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Jürgen Klinsmann: "Wir haben mit der Weltspitze absolut gar nichts zu tun"

Klinsmann: „Viel falsch gemacht“

Am Abend geht es zwischen Spanien und Argentinien um den WM-Titel. Vor dem Endspiel schätzt Jürgen Klinsmann im Interview mit SPORT1 die Ausgangssituation ein, rechnet mit der DFB-Elf ab und fragt sich, wieso Lionel Messi nicht auch bei der Weltmeisterschaft 2030 auflaufen soll.
Jürgen Klinsmann findet nach dem blamablen deutschen WM-Aus deutliche Worte. Der ehemalige Bundestrainer empfindet dabei Scham, hat aber Hoffnung in den designierten Bundestrainer Jürgen Klopp.
Am Abend geht es zwischen Spanien und Argentinien um den WM-Titel. Vor dem Endspiel schätzt Jürgen Klinsmann im Interview mit SPORT1 die Ausgangssituation ein, rechnet mit der DFB-Elf ab und fragt sich, wieso Lionel Messi nicht auch bei der Weltmeisterschaft 2030 auflaufen soll.

Jürgen Klinsmann ist in den Stunden vor dem WM-Finale ein höchst gefragter Mann. Sponsoren, Medien, alte Bekannte – sie alle wollen den ehemaligen Torjäger und Bundestrainer abgreifen.

Für SPORT1 nimmt sich der 61-Jährige zwischen Tür und Angel aber gerne Zeit. Im „adidas Home of Soccer“ gerät Klinsmann ins Plaudern. Im Interview mit SPORT1 rechnet er mit dem DFB-Team ab, schätzt die Ausgangslage im Endspiel ein und erklärt, wieso Lionel Messi auch in vier Jahren noch bei der WM 2030 auflaufen könnte.

SPORT1: Herr Klinsmann, wer gewinnt heute die Weltmeisterschaft?

Klinsmann: Das ist nicht so leicht. Es ist einfach ein tolles Finale. Jede Mannschaft, die ins Endspiel kommt, hat es verdient. Fünfeinhalb Wochen Turnier sind ja für alle Stress: Spieler, Trainer, vor allem natürlich auch für die Fans. Dieses Jahr hast du sogar noch ein Spiel mehr. Und wenn du dann im Halbfinale deinen Mann stehst, hast du diese Partie einfach verdient. Ich bin gespannt, wie sich Argentinien mit dem über allem schwebenden Lionel Messi gegen eine spanische Mannschaft schlägt, die extrem konstant und ausgeglichen in ihrem Mannschaftsgefüge ist – trotz Yamal und Rodri. Das wird eine ganz heiße Kiste.

Klinsmann traut Spanien WM-Titel zu

SPORT1: Können wir Ihnen dennoch einen Tipp entlocken?

Klinsmann: Ich glaube, dass es die Spanier durchziehen – weil sie unfassbar konstant in diesem Turnier gespielt haben. Die Argentinier sind einfach unberechenbar. Die haben sich mehrere Male rausgezogen und einen unglaublichen Willen, einen unglaublichen Kampfeswillen. Sie spielen natürlich immer am Rande des Erlaubten. Ich hoffe, dass sich die Spanier nicht von dieser extremen Physis anstecken lassen.

SPORT1: Sie haben Messi angesprochen. Sind Sie überrascht, wie stark er ist?

Klinsmann: Nein! Ich sehe ihn Woche für Woche in den USA bei Inter Miami. Er spielt nach wie vor auf ganz, ganz hohem Niveau, entscheidet die Spiele oftmals ganz alleine. Er hat lange warten müssen. Wir dürfen nicht vergessen, was er alles durchgemacht hat, bis es dann zu seinem ersten Turniersieg kam. Er wurde immer in die Ecke gedrängt: Du bist nicht auf einem Niveau mit Maradona, weil du uns nie den WM-Pokal nach Hause gebracht hast. Und als das dann endlich geklappt hat, nach einem Hammerspiel vor vier Jahren in Katar, lebt er natürlich auch auf. Der ganze Druck ist von seinen Schultern gefallen und er genießt das Fußballspielen jetzt einfach nur noch.

Spielt Messi noch eine WM?

SPORT1: Für Messi dürfte es sein letzter Auftritt im Trikot der Nationalmannschaft bei einer WM sein …

Klinsmann: Der Kerl hat einfach Spaß am Fußball. Und das bringt er rüber. Und solange er den Spaß hat und Spiele beeinflussen kann, wieso soll er nicht weitermachen? Wieso soll er nicht noch vier Jahre spielen? Vielleicht will er die WM2030 noch mal mitnehmen. Er lebt für dieses Spiel. Er lebt gesund. Es ist absolut machbar, dass er noch vier Jahre weitermacht.

SPORT1: Glauben Sie, dass er mit 43 Jahren wirklich noch eine WM spielen kann?

Klinsmann: Du hast in unserer Zeit Athleten, die locker bis 40 mitspielen können. Es ist nicht nur im Fußball so, sondern auch in anderen Sportarten. Beim Basketball, in olympischen Sportarten, da gibt es einige Beispiele. Als Profisportler hast du über die letzten Jahrzehnte gelernt, wie du dich verhalten musst, um dahin zu kommen. Sie wissen, wie sie leben müssen, wie sie schlafen müssen, wie sie sich ernähren müssen. Das ist ja alles zu einer Wissenschaft geworden. Das ist phänomenal. Und warum soll Messi nicht sagen: Ich habe Bock. Solange ihr mich mitnehmt, komme ich mit.

Klinsmann rechnet mit DFB-Team ab

SPORT1: Kommen wir zur DFB-Elf. Drei unterschiedliche Trainer sind mit der Nationalmannschaft dreimal in Folge bei einer WM früh rausgeflogen. Was sagt das über den deutschen Fußball aus?

Klinsmann: Generell sagt das nichts Gutes über den deutschen Fußball aus. Wir sind im Mittelmaß, irgendwo ganz verloren angekommen. Wir haben mit der Weltspitze absolut gar nichts zu tun.

SPORT1: Wie kommt der deutsche Fußball da wieder raus? Mit Jürgen Klopp?

Klinsmann: Das Wichtigste ist jetzt, einen Neuanfang zu starten. Ich hoffe: mit Kloppo. Ich wünsche es mir sehr. Er ist ein Typ, der mit seiner Energie so einen Neuanfang starten kann. Mit seiner positiven Art kann er Leute mit ins Boot holen. Aber: Wir fangen relativ weit unten an. Du kannst nicht drei Weltmeisterschaften in Folge vergeigen. Das geht einfach nicht. Zu meinen italienischen Freunden habe ich zum Spaß gesagt: Lieber dreimal in Folge nicht hinfahren als dreimal gleich nach Hause gehen. Dafür müssen wir uns schämen. Da müssen wir uns eingestehen, dass viel falsch gemacht wurde in den drei vergangenen Weltmeisterschaften.

Kimmich? „Das ist die Aufgabe des Trainerteams“

SPORT1: Dietmar Hamann wünscht sich einen personellen Wechsel in der Mannschaft. Unter anderem, dass Joshua Kimmich weichen solle. Sehen Sie das ähnlich?

Klinsmann: Das ist die Aufgabe des neuen Trainerteams. Aber jeder, der jetzt dabei war, egal ob jung oder alt, muss sich an seine eigene Nase fassen und eingestehen, dass er keinen guten Job gemacht hat. Ich glaube, das Eingeständnis ist das Wichtigste, um wieder neu anzufangen. Und dann haben wir auch Spieler und das Potenzial in der Bundesliga, einen Neuanlauf zu starten.

SPORT1: Das Finale steht zwar erst noch an. Aber was ist Ihr bisheriger Moment dieser WM?

Klinsmann: Die Gewinner dieser WM sind ganz klar die Fans. Was die auf sich genommen haben … Die haben Sachen erlebt, Partys gefeiert, sind quer durch die drei Länder gereist. Die werden alle mit tollen Geschichten nach Hause fliegen. Das ist schon mal phänomenal. Und wenn ich an ein Spiel denke, dann war das die Partie Mexiko gegen England. Ich weiß, was es heißt, in Mexiko City mit der Nationalmannschaft zu spielen. Und was die Engländer da mit Bellingham und Kane abgeliefert haben, das war Wahnsinn. Das sticht für mich heraus. Aber auch Kongo und Kap Verde haben Spaß gemacht. Dass die Schweiz und Norwegen ins Viertelfinale gestürmt sind: Mega. Die haben ein Riesenkompliment verdient. Es gibt so viele tolle Geschichten von und über diese WM – leider war Deutschland keine davon.