Verhandlungstisch wissen, was der Stand der Dinge ist und was besprochen wurde. Die von Ihnen angesprochenen Nebengeräusche muss man genauso managen wie die Inhalte von Verhandlungen.
„Berater sind keine neue Erscheinung“
SPORT1: Warum hat die Bedeutung von Handgeldern zuletzt so zugenommen?
Eberl: Die Summen haben sich durchaus verändert und in Zeiten des Transferjournalismus wird auch mehr darüber diskutiert, aber Boni haben in solchen Verhandlungen schon immer eine Rolle gespielt. Vor allem seit dem Bosman-Urteil 1995 sind sie immer wichtiger geworden und alle Beteiligten spielen hier ihre Möglichkeiten aus. Vor vielen Jahren war ein Spieler meist nur dann ablösefrei, wenn er vom Verein aussortiert wurde. Mittlerweile gehen viele Spieler einfach das Risiko ein, ins letzte Vertragsjahr zu gehen und schauen dann, was passiert. Das gibt den Handgeldern eine besondere Bedeutung.
SPORT1: Matthias Sammer hat sich jüngst sehr kritisch über Berater geäußert. Sie seien unnötig. Die Vereinigung der Spielerberater wehrte sich gegen seine Vorwürfe. Welchen Sinn und Nutzen haben Berater aus Ihrer Sicht?
Eberl: Berater sind keine neue Erscheinung und vielleicht haben Spieler vermehrt das Gefühl vermittelt bekommen, sie müssten sich schützen. Verträge haben mittlerweile 30 und noch mehr Seiten. Es geht um Vermarktung, Rechte und mehr. Das Beratergeschäft hat sich also entwickelt, weil neben der Leistung auf dem Platz noch ganz viele Themen außenherum dazugekommen sind.
SPORT1: Aber hat das ganze Geschäft mittlerweile nicht ungesunde Auswüchse angenommen?
Eberl: Die Summen, die da heute im Spiel sind, sind teilweise natürlich sehr hoch und man kann schon sagen, dass die Rolle der Berater vielleicht zu groß geworden ist. Ich war bereits Teil von Kommissionen, die versucht haben, dem ganzen Geschäft eine gewisse Form, einen Rahmen zu geben, aber in einer freien Marktwirtschaft ist das natürlich nicht so leicht umzusetzen. Es ist ein sehr komplexes Thema, das ist uns allen klar. Man muss genau abwägen und dann eben „Nein“ sagen, wenn die Forderungen unverhältnismäßig sind. Natürlich gibt es auch viele gute Berater, mit denen man zusammenarbeiten kann, aber eben auch einige, die etwas radikaler und rücksichtsloser durch die Welt gehen. Aber wie gesagt: man kann als Verein immer selbst entscheiden, ob man Dinge machen möchte oder nicht.
Eberls Ärger mit einem Spielerberater
SPORT1: Gibt es nach fast 20 Jahren Arbeit auf Funktionärsebene Berater, mit denen Sie nichts mehr zu tun haben wollen?
Eberl: Als ich 2008 anfing, hatte ich eine Verhandlung, nach der ich mir vorgenommen hatte, mich mit diesem Berater nicht mehr an einen Tisch zu setzen. Ich wollte mit ihm nie mehr verhandeln.
SPORT1: Haben Sie das durchgehalten?
Eberl: Als der Ärger verraucht war, habe ich mir gedacht: Max, sei ehrlich zu dir! Wenn mir ein Berater einen super Spieler zu guten Konditionen bringt, und ich sage aus persönlicher Abneigung ab, schade ich dem Verein. Es geht immer um den Klub, nicht um mich. Trotz aller Emotionen muss ich immer die rational beste Entscheidung für den Verein treffen.
Eberl möchte die Kaderplanung früh abschließen
SPORT1: Sie haben die Kaderplanung in der Innenverteidigung für abgeschlossen erklärt. Heißt das, dass der FC Bayern erst Platz schaffen müsste, bevor man sich um Kandidaten wie Yann Aurel Bisseck, Nico Schlotterbeck oder Luka Vuskovic bemüht?
Eberl: Wir haben den Punkt erreicht, an dem wir in Sachen Kaderplanung nicht getrieben sind. Wir können ganz in Ruhe entscheiden, was als Nächstes passiert. Wir haben natürlich den Markt weiterhin im Auge. Wir werden uns sicher nie eine Option verbauen, die dem FC Bayern gut zu Gesicht stünde.
SPORT1: Also wird doch wieder bis in den Sommer hinein am Kader gebastelt?
Eberl: Ich bin auch jemand, der seine Kaderplanungen früh abschließt. Das ist mir in Mönchengladbach, in Leipzig und übrigens auch hier beim FC Bayern gelungen. Mitte Juli, also vor dem Start der Vorbereitung, war alles erledigt. Als dann Kingsley Coman um seine Freigabe gebeten hat, die wir ihm schließlich erteilt haben, mussten wir bis zum letzten Tag um Nicolas Jackson kämpfen. Das war nicht ideal, aber das kann passieren. Durch die Verlängerung mit Upa können wir jetzt mit einem klaren Plan in die Sommer-Transferphase gehen.
SPORT1: Ist es für den FC Bayern auf dem Transfermarkt immer dann besonders gefährlich, wenn alle wissen, dass der Verein auf Einkäufe angewiesen ist?
Eberl: Es ist immer ungut, wenn man hungrig einkaufen gehen muss. Mit den Verpflichtungen und Verlängerungen, die wir jetzt unter Dach und Fach haben, können wir uns entspannt umschauen. Wir haben immer Interesse daran, den Kader punktuell zu verstärken, aber wir haben nicht mehr den geballten Druck. Wir können gezielt und strategisch einkaufen.
Neuer-Zukunft: „Der Erste, mit dem man sprechen muss, ist Manuel“
SPORT1: Manuel Neuer wird noch bis Ende März warten und dann entscheiden, ob er weiterspielen möchte. Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit der FC Bayern mit ihm verlängern will?
Eberl: Er muss auf Top-Niveau leistungsfähig sein – so wie er es aktuell ist. Das müsste in der kommenden Saison auch der Fall sein. Es geht darum, wie Manuel sich fühlt, ob er will und ob er sich in der Lage sieht, seine Leistungen noch ein weiteres Jahr lang zu zeigen. Er ist mit bald 40 Jahren immer noch ein Top-Torhüter in Europa. Aber natürlich muss es so weitergehen. Man muss darüber reden, wie seine Motivation und seine Anspannung sind. Das erwarten wir als Verein und wollen das gemeinsam mit ihm herausfinden.
SPORT1: Wird das schwer?
Eberl: Manuel ist kein normaler „interner Transfer“, sondern er ist eine Legende – und er spielt als Torhüter auf einer sehr entscheidenden Position. Unsere Torwart-Situation ist mit Manuel als Nummer 1, Jonas Urbig dahinter, Sven Ulreich als erfahrenem Mann und Alexander Nübel, der noch an den VfB Stuttgart ausgeliehen ist, komfortabel. Wir rennen keiner Entwicklung hinterher, sondern können in Ruhe mit allen Beteiligten sprechen. Und der Erste, mit dem man sprechen muss, ist Manuel.
Darüber ist Eberl sehr glücklich
SPORT1: Sie selbst sind jetzt seit fast zwei Jahren Sportvorstand des FC Bayern. Sie haben Höhen und Tiefen erlebt. Was hat Sie all die kritischen Phasen in München durchstehen lassen?
Eberl: Ich habe mich einfach darauf konzentriert, was das Beste für den FC Bayern ist. Mir ging es darum, mit Trainer Vincent Kompany, Sportdirektor Christoph Freund, CEO Jan-Christian Dreesen und natürlich auch mit dem Aufsichtsrat die richtigen Entscheidungen zu treffen und dabei den Lärm außen vor zu lassen. Das heißt aber nicht, dass ich nicht auch emotional war oder mich manche Dinge gar nicht berührt haben. Das Fokussieren hat mir die Kraft gegeben, trotz der Aufregung gute Entscheidungen zu treffen.
SPORT1: Ist das etwas, worauf Sie stolz sind?
Eberl: Ich bin einfach glücklich, dass die Dinge, die wir entschieden haben und die Gedanken, die wir uns gemacht haben, gut für den FC Bayern waren. Ich blicke auf einen Kader, der Qualität hat und Spieler, die sich mit dem Klub identifizieren. Und wir haben es geschafft, in den Verein Ruhe reinzubringen. Darüber bin ich glücklich, aber nicht stolz.
SPORT1: Wie gelingt es Ihnen denn, bei all dem Rummel rund um den FC Bayern auch mal abzuschalten?
Eberl: Es gibt meine Frau und meine Familie, es gibt den Tegernsee und die Spaziergänge mit unserem Hund. Es gibt Situationen, in denen man sich auch mal ärgert, dann schläft man aber eine Nacht drüber und merkt, dass es doch nicht so dramatisch ist. Die ruhigen Momente mit der Familie helfen mir schon sehr.
SPORT1: Sie werden mittlerweile als entspannter und weniger dünnhäutig wahrgenommen als das noch zu Ihrer Anfangszeit in München der Fall war. Wie kam es dazu?
Eberl: Ehrlicherweise habe ich mich auch in meinen ersten Monaten als Sportvorstand nie als reizbar oder dünnhäutig empfunden. Ich wollte immer meinen Job für den FC Bayern machen. Dazu gehört, dass ich unseren Kader und unsere Entscheidungen verteidige. Wenn ich dann mal einem Reporter gesagt habe, was ich von seiner Frage oder seinem Kommentar halte, dann mag das vielleicht dünnhäutig gewirkt haben. In Gänze habe ich selbst das aber nicht so wahrgenommen.
FC Bayern: So lautet Eberls Zwischenfazit
SPORT1: Wie fällt Ihr Zwischenfazit nach zwei Jahren beim FC Bayern aus?
Eberl: Diese zwei Jahre beim FC Bayern fühlen sich nicht wie zwei Jahre an, sondern eher wie eine ICE-Fahrt von München nach Berlin – alles sehr, sehr schnell mit vielen Geschehnissen um uns herum. Ich fühle mich wohl. Ich hatte schon eine gewisse Ahnung, was auf mich zukommt, die Wucht beim FC Bayern ist aber schon außergewöhnlich. Ich habe viel gelernt und ich habe mich adaptiert. Wir haben uns den deutschen Meistertitel zurückgeholt, wir haben einen Kader mit Qualität und Perspektive und spielen gerade eine gute Saison, in der wir immer noch alle Chancen in allen drei Wettbewerben haben. Zudem versuche ich - heute wie vor zwei Jahren – den FC Bayern in der Öffentlichkeit so zu vertreten, wie ich denke, dass er es braucht.
SPORT1: Im Sommer wird auch über Ihre berufliche Zukunft diskutiert werden. Wie sehen bis dahin Ihre Aufgaben und Pläne aus?
Eberl: Es geht darum, die Sommer-Transferphase vorzubereiten und den aktuell eingeschlagenen Weg konsequent weiterzugehen. Ein paar Pläne können wir jetzt nach der Verlängerung mit Dayot Upamecano beiseitelegen, aber natürlich wird es im Sommer Bewegungen im Kader geben. Wie groß die ausfallen, werden wir sehen.