Dieser WM-Skandal bewegt die Fußball-Welt - Fragen und Antworten
Fall Balogun: Fragen und Antworten
US-Stürmer Folarin Balogun wurde am vergangenen Mittwoch beim Spiel gegen Bosnien-Herzegowina (2:0) mit Rot vom Platz gestellt (64.). Der 25-Jährige war dem Bosnier Tarik Muharemovic unglücklich auf den Knöchel getreten. Die normalerweise automatische Sperre wurde am Sonntag aufgehoben.
Noch am Mittwoch hatte US-Präsident Donald Trump nach übereinstimmenden Berichten internationaler Medien, unter anderem der Nachrichtenagentur AFP, der New York Times und des Guardian, deswegen persönlich mit FIFA-Präsident Gianni Infantino telefoniert. Angeblich sogar mehrmals. „Danke an die FIFA dafür, das Richtige zu tun und eine große Ungerechtigkeit rückgängig zu machen!“, schrieb der US-Präsident nun bei Truth Social. Auch andere Mitglieder der Trump-Administration sollen eingebunden gewesen sein – der offizielle X-Account des Weißen Hauses reagierte mit den Worten „USA-USA-USA“.
Was sagt die Regel?
Artikel 66.4 im Disziplinarkatalog der FIFA ist eindeutig: Eine Rote Karte zieht automatisch eine Sperre von einem Spiel nach sich. Ein Einspruch dagegen ist nicht möglich. Der belgische Verband, der rechtliche Schritte prüft, verwies auf ein vor dem Start der WM verschicktes Rundschreiben, in dem auf diese Regel hingewiesen worden sei.
Der Weltverband bezog sich in seiner Entscheidung zu Balogun lediglich auf Artikel 27 der FIFA-Disziplinarordnung, ohne weitere Erklärung. Dieser erlaubt es der FIFA, „die Umsetzung einer Disziplinarmaßnahme ganz oder teilweise auszusetzen“.
Was sagt der US-Trainer?
Mauricio Pochettino, der die Rote Karte umgehend als ungerechtfertigt bezeichnet hatte, erklärte: „Alle, die den Sport wirklich lieben und seiner Integrität vertrauen, feiern diese Entscheidung. Wir wurden gegen Bosnien genug bestraft, indem wir 30 Minuten lang mit zehn Mann spielen mussten, aufgrund einer Entscheidung, die unfair war. Es ist nicht, weil ich der Cheftrainer der USA bin. Ich denke, 99,9 Prozent der Menschen sind sich einig, dass es eine ungerechte Rote Karte war.“
Was sind die Folgen?
Die FIFA hat einen Präzedenzfall geschaffen. Rote Karten, die eine Sperre von einem Spiel nach sich ziehen, drohen auch in Zukunft zurückgenommen zu werden. „Die Regeln wurden eindeutig in einer Weise gebrochen, die den politischen Interessen des US-Präsidenten zugutekommt“, sagte Nicholas McGeehan von der Organisation FairSquare dem SID.
„Wenn das Gastgeberland seinen politischen Einfluss auf den FIFA-Präsidenten genutzt hat, um einen unfairen Vorteil zu erschaffen, wäre das ein skandalöser Verstoß gegen die Regeln und eine Manipulation des Wettbewerbs.“ Er fordert, dass Verbände und Politiker Antworten von der FIFA einholen sollten.
Auch UEFA und DFB haben mit Statements reagiert. „Wir bringen unser Unverständnis über eine derart beispiellose, unbegreifliche und nicht zu rechtfertigende Entscheidung zum Ausdruck“, schrieb die UEFA. DFB-Präsident Bernd Neuendorf fordert: „Der Eindruck, dass es hier eine aktive Einflussnahme der Politik auf den Sport gegeben hat, muss zügig und schlüssig ausgeräumt werden. Es geht um die Integrität des Wettbewerbs und die Glaubwürdigkeit der FIFA.“
Was ist mit Infantino?
Der FIFA-Chef steht wegen seiner engen Beziehung zu Trump ohnehin in der Kritik. Nach der Vergabe eines neuen FIFA-Friedenspreises an den US-Präsidenten reichte FairSquare eine Beschwerde bei der Ethikkommission des Weltverbandes ein.
Nun hat Infantino die Politik womöglich von den Rängen auf das Spielfeld geholt. Wie entschlossen die teils Infantino-kritischen Europäer im UEFA-Verbund tatsächlich gegen die FIFA aufbegehren, bleibt abzuwarten.
Gab es schon ähnliche Fälle?
Dass Sperren nachträglich ohne jede Begründung auf Bewährung ausgesetzt werden, kommt extrem selten vor. Ein Profiteur war Cristiano Ronaldo, der im November bei einem WM-Qualifikationsspiel gegen Irland nach einem Ellbogenschlag gegen Dara O’Shea vom Platz gestellt worden war.
Ronaldo wurde von der FIFA zunächst für drei Spiele gesperrt, musste aber nur das erste absitzen – das anschließende Quali-Duell gegen Armenien. Die Sperre für die beiden weiteren Spiele wurden „auf Bewährung“ ausgesetzt. Ronaldo konnte damit bei der WM von Beginn an eingesetzt werden.
Der Unterschied zu Balogun: Die Sperre für das erste Spiel zählte. Und: Eine Einmischung von höchster politischer Stelle, wie sie in der „Causa Balogun“ stattgefunden hat, gab es bei Ronaldo nicht.
Im Lauf der WM-Geschichte gab es nur einen ähnlichen Fall in grauer Vorzeit: den des brasilianischen Stars Garrincha, der im WM-Halbfinale 1962 wegen einer Tätlichkeit vom Platz flog – der aber unter ähnlich dubiosen Umständen wie nun im Finale doch antreten durfte.
Was sagt die FIFA?
Zum jetzigen Zeitpunkt ist unklar, welches Gewicht die FIFA Trumps Eingreifen beigemessen hat. Eine SID-Anfrage zu den Hintergründen der Entscheidung und Trumps Anrufen ließ der Weltverband zunächst unbeantwortet.