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FC Bayern: Beckenbauer-Rekord! "Das ist schon krass"

Leisetreter will die Bayern stoppen

Vor dem Pokalspiel beim FC Bayern spricht Nicolas Seiwald über seinen Durchbruch bei RB Leipzig, das Vertrauen des Trainers und seine Rolle als stabiler Fixpunkt im Mittelfeld.
Nach dem knappen 2:1-Erfolg gegen den 1. FC Köln lobt Leipzig-Trainer Ole Werner besonders seine beiden Neuzugänge.
Vor dem Pokalspiel beim FC Bayern spricht Nicolas Seiwald über seinen Durchbruch bei RB Leipzig, das Vertrauen des Trainers und seine Rolle als stabiler Fixpunkt im Mittelfeld.

Nicolas „Nici“ Seiwald gehört nicht zu den Spielern der großen Gesten. Der Mittelfeldspieler von RB Leipzig ist leise, reflektiert und bodenständig – Eigenschaften, die sein Spiel prägen und im Gespräch dennoch überraschend klar und selbstbewusst wirken.

SPORT1 hat den 24-jährigen Österreicher vor dem Pokalspiel beim FC Bayern (Mittwoch ab 20.45 Uhr im LIVETICKER) für ein exklusives Interview getroffen.

SPORT1: Herr Seiwald, 0:6 und 1:5 lauteten in der aktuellen Saison die beiden Ergebnisse in der Liga. Warum gibt es am Mittwoch im Pokal nicht wieder eine Abreibung?

Nicolas Seiwald: In der ersten Halbzeit des Rückspiels haben wir gezeigt, dass wir auf sehr hohem Niveau mithalten können. Wir haben gesehen, dass wir den Bayern durchaus gefährlich werden können – daran glauben wir.

RB Leipzig: Seiwald erklärt seinen Aufschwung

SPORT1: Sie gehören in dieser Saison zu den meist eingesetzten Spielern, fast immer von Beginn an. Was bedeutet Ihnen dieses Vertrauen, gerade als jemand, der nicht so laut auftritt?

Seiwald: Sehr viel. Es ist mir in dieser Saison gelungen, so richtig durchzustarten. Ich habe viel Vertrauen vom Trainerteam gespürt und versuche, das mit Leistung zurückzuzahlen.

SPORT1: Warum glauben Sie, dass Sie jetzt durchgestartet sind?

Seiwald: Mit dem neuen Trainer und der neuen Systematik habe ich mich schnell zurechtgefunden. Das 4-3-3 mit der zentralen Sechs vor der Abwehr gefällt mir richtig gut. Ole Werner hat mir von Anfang an signalisiert, in welcher Rolle er mich sieht. Das gibt mir Vertrauen und hilft mir natürlich, meine Leistung abzurufen.

SPORT1: Vertrauen ist immer ein großes Wort. Wie äußert es sich wirklich?

Seiwald: Vor allem durch die Art, wie er mich aufstellt und mir nach den Spielen Feedback gibt. Ich kann frei spielen und Entscheidungen treffen. Dieser Rückhalt gibt mir Freiheit auf dem Platz – und genau dieses Gefühl ist Gold wert.

SPORT1: Hatten Sie früher einmal Angst auf dem Platz?

Seiwald: Angst nicht, aber als Fußballer möchte man spielen und seine Chance bekommen. Meine Stärke ist die Ruhe am Ball und die kommt mit Vertrauen. Diese Saison spiele ich freier und konstant. Deshalb klappt es so gut.

„Am Ende zählt immer die Leistung, egal wer kommt oder geht“

SPORT1: Sie sprechen viel über Vertrauen. Gleichzeitig ist RB Leipzig ein Klub, der auf Ihrer Position regelmäßig international einkauft. Wie sicher fühlt sich dieses Vertrauen wirklich an – auch über diese Saison hinaus?

Seiwald: Dass der Klub immer Augen und Ohren offen halten muss, ist klar – das gehört dazu und ist auch im Sinne von uns Spielern. Mir geben die tägliche Arbeit und meine Rolle aktuell die nötige Sicherheit. Am Ende zählt immer die Leistung, egal, wer kommt oder geht.

SPORT1: Der Sechser ist oft eine unsichtbare Position. Was macht ein gutes Spiel aus, auch wenn es kaum jemand bemerkt?

Seiwald: Wenn wir wenig Chancen zulassen. Der Sechser klärt viele Angriffe oft schon im Vorfeld. Mit Ball Akzente setzen, Stabilität bringen, immer als Absicherung da sein – das gibt den Vorderleuten Sicherheit. Ich versuche, meine Mitspieler nach vorne in Szene zu setzen und ihnen gute Pässe für Eins-gegen-eins-Situationen zu ermöglichen.

Seiwalds Rolle als „unsichtbarer Profi“

SPORT1: Sind Sie zufrieden damit, so ein „unsichtbarer Profi“ zu sein?

Seiwald: Ja. Ich muss nicht im Rampenlicht stehen. Mir ist es wichtig, dass der Trainer sieht, was er an mir hat, und dass ich dem Team helfen kann. Meine Mitspieler sollen wissen, dass ich für sie da bin, sie sich auf mich verlassen können und ich ihnen mit Leistung helfe.

SPORT1: Was macht Sie sonst aus?

Seiwald: Ich mache mich nicht verrückt. Ich bleibe, wie ich bin, und verstehe mich mit allen gut. Ich will auch ein Bindeglied in der Mannschaft sein - und auch eine Art Ruhepol.

Leipzig-Star: „Das mag ich einfach nicht“

SPORT1: Aber wann flippen Sie mal aus?

Seiwald: Bei Ungerechtigkeit kann ich schon mal ausflippen - privat wie auf dem Platz. Das mag ich einfach nicht. Auf dem Platz gab es schon die eine oder andere Situation, in der ich richtig durchgedreht bin. Aber ich habe gelernt, meine Emotionen besser zu steuern.

SPORT1: Fällt es Ihnen als introvertierter Typ schwer, im Haifischbecken Profifußball zu schwimmen?

Seiwald: Nein, gar nicht. Vor allem bei uns, wir haben richtig gute Jungs in der Mannschaft. Christoph Baumgartner zum Beispiel ist ja auch keiner, der die ganze Zeit laut ist (lacht) – wir sind uns da sehr ähnlich.

Von diesem Spieler kann sich Saiwald „einiges“ abschauen

SPORT1: Gibt es sonst noch einen Spieler, der eher der stille Leader ist für Sie?

Seiwald: Auf jeden Fall Willi Orban. Er ist auf dem Platz nicht der Lauteste, geht aber seit Jahren mit Leistung voran. Er ist der Fels in der Brandung. Es braucht nicht viele Worte, Taten zählen. Da kann man sich einiges abschauen.

SPORT1: Haben Sie manchmal das Gefühl, dass Konstanz und Zuverlässigkeit im modernen Fußball fast schon zu selbstverständlich geworden sind?

Seiwald: Man muss da zwischen Spielertypen unterscheiden. Ein Eins-gegen-eins-Außenspieler hat Spiele, in denen vieles nicht aufgeht – und dann wieder Spiele mit zwei Toren. Ich bin sehr konstant, bringe über viele Spiele hinweg meine Leistung - das ist meine Stärke.

SPORT1: 35 Länderspiele in Folge in der Startelf bei Österreich – wie hält man dieses Niveau?

Seiwald: Zwei Dinge: Vertrauen vom Trainer und fit bleiben. Ich versuche, meine Leistung kontinuierlich abzurufen – das klappt bisher gut. Ich war auch so gut wie nie verletzt. Ich kann nur meine eigenen Leistungen beeinflussen.

Seiwald über Rangnick und Beckenbauer-Rekord

SPORT1: Was macht Ralf Rangnick so außergewöhnlich? Immer fiel in der Vergangenheit sein Name, wenn irgendwo jemand gesucht wurde.

Seiwald: Ralf Rangnick hat einen klaren Plan und eine Vision. Er ist ehrlich, direkt – und trotzdem immer für seine Spieler da. Man bekommt alles, um zu performen, man muss es aber auch nutzen. Ralf Rangnick und Ole Werner sind großartige Trainer, ich bin froh, mit beiden zusammenzuarbeiten.

SPORT1: Sie können Franz Beckenbauer einholen, der 60 Startelfeinsätze in Serie für Deutschland hatte. Wie fühlen Sie sich?

Seiwald: Das ist schon krass. Beckenbauer war eine Legende. Medial waren meine Startelfeinsätze in Serie natürlich ein Thema, vor allem in den letzten Spielen. Klar denkt man darüber nach, aber am Ende zählt nur die Leistung. Wenn die stimmt, hält auch die Serie – und alles andere kommt von selbst.

SPORT1: Wie wichtig ist für Sie der enge Kontakt zur Familie und wie schalten Sie wirklich ab?

Seiwald: Sehr wichtig. Wir hatten kürzlich zwei freie Tage, da bin ich nach Österreich gefahren – auch wenn es fünf Stunden Fahrt sind. Dort schalte ich wirklich ab. Wenn ich bei meiner Familie bin, denke ich nicht an Fußball. Wobei: mit meinem Vater manchmal schon. (lacht)

SPORT1: Atakan Karazor sprach letztens im SPORT1-Interview über sein privates Glück. Wie ist es bei Ihnen?

Seiwald: Meine Freundin absolviert ein Fernstudium und wohnt seit rund einem Jahr bei mir in Leipzig, wir sind aber schon fast vier Jahre zusammen. Sie versteht und unterstützt mich komplett und die gemeinsame Zeit ist der perfekte Ausgleich zum Fußball. Es ist enorm wichtig, mental den Ausgleich hinzubekommen.

SPORT1: Welche Headline würden Sie gerne mal über sich lesen?

Seiwald: Am liebsten etwas über die Mannschaft, dass wir kommende Saison wieder europäisch spielen, „Seiwald schießt RB nach Europa“ – das wäre nicht schlecht (lacht). Und mein erstes Tor für RB wäre auch eine Schlagzeile, die ich gerne lesen würde. Es wird Zeit.

SPORT1: Wirklich? Kein Titel?

Seiwald: Natürlich ist es schön, Titel zu gewinnen. Das ist auch ein Ziel. Aber dieses Gefühl, dass Mitspieler und Trainer auf mich setzen, bedeutet mir sehr viel.

SPORT1: Welche Träume haben Sie noch? Reizt das Ausland?

Seiwald: Klar, es ist spannend, Fußball auch einmal in einem anderen Land zu erleben. Aber ich bin sehr glücklich bei RB Leipzig und voll fokussiert hier.

SPORT1: Eine Frage zu Kevin Kampl, der vor Kurzem seinen Bruder verloren hat. Sie gelten als sensibler Typ – wie waren Sie in dieser schwierigen Zeit für ihn da?

Seiwald: Ich habe ihm direkt geschrieben und viel Kraft gewünscht. Es ist eine extrem schwierige Situation. In der Kabine haben wir besprochen, wie wir damit umgehen, gleichzeitig wollten wir ihm aber auch Raum lassen. Beim Bayern-Spiel wurde er gebührend verabschiedet – das war wichtig. Ich wünsche ihm nur das Beste.