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WM 2022: Kolumne von Kevin-Prince Boateng: "An dieser WM klebt Blut"

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WM 2022: Kolumne von Kevin-Prince Boateng: "An dieser WM klebt Blut"

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Boateng: „An dieser WM klebt Blut!“

Boateng: „An dieser WM klebt Blut!“

In seiner SPORT1-WM-Kolumne kritisiert Kevin-Prince Boateng die Umstände der WM, tippt seine Favoriten und stellt seinen Superstar der WM vor.
Das DFB-Team, sowie weitere europäische Nationen haben sich dafür entschieden, die One-Love-Binde bei der WM 2022 in Katar nicht zu tragen.
Kevin Prince Boateng
Kevin Prince Boateng

Eines vorweg: Wenn ich nicht SPORT1-Kolumnist für diese WM wäre, würde ich mir – mit Ausnahme der Spiele von Deutschland und Ghana – kein einziges anschauen.

Ich kann einfach keine Freude an dieser WM entwickeln. Man weiß am Ende nicht, wie viele Menschen dieses Turnier wirklich auf dem Gewissen hat. An dieser WM klebt Blut! (NEWS: Alles Wichtige zur WM)

Außerdem wurde sie verkauft und das wurde schon mehrfach bewiesen. Ich hoffe, dass die nächsten Weltmeisterschaften in Länder vergeben werden, die Menschenrechte ernstnehmen und den Fußball leben.

Die Spieler tun mir total leid. Sie fahren mit einem unguten Gefühl zu diesem Turnier. Dabei müssten sie eigentlich stolz sein, für ihr Land bei den größten Turnier der Welt zu spielen. Ich habe zweimal eine WM gespielt. Ich weiß, wie sich das anfühlt. Das macht einen einfach nur stolz.

„Dieses Binden-Theater ist lächerlich“

Dieses Binden-Theater ist lächerlich! Wie die ganze WM auch. Es passt perfekt zu diesem wahnsinnigen Turnier. Ich finde es schade, dass große Fußball-Nationen wie Deutschland, England oder die Niederlande das nicht durchziehen. Wenn man erst groß sagt, dass man dazu steht und auch Strafen in Kauf nimmt, dann muss man das auch durchziehen.

Dass die Fifa die One-Love-Binde verbietet, zeigt, dass Geld und Macht dem Verband wichtiger sind als alles andere.

Trotzdem finde ich: Diese Binde wäre ohnehin nur ein Symbol gewesen. Sie hätte in dem Land selbst doch überhaupt keine Änderungen herbeigeführt. Es müssen andere Dinge passieren, die die Katarer davon überzeugen, dass wir Menschen alle gleich sind.

Weltmeister wird am Ende die Mannschaft sein, die am meisten die Augen zu macht, das alles runterschluckt und in sich hineinfrisst. Ich finde auch den Zeitpunkt der Austragung sehr ungünstig. Mitten in der Saison, ohne Pause und nach vielen Englischen Wochen. Das ist Wahnsinn! (DATEN: Gruppen und Tabellen der WM)

Die Spieler sind müde und teils verletzt, was wir an den Ausfällen von Karim Benzema, Paul Pogba oder Marco Reus, um nur ein paar wenige Spieler zu nennen, sehen. Die FIFA bekommt jetzt ihre Quittung dafür!

Es sitzen Leute dort, die noch nie gegen den Ball getreten haben. Sie wissen nicht, was für Energie, wie viel Stress und wie viele Strapazen die Spieler aufbringen müssen. Sie müssen jeden Tag performen. An sie wird aber überhaupt nicht gedacht.

Ich will gar nicht wissen, was uns in der Rückrunde nach der WM alles erwartet, wie viele Spieler sich noch verletzen werden. Mein Teamkollege Oliver Christensen hat am Samstag gespielt und ist am Montag zur dänischen Nationalmannschaft gereist. Er hatte gerade mal einen Tag frei. Der körperliche Stress, die Reiserei und das Klima dort unten – das alles ist nicht gesund!

Und trotzdem wird diese WM nicht boykottiert. Es wird sowieso zuhause am TV geguckt. Wenn Fußball läuft, dann gucken das die Leute auch. Das war schon immer so.

Auf den Straßen wird es in Deutschland aber nicht diese Euphorie geben, die wir sonst von Turnieren gewöhnt sind. Es wird sich niemand groß in den Armen liegen und feiern. Das wird kein Turnier für die Ewigkeit.

Favoriten? „Serbien oder Kroatien sehr stark“

Die deutsche Mannschaft muss diese ganzen Begleiterscheinungen trotzdem ausblenden. Ich bin hin- und hergerissen, was für sie im Turnier geht. Es ist alles möglich: Vom Vorrunden-Aus bis zum Finale.

Einen richtigen Favoriten habe ich aktuell immer noch nicht ausgemacht. Ich rechne eher den kleineren Nationen, den Außenseitern, große Chancen zu. Die Topstars sind nämlich alle müde und überspielt. Ich sehe zum Beispiel Serbien oder Kroatien sehr stark.

Auch die deutsche Mannschaft kann es, wenn der Start gut funktioniert, natürlich weit schaffen. Ein Schlüssel wird für mich sein, dass Niclas Füllkrug spielt. Die Leute sollen endlich mit dieser Wir-haben-keinen-Mittelstürmer-Diskussion aufhören. Wir haben einen echten Stürmer und der heißt Füllkrug. (DATEN: Spielplan und Ergebnisse der WM)

Er schießt Tore am Fließband in einer der besten Ligen der Welt. Er hat nun auch gegen den Oman getroffen, also muss er von Anfang an spielen. Er muss die Chance kriegen! Nach dieser Hinrunde kommt er mit viel Selbstvertrauen. Es gibt keinen besseren Neuner aktuell. Er wartet auf die Bälle, positioniert sich gut, hat den Riecher und bombt die Dinger rein.

Musiala „wird einer der großen Superstars“

Was ich krass finde: Mit Ilkay Gündogan und Leon Goretzka streiten sich zwei absolute Topspieler um einen Platz im Mittelfeld. Einer wird am Ende draußen sein. Schade finde ich, dass Toni Kroos nicht dabei ist. Er ist für mich immer noch der beste deutsche Mittelfeldspieler und würde der Mannschaft weiterhin guttun. (NEWS: Khedira fordert Startelf für Goretzka)

Richtig gespannt bin ich auf Jamal Musiala. Für ihn gibt es keine Worte. Der Junge ist überragend. Was er macht, hat Hand und Fuß. Ich habe das selbst mit Hertha erlebt, als er beim 3:2-Sieg der Bayern gegen uns getroffen hat. Für mich ist er zurzeit mit Jude Bellingham der beste Mittelfeldspieler in Europa. Er wird einer der großen Superstars bei diesem Turnier. (NEWS: Neuer traut Musiala Großes zu)

Abschließend noch ein paar Gedanken zu den für mich größten Fußballern auf diesem Planeten: Lionel Messi und Cristiano Ronaldo. Es ist wohl die letzte WM für die beiden und ihre letzte Chance auf den Titel. Ich kenne Leo ja noch aus meiner Zeit bei Barca. Ein unfassbarer Spieler. Beide hätten es verdient.

Messi hat mit Argentinien bessere Chancen. Aber weder er noch Ronaldo werden als Weltmeister abtreten. Das müssen sie auch nicht. Es gehört zu ihrer Geschichte dazu: Die beiden müssen keinen WM-Titel holen, um die besten aller Zeiten gewesen zu sein.

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Kevin-Prince Boateng war für Klubs der vier großen europäischen Ligen in Deutschland, England, Italien und Spanien aktiv. Derzeit spielt er für Hertha BSC. WM-Teilnehmer 2010 und 2014 für Ghana. Boateng begleitet die WM in Katar für SPORT1 in einer Kolumne.