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Missstände vor WM in Katar: "Werde mir keine Minute ansehen" - Fan-Vertreter Minden legt im Interview nach

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Missstände vor WM in Katar: "Werde mir keine Minute ansehen" - Fan-Vertreter Minden legt im Interview nach

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WM? „Werde keine Minute ansehen“

WM? „Werde keine Minute ansehen“

Nach seiner bemerkenswerten Rede beim Menschenrechtskongress in Frankfurt legt Fan-Vertreter Dario Minden im Interview mit SPORT1 nach und unterstreicht sein Anliegen in Bezug auf die Missstände in Katar. Einen Boykott hält er aber für wenig zielführend.
Wenige Wochen vor Beginn der WM findet beim DFB ein Kon­gress zum Thema Men­schen­rechte statt. Und Dario Minden, Ver­treter von Unsere Kurve, nutzt die Gele­gen­heit, um dem kata­ri­schen Bot­schafter seine Botschaft zu vermitteln.
Christopher Michel
Christopher Michel

Dario Minden ist zweiter Vorstand des Bündnisses „Unsere Kurve e.V. Frankfurt“. Dabei handelt es sich um einen bundesweiten Zusammenschluss aller Fanabteilungen. (Alle News und Hintergründe zur deutschen Nationalmannschaft)

Beim Menschenrechtskongress auf dem DFB-Campus bekannte sich Minden in einer vielbeachteten Rede zu seiner Homosexualität und wies zwei Monate vor Beginn der Weltmeisterschaft auf die problematische Lage der „LGBTQ“-Gemeinde (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer) in Katar hin.

Eine bloße Forderung nach Boykott des Turniers hält der Rechtsreferendar dabei für wenig zielführend. Im SPORT1-Interview erklärt Minden, welchen Weg er gehen würde. (DATEN: Tabellen der Nations League)

Minden: Auch vor unserer eigenen Haustür kehren

SPORT1: Dario Minden, Sie haben mit Ihrer Rede, die wir bei SPORT1 unter der Headline „Gewöhnen Sie sich daran oder verschwinden Sie“ abgebildet haben, beim Menschenrechtskongress auf dem DFB-Campus klare Kante gezeigt und zusammenfassend gesagt: Todesstrafe abschaffen, sexuelle Identitäten anerkennen. Fußball ist für jeden da. Was hat Sie dazu bewogen, dieses Thema so bemerkenswert offen auszusprechen?

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Dario Minden: Bei dem Kongress war ich als zweiter Vorsitzender von „Unserer Kurve“, einem Zusammenschluss bundesweiter Fanabteilungen. Ich engagiere mich also fanpolitisch, hauptsächlich rund um den Vereinsfußball. Aber die Weltmeisterschaft in Katar ist ja nicht nur ein Nationalmannschaftsthema, sie ist der Tiefpunkt einer verheerenden Entwicklung der Skrupellosigkeit in unserem Sport. Deshalb kommentieren wir das Geschehen kritisch, aber auch differenziert. Unser Bündnis sieht viele Gründe, weshalb diese WM ein Skandal-Turnier ist. Mir ist zunächst aber wichtig zu betonen, dass ich mich nicht als der „weiße Mitteleuropäer“, der dem Araber alles wegnehmen will, hinstelle. Wir müssen bei diesen Themen auch vor unserer eigenen Haustür kehren.

Bei diesem Turnier kommen so viele Probleme zusammen: Korruption, Menschenrechte, Ausbeutung und Pressefreiheit. Und ein Themenschwerpunkt ist da die Lage der „LGBTQ“-Gemeinde in Katar. Deshalb habe ich das in meiner Rede angesprochen.

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SPORT1: Bei Ihrer Rede haben Sie bewusst von der deutschen auf die englische Sprache geswitcht. Welche Gründe gab es dafür?

Minden: Genau, den Rest meiner Rede habe ich auf Deutsch gehalten, aber mir war bewusst, dass ich in diesem Punkt eine persönliche und emotionale Ansprache halten werde. Auf Englisch konnte ich damit starke Bilder erzeugen. Wann habe ich die Möglichkeit, vor einem solch hohen Repräsentanten des Staates Katar zu sprechen und die „LGBTQ“-Fahne hochzuhalten?

Es ist wichtig, dass es ein Gesicht dafür gibt. Es schien mir deshalb angebracht, mein Gesicht zur Verfügung zu stellen und mit meiner Persönlichkeit zu verknüpfen. Es ist mir wichtig, dass Menschen sehen, wie normal es sein kann, zu seiner Identität zu stehen. Selbst wenn es vielleicht nichts an der Lage in Katar ändert, haben immerhin viele Menschen das Video gesehen und die Botschaft gehört.

Minden: Ausgrenzende Atmosphäre

SPORT1: Auch in Deutschland ist das Thema Homosexualität ja noch immer eines, das die Öffentlichkeit erregt.

Minden: Deshalb betonte ich immer wieder, dass wir auch vor unserer eigenen Haustür kehren müssen. Wir haben in Deutschland, vor allem im Männerfußball, Schwulen gegenüber eine kalte ausgrenzende Atmosphäre. Wenn die Message auch nur ein oder zwei Leute, die mit sich und ihrer Sexualität hadern und ein mulmiges Gefühl haben, erreicht hat und hilft, dann ist das schon sehr wertvoll.

SPORT1: Ein genereller Kritikpunkt lautet oftmals, dass sich der Fußball nicht in politische Debatten einzumischen habe. Was entgegnen Sie?

Minden: Ich möchte mich mal ganz abstrakt dem Thema nähern: Eine unterdrückte Minderheit will leben, lieben und Frieden haben. Und dann gibt es die Unterdrücker. Wenn die unterdrückte Minderheit sagt, dass es keine Todesstrafe geben soll, dann ist da nichts Falsches, nichts Unverschämtes dran. Wenn der Unterdrücker entgegnet, Fußball sei unpolitisch und habe sich damit nicht zu beschäftigen, dann sage ich ganz klar: Nein! Das Politikum macht der Unterdrücker. Die Unterdrückten, die sagen: „Hey, macht mal keine Todesstrafe für uns“, kämpfen doch nur um ganz banale und simple Selbstverständlichkeiten. Wer das anders sieht, soll sich bitte fragen, ob ihm da nicht ein wenig die Perspektive verrutscht ist.

Sehr gerne soll auch ein Land weit weg der westlichen Hemisphäre zu so einem großen WM-Fest einladen, aber es müssen alle eingeladen sein. Es sind aber nicht alle eingeladen, wenn für einige einfach die Todesstrafe im Gesetz steht.

Minden: In unserer Gesellschaft ankommen

SPORT1: Ein weiterer Kritikpunkt ging in die Richtung, dass die LGBTQ-Gemeinde nichts im muslimischen Raum zu suchen habe.

Minden: Es mag bei einigen so ankommen, als verlange die LGBTQ-Gemeinde eine Extrawurst und Sonderrechte. Aber diese Menschen wollen einfach nur ganz normal leben und beispielsweise heiraten dürfen. Um mehr geht es dabei nicht. Meine Message soll auch nicht von oben nach Katar und in den arabischen Raum herabgesendet werden. Sie muss auch in unserer Gesellschaft hierzulande ankommen.

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SPORT1: Bemerkenswert an Ihre Rede: Sie verwendeten nicht den Begriff Boykott, sondern öffneten sozusagen ein Türchen, mit der klaren Ansage: „Ihr seid willkommen, der internationalen Fußballgemeinschaft beizutreten und eine WM auszurichten.“ Was war Ihre Intention?

Minden: Die Diskussionen über einen Boykott der Weltmeisterschaft in Katar sind arg verengt. Über allem stehen für mich die Fragen: Was hilft konkret den Entrechteten, den ausgebeuteten Gastarbeitern? Hier ist ein Boykott gar nicht mal so zielführend, wobei es auch gute Gründe für einen Boykott gibt. Als „Unsere Kurve“ arbeiten wir auch mit dem Bündnis „BoycottQatar2022″ zusammen, wir organisieren etwa eine Veranstaltung unter dem Titel „Nicht unsere WM“. Da werden auch Gastarbeiter aus Katar dabei sein. Die Diskussion um den Boykott nehme ich jedenfalls als eine verengende Ja-oder-nein-Frage wahr, mir ist wichtig zu betonen: Es gibt Graustufen dazwischen.

SPORT1: Welche Graustufen meinen Sie?

Minden: Da ist die Frage nach dem Geld. Die Teilnahme an der WM ist die eine, daran zu verdienen die andere Sache. Ihr habt gute Gründe hinzufliegen? Ok! Aber habt ihr auch gute Gründe, euch an diesem Turnier zu bereichern? Und wenn ihr schon hinfliegt, dann bitte mit klarer Haltung. Es darf keine Lösung sein, dass man diese wichtigen Themen komplett abhakt und ins Turnier geht, als wäre nichts gewesen. Der Verband und die Spieler sollten jeden Euro, den sie durch dieses Turnier verdienen, anschauen und sich fragen, kann ich unter diesen Umständen diesen Euro einstecken oder ist er nicht viel besser in einem Fonds für die Entrechteten aufgehoben. Ich verstehe die Profis, für die die WM das größte Turnier ist und die natürlich nichts für die Missstände in Katar können.

Aber natürlich verdienen gerade diese Spieler, die im Vereinsfußball schon sehr gut dotierte Verträge haben, bei dieser WM sehr viel Geld. Da wäre es wünschenswert, darüber nachzudenken, ob man dieses Geld annimmt oder lieber ein Zeichen setzt. (DATEN: Spielplan und Ergebnisse der Nations League).

Minden: Werder keine Minute der WM sehen

SPORT1: Werden Sie die Weltmeisterschaft boykottieren?

Minden: Mir ist wichtig zu sagen: Private Konsumentscheidungen ändern gar nichts an der Lage in Katar. Natürlich würde es mich freuen, wenn die Einschaltquoten niedrig sind. Wir sollten aber keinen falschen Eindruck erwecken und nicht sagen, dass Zuschauer am Ausverkauf des Fußballs mitwirken, wenn sie an einem nass-kalten Dezembertag den Fernseher anwerfen und ein Spiel anschauen. Die Menschen sollen machen, was sie wollen.

Ich für meinen Teil werde keine Minute dieses Turniers ansehen, weil ich mich dabei schlecht fühlen würde. Ich habe WM-Turniere eigentlich immer sehr genossen, am meisten die Duelle der Außenseiter. Ich persönlich habe da eine Ganz-oder-gar-nicht-Mentalität und so bleibt der Fernseher ganz aus. Denn diese ganze, so facettenreiche Fehlentwicklung in meinem geliebten Sport: Sie raubt dem Fußball seine Unschuld und mir persönlich jegliche Lust auf diese WM.