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Handball-EM: "Das bringt die meiste Kohle - und darum dreht es sich"

Deutsche Legende widerspricht Wolff

Warnung vor zu großer Euphorie, nur teilweise Zustimmung für die Aussagen von Andreas Wolff und eine klare Meinung zu Aufregerthemen im Handball – kurz vor dem Start der EM blickt DHB-Legende Christian Schwarzer im exklusiven SPORT1-Interview auf die deutsche Mannschaft.
Nationaltorhüter Andreas Wolff übt in einer Medienrunde heftige Kritik an der Taktik der österreichischen Handball-Nationalmannschaft.
Warnung vor zu großer Euphorie, nur teilweise Zustimmung für die Aussagen von Andreas Wolff und eine klare Meinung zu Aufregerthemen im Handball – kurz vor dem Start der EM blickt DHB-Legende Christian Schwarzer im exklusiven SPORT1-Interview auf die deutsche Mannschaft.

Christian Schwarzer nahm mit der deutschen Nationalmannschaft an sechs Welt- und fünf Europameisterschaften sowie vier Olympischen Spielen teil und ist eine echte Legende des deutschen Handballs. Gekrönt wurde seine Karriere vom WM-Titel 2007, drei Jahre zuvor gewann Deutschland mit dem Kreisläufer EM-Gold.

Angesichts der dänischen Übermacht im Welthandball dürfte ein solcher Erfolg bei der bevorstehenden Europameisterschaft für Deutschland ein schwieriges Unterfangen werden. Dennoch traut Schwarzer, dem in 319 Länderspielen unglaubliche 966 Tore gelangen, dem Team viel zu, wie er im exklusiven Interview mit SPORT1 erklärt.

Außerdem spricht der 56-Jährige, der mittlerweile als Nachwuchstrainer aktiv ist, über die Diskussion um die Aussagen von Torwart Andreas Wolff vor dem Duell mit Österreich. Nur teilweise stimmt er hierbei dem DHB-Keeper zu.

SPORT1: Herr Schwarzer, die deutschen Handballer haben mit den beiden Siegen gegen Vizeweltmeister Kroatien Selbstvertrauen für den Start in die EM gesammelt. Wie blicken Sie auf den derzeitigen Leistungsstand?

Christian Schwarzer: In Zagreb hat das deutsche Team am Anfang ein wenig gebraucht, dann am Ende der 1. Halbzeit aber das Kommando übernommen und das Spiel trotz einiger enger Phasen letztlich souverän zu Ende gebracht. Auch das zweite Spiel war überzeugend und macht Hoffnung – wobei ich deutlich sage: Wir haben früher auch oft sehr gut in Testspielen gespielt und dann ging es zum Turnier und dann hat es nicht so funktioniert.

Deutscher Kader: „Das ist eher ein Luxusproblem“

SPORT1: Sie sind also nicht ganz so euphorisch wie andere Beobachter?

Schwarzer: Ich möchte solche Spiele nie überbewerten, aber dennoch bringen sie gegen einen Vizeweltmeister Selbstvertrauen und das hilft vor einem solch großen Turnier. Selbstvertrauen und Euphorie sind gut, aber man muss sich erstmal auf das Wesentliche konzentrieren, sich auf jeden Gegner gut vorbereiten und auf dem Boden bleiben. Alleine die Vorrundengruppe hat es schon in sich.

SPORT1: Was macht Ihnen Mut?

Schwarzer: Gefühlt hat man die Schwächephasen weitestgehend aus dem Spiel gekriegt. Es gab immer mal zehn Minuten, in denen man einen Vorsprung verspielt hat oder in Rückstand geraten ist. Gefühlt war das gegen Kroatien weg, während es zuvor gegen Island noch zu beobachten war. Vielleicht hat man darauf einen besonderen Fokus gelegt, diese Stabilität über 60 Minuten reinzubringen.

SPORT1: Um die Nominierung des EM-Kaders gab es einige Diskussionen. Unter anderem Bob Hanning kritisierte das Fehlen von Füchse-Linksaußen Tim Freihöfer deutlich. Wie sieht Ihre Meinung aus?

Schwarzer: Gerade auf der Linksaußenposition wurden mit Mertens und Dahmke zwei sehr gute Spieler nominiert. Man kann immer über den einen oder anderen diskutieren, aber der Bundestrainer hat einfach sehr viele Optionen. Das ist eher ein Luxusproblem. Die beiden Torhüter haben gezeigt, dass sie als Gespann überragend funktionieren. Das wird wieder die Grundlage sein. Die Abwehr in Kombination mit den Torhütern muss die Grundlage für erfolgreichen Handball sein. Vorne haben wir auch genügend Optionen auf den Rückraumpositionen. Zudem erhöht es auch den Handlungsspielraum, dass Alfred Gislason in der Vorrunde vor jedem Spiel immer 16 aus den 18 Spielern auswählen darf, die allesamt mit nach Dänemark reisen.

Handball-EM: Die Highlights der deutschen Spiele, der Halbfinals und des Finales auf SPORT1.de und in der SPORT1 App

SPORT1: Positiv hervorgehoben wird derzeit vor allem die neue Breite im Innenblock. Kann diese ein Schlüssel sein?

Schwarzer: Definitiv. Das wird wieder ein sehr anstrengendes Turnier und du brauchst Julian Köster und Johannes Golla vorne und hinten. Gerade für Köster könnte das ein Pluspunkt sein, dass er nicht immer 60 Minuten gehen muss und sich tendenziell in der Abwehr ein wenig erholen kann.

Handball-EM: „Gislason hat für jeden eine Rolle“

SPORT1: Mit Justus Fischer und Jannik Kohlbacher stehen weitere hochkarätige Kreisläufer bereit. Besteht hierbei die Gefahr, es mit der Rotation zu übertreiben?

Schwarzer: Das ist immer die Kunst beim Coaching. Ich denke, dass Alfred für jeden eine Rolle gefunden hat. Kohlbacher war in der Vergangenheit oft im Überzahlspiel eine Option. Vielleicht hat Alfred da wieder Aufgaben verteilt für unterschiedliche Spielsituationen. Je mehr Optionen du hast, umso besser – aber auch umso schwieriger, wann der richtige Zeitpunkt für einen Wechsel gekommen ist.

SPORT1: Offensichtliche Schwachstellen gibt es kaum – am ehesten hinter Renars Uscins im rechten Rückraum?

Schwarzer: Franz Semper muss hier für Entlastung für Renars sorgen und er hat in der Vergangenheit gezeigt, dass er es sehr gut machen kann. Außerdem ist auch Nils Lichtlein, sollte er fit sein, eine Option - oder vielleicht sogar mal ein Rechtshänder.

SPORT1: Die Auslosung hat es in sich. Muss dennoch das Halbfinale das Mindestziel sein?

Schwarzer: Eine deutsche Mannschaft startet immer mit dem Ziel, eine Medaille zu gewinnen, also Minimum ins Halbfinale zu kommen. Eine EM ist ein anderes Turnier als eine WM. Ich finde es immer besser, gegen die Topnationen zu spielen und so eine Auslosung zu haben. In der Vergangenheit haben wir uns gegen diese Mannschaften auch immer etwas leichter getan als gegen die vermeintlich schwächeren Gegner. Deshalb ist man von Anfang an gefordert und kann nicht larifari ins Turnier kommen. Eine EM ist qualitativ das hochwertigste Turnier, was es im Welthandball gibt.

Wolff-Kritik? „Wir sind auch keine Kinder von Traurigkeit“

SPORT1: Für Aufsehen sorgten zuletzt die Aussagen von Andreas Wolff über die Spielweise des ersten Gegners Österreich. Er kritisierte deren häufiges 7-gegen-6-Spiel sowie die Härte. Nachvollziehbar?

Schwarzer: In einer Sache kann ich ihm zustimmen: Ich bin auch überhaupt kein Freund vom 7 gegen 6. Ich sage schon seit Jahren, dass es mir nicht unrecht wäre, wenn man diese Regel zurücknehmen würde und wieder zum klassischen Handball zurückkehrt. Dadurch geht die Kreativität verloren, gerade im Unterzahlspiel. Es gehört aber nun einmal zum Spiel und wenn eine Mannschaft das als taktisches Mittel einsetzt, ist das ihr gutes Recht. Und: Handball ist eine Vollkontaktsportart, da geht es robust zur Sache. Wir sind auch keine Kinder von Traurigkeit. Die Österreicher haben sich in den letzten Jahren unheimlich gut weiterentwickelt - auch aufgrund der Tatsache, dass viele Jungs in der stärksten Liga der Welt spielen. Das ist gleich ein Gegner, gegen den es zur Sache geht und gegen den man weiß, wo man steht.

SPORT1: Wie blicken Sie generell auf die deutsche Vorrundengruppe mit Österreich, Serbien und Spanien?

Schwarzer: Ich würde bei den drei Gegnern keine Abstufung vornehmen. Alle drei haben eine hohe Qualität. Spanien ist seit vielen Jahren in der absoluten Spitze, aber es gab einen Umbruch. Das sind drei Topgegner, die ernst zu nehmen sind.

SPORT1: Und danach?

Schwarzer: Dann wird die entscheidende Frage sein, wer diesmal Dänemark ein wenig Paroli bieten kann. Du musst sie im richtigen Spiel auf dem falschen Fuß erwischen. Von zehn Spielen gewinnt Dänemark gegen jede andere Nation mindestens acht Spiele. Du musst eins der anderen beiden erwischen, in denen Nielsen und Landin im Tor mal einen schlechten Tag erwischen und andere Dinge nicht nach Plan laufen.

„Es dreht sich eben viel um die Kohle“

SPORT1: Wieder einmal ist unter anderem Dänemark Austragungsort eines Handball-Großereignisses. Im kommenden Jahr findet die WM in Deutschland statt. Kann diese Monotonie der Sportart guttun?

Schwarzer: Die grundlegende Frage ist doch: Wollen denn andere Nationen auch wirklich Turniere ausrichten? Der Aufwand ist groß. Und welche Nationen sind bereit, den Aufwand zu betreiben? Ich freue mich natürlich auch, wenn ich die Spiele im TV schaue und die Tribünen nicht leer sind. Unsere Sportart lebt von den Emotionen und den Zuschauern. Ich war es gewohnt, dass Turniere in einem Land stattfinden. Jetzt sind es oft mehrere ausrichtende Nationen. Die Lösung bei der EM mit drei nordischen Ländern finde ich gut, aber wenn noch zusätzliche Reisestrapazen verursacht werden, ist das nicht förderlich. Ich habe mich auch immer gefreut, neue Länder und Kulturen kennenzulernen, aber schlussendlich muss man sich danach richten, wo die Märkte und die Zuschauer sind. Das bringt die meiste Kohle - und es dreht sich eben viel um die Kohle.

SPORT1: Ein weiteres wiederkehrendes Thema ist die hohe Belastung. Am 27. Dezember wurde noch in der HBL gespielt …

Schwarzer: Die Weihnachtsspiele in der Bundesliga sind die bestbesuchten Spiele. Aber es sollte schon auch mal möglich sein, dass die letzten Spiele zumindest vor Heiligabend stattfinden. Das wäre auch genug. Ich kenne es noch aus Barcelona: Da war das letzte Spiel oft am 15. Dezember und danach lag der volle Fokus auf der Nationalmannschaft. Das ist immer die Frage: Unterstützt die Liga komplett die Nationalmannschaft oder ist die Liga wichtiger? Deshalb finde ich die Regelung in der kommenden Saison, dass vor Weihnachten das letzte Spiel stattfindet, aus Sicht der Spieler und der Belastung besser - und am Ende geht es ja um die Spieler. Die müssen für das Turnier fit sein. Und der Hammer ist ja dann, dass es danach sofort weitergeht mit der zweiten Hälfte der Bundesligasaison. Da fährt keiner drei Wochen in Urlaub und legt die Beine hoch. Leider ist es oft so, dass dadurch die deutsche Meisterschaft oder andere Titel entschieden oder zumindest beeinflusst werden, weil einige Mannschaften mehr Nationalspieler haben und die entweder platt oder verletzt zurückkehren.