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Handball-EM 2022, Deutschland: Warum der DHB vom Turnier-Rückzug noch nichts wissen will

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Handball-EM 2022, Deutschland: Warum der DHB vom Turnier-Rückzug noch nichts wissen will

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So tief steckt der DHB im Dilemma

So tief steckt der DHB im Dilemma

Trotz dramatischer Corona-Entwicklung spielt Deutschland weiter bei der Handball-EM. Der Antrag auf Verlegung des Hauptrundenauftakts gegen Spanien scheitert.
Deutschland setzt die EM fort
Deutschland setzt die EM fort
© Imago
Christian Paschwitz
Christian Paschwitz

Sehenden Auges ins Fiasko? Oder doch anzuerkennende Professionalität und wünschenswerte Führungsstärke inmitten der Corona-Krise bei der Handball-EM? (NEWS: Alles Wichtige zum Handball)

Angesichts der weiter durch die deutsche Nationalmannschaft rollenden Omikron-Welle hinterlässt die Situation um das Team des Deutschen Handball-Bundes (DHB) höchst zwiegespaltene Gefühle.

„Wir haben intensiv mit den Spielern, Delegationsmitgliedern, den HBL- und EHF-Vertretern diskutiert. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass wir es verantworten können, im Turnier zu verbleiben“, sagte DHB-Vorstandschef Mark Schober in einer virtuellen Medienrunde am späten Mittwochabend.

Die Entscheidung sei „nach medizinischen, sportlichen, rechtlichen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten“ erfolgt. Einen Rückzug soll es vorerst also nicht geben, auch wenn ein EM-Ausstieg geprüft und die EHF mit entsprechenden Überlegungen konfrontiert wurde.

Diese Folgen hätte ein Rückzug

Der Verband wies in diesem Fall aber auf „komplexe Folgen unter anderem auf sportlicher und wirtschaftlicher Ebene hin“, wie es in einer DHB-Mitteilung heißt.

Die personelle Lage ist indes dramatischer denn je mit inzwischen zwölf coronabedingten Ausfällen. Deshalb hatte der DHB auch einen Antrag auf Verlegung des Spiels gegen Spanien (ab 18 Uhr im Liveticker) gestellt. Der aber ist mittlerweile vom Europäischen Handball-Verband abgelehnt worden.

Zur Begründung verwies er laut DHB „auf eine vielschichtige Gemengelage von der sportlichen Situation Spaniens bis hin zu bestehenden Sendeplänen und -verpflichtungen sowie ähnlich herausfordernde Corona-Situationen bei den Teams anderer teilnehmender Nationen“.

Gislason lädt zum freiwilligen Training

Die Frage, die sich Fans wie Medien, Beobachtern, aber auch die Spieler als Hauptprotagonisten stellen dürften, kreist weiterhin um die Sinnhaftigkeit und die offenkundig auch finanziellen Sachzwänge, die Turnier-Teilnahme fortzusetzen.

Beim freiwilligen Training in Bratislava stand Bundestrainer Alfred Gislason am Mittwochnachmittag nur noch ein Restkader zur Verfügung, nachdem sich mit Sebastian Heymann, dem bislang besten DHB-Schützen Christoph Steinert (17 Tore) und Djibril M‘Bengue drei weitere Spieler infiziert hatten. (die Handball-EM im LIVETICKER)

Nun geraten die kurzfristig nominierten Rückraumspieler Lukas Stutzke, der bereits am Mittwochabend im deutschen Teamquartier in Bratislava eintraf, und David Schmidt sowie Rechtsaußen Tobias Reichmann auch noch zum Kompensationspersonal. Bei negativen PCR-Tests kann das Trio sofort eingesetzt werden.

Richtige oder falsche Entscheidungen, und wann muss Schluss sein in puncto Nachrückern? Daran scheiden sich bereits seit Tagen die Handball-Geister.

Trotz einer ziemlich spontan zusammengewürfelten Mannschaft gewann Deutschland auch das dritte Vorrunden-Spiel. Geht da was in Sachen EM-Titel?
05:04
"Alle Zutaten für ein Sport-Märchen" - Gislasons Not-Truppe titelreif?

Kromer: Können nicht endlos nachlegen

„Natürlich können wir das nicht endlos machen“, antwortete DHB-Sportvorstand Axel Kromer auf eine entsprechende SPORT1-Nachfrage. „Wir haben aber nicht überlegt bei unserer jetzigen Entscheidung, was morgen, übermorgen oder in drei Tagen wäre.“

„Alle Varianten müssen auf den Tisch und mit allen Beteiligten ergebnisoffen diskutiert werden“, hatte Anfang der Woche HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann gesagt.

Ligapräsident Uwe Schwenker erklärte noch am Mittwochnachmittag: „Man muss momentan festhalten, dass die Infektionskette nicht abreißt. Da ist unser EM-Team leider ein Spiegelbild der Gesellschaft.“ Und fügte an: „Jetzt aber unendlich mit Spielern aus der Bundesliga nachzuladen, macht keinen Sinn.“

Allein: Bisher geschieht genau das. Verbunden mit der Hoffnung, der Spuk könne sich doch noch in ein ganz schnelles Ende der „Corona-Explosion“ (Gislason) verkehren.

Handball-Bundestrainer Alfred Gislason ist bei dieser EM vor allem auch als Krisenmanager gefragt
Handball-Bundestrainer Alfred Gislason ist bei dieser EM vor allem auch als Krisenmanager gefragt

Realistisch ist das kaum - sportlich blieb es bisher mit Blick auf drei Vorrunden-Siegen unerheblich, gesundheitlich erscheint es persönlich wie auch gesellschaftlich grenzwertig. (DATEN Tabellen der Handball-EM)

„Besonders gut geht es mir noch nicht“, klagte in einem Gastbeitrag im Spiegel etwa Timo Kastening, mit den Auswirkungen seiner Infektion durchaus zu kämpfen.

Kastening kämpft mit Symptomen

Immerhin klängen die Symptome ab, „doch gerade bin ich skeptisch, ob es bei dieser Endrunde noch mit einem Einsatz klappt“, gab der Profi der MT Melsungen zu.

Dass die Krankheitsverläufe bei den Spielern „milde“ seien und kaum über einen Schnupfen hinausgingen, wie es Bob Hanning, der vor Schnellschüssen warnte, bei ntv formulierte, stimmt also nicht. Zuvor hatte der frühere DHB-Vizepräsident und Geschäftsführer der Füchse Berlin noch hinsichtlich eines möglichen DHB-Rückzugs von der EM eingeräumt: „Sollte es in den kommenden Tagen zu weiteren Fällen kommen, dann muss man die Positionen noch mal überdenken und eine neue Risikoabwägung vornehmen.“

Die ist nun indes vom Tisch, das Maß offenbar noch immer nicht voll. (DATEN: Spielplan und Ergebnisse der Handball-EM)

Gislason sprach zuletzt von einer „sehr absurden Situation“ und warf ein: „Es ist mir ein Rätsel, wie das Virus zu uns hereingekommen ist.“ Seit Anfang Januar halte sich sein Team an die strengen Regeln und trotzdem sei es passiert: „Mehr können wir kaum tun.“

„Das ist brutal, die Situation ist herausfordernd, wir kämpfen an allen Fronten. Wir müssen uns alle mit Dingen beschäftigen, die nichts mit Sport zu tun haben“, sagte nun DHB-Teammanager Oliver Roggisch in einem Online-Verbandstalk.

Das passiert, wenn auch Gislason noch ausfällt

Und wenn am Ende nun gar auch noch Gislason ausfiele? „Wenn der Trainer ausfällt, dann haben wir den Co-Trainer (Erik Wudtke, Anm. d. Red.)“, sagte Kromer auf SPORT1-Nachfrage. „Das war auch im Fußball mal so bei Jogi Löw. Wir würden da auch eine Lösung finden und keinen Trainer von auswärts holen, der dann das Team leiten müsste. Dafür haben wir ja den Trainer-Staff.“

Man mag kaum glauben, dass dem Team, wie keine andere Nation derart gebeutelt, der Spaß nicht längst vergangen ist.

„Die Spieler haben alle Bock!“, meinte Hanning in einem Instagram Live am Mittwochabend und hob den Teamspirit hervor. „Nicht nur das Ergebnis, sondern auch das Erlebnis muss Spaß machen. Wie die Mannschaft an einem Strang zieht und gerade die jetzige Situation mit den Nachrückern zeigt doch, wie alle bereit sind mitzuhelfen.“

Golla betont Zusammenhalt

Kapitän Johannes Golla betonte nun: „Wir haben in der Mannschaft darüber gesprochen, wie wir das Turnier fortsetzen und zu Ende bringen können. Das ist unser klares Ziel, alles andere war nicht unser Thema.“

Golla weiter: „So einen Zusammenhalt wie in den vergangenen Tagen habe ich selten erlebt. So seltsam es klingen mag: Ich habe die große Hoffnung, dass wir von diesem Zusammenhalt als Team in den nächsten Jahren profitieren können.“

Auch DHB-Sportvorstand Kromer unterstrich im ZDF bereits vor dem letzten Vorrundenspiel gegen Polen (30:23): „Wir erleben hier eine große Euphorie. Die Mannschaft ist Feuer und Flamme, hier weiter Handball spielen zu können.“ Es sei jedem einzelnen Spieler freigestellt abzureisen, falls ihm die Angelegenheit zu heikel ist.

Timo Kastening stellt den DHB-Kader für die kommende Europameisterschaft in der Slowakei und Ungarn vor. Und verrät auch einige Geheimnisse.
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"Bierhelm" und "Big Foot": Die Spitznamen der DHB-Stars

Kein Kühn-Comeback gegen Spanien

Klar dürfte sein, dass sich niemand nachsagen lassen möchte, sein Team in der Stunde der Not hängen zu lassen. (NEWS: Epidemiologe warnt: Handball-EM gescheitert)

Gleichwohl spricht es für sich, wenn einer wie Kastening durchblicken lässt, er wolle Nachwirkungen „auf keinen Fall riskieren. Ich bin 26 und habe noch viel vor mir.“

Nichts anderes treibt bei dieser EM auch den DHB um - und baut darauf, dass sich Infizierte nach fünf Tagen freitesten können.

Als Erster wäre dafür Julius Kühn infrage gekommen, dessen positives Testergebnis am Samstag bekannt wurde. Doch ein bestimmter CT-Wert ist zur Beendigung der Isolierung und für einen Einsatz nicht hinreichend.

Alles zur Handball-EM 2022 auf SPORT1: