Handball-EM>

Handball-EM: "Innerlich brodelt er komplett"

Ein fatales Zeichen bei Wolff?

Alfred Gislason schont gegen Dänemark gleich drei Leistungsträger. Insbesondere im Falle von Andreas Wolff ist die Verwunderung groß. Die Diskussion geht über die sportliche Rolle hinaus.
Bundestrainer Alfred Gislason begründet seinen überraschenden Torwartwechsel vor dem EM-Spiel gegen Dänemark.
Alfred Gislason schont gegen Dänemark gleich drei Leistungsträger. Insbesondere im Falle von Andreas Wolff ist die Verwunderung groß. Die Diskussion geht über die sportliche Rolle hinaus.

„Ich habe gedacht: Ok, schenken wir ab.“ Nicht nur Dyn-Experte Pascal Hens staunte, als er kurz vor Beginn des deutschen Hauptrundenspiels gegen Dänemark bei der Handball-EM aufs Feld schaute. Das DHB-Team, das noch ein Punkt vom Einzug ins Halbfinale trennte, bot weder den zuletzt alles überragenden Andreas Wolff noch die gesetzten Außenspieler Lukas Mertens und Lukas Zerbe auf.

Der Ausgang des Spiels ist bekannt, nach guten 40 Minuten setzte sich die Klasse des haushohen Turnierfavoriten Dänemark durch, der die Partie letztlich sicher für sich entscheiden konnte. Eine doppelte Unterzahl brachte Deutschland ins Hintertreffen, der dänische Weltklassekeeper Emil Nielsen steigerte sich, bei der DHB-Auswahl häuften sich die Fehler.

Handball-EM: Großes Unverständnis wegen Wolff

Im Anschluss diskutierte unter anderem die Runde um die Ex-Nationalspieler Hens, Stefan Kretzschmar und Michael Kraus im Dyn-Format Harzblut darüber, wie die Entscheidungen von Bundestrainer Alfred Gislason einzuordnen sind. Vor allem in der Causa Wolff war das Unverständnis groß.

Dies wollte Kretzschmar explizit nicht als Kritik an Wolff-Vertreter David Späth verstanden wissen, der vor allem in der ersten Halbzeit mit neun Paraden eine sehr gute Leistung zeigte. „An ihm lag es auf keinen Fall.“ Ihm ging es um etwas anderes: „Man muss unterscheiden zwischen: Was kann das bedeuten als Zeichen für die Mannschaft und wie war die Leistung?“

Was Kretzschmar an der Gislason-Entscheidung moniert

Neben der Performance von Späth sei nämlich eine andere Frage fast noch entscheidender, nachdem Wolff Norwegen vor zwei Tagen noch zur Verzweiflung gebracht hatte: „Was denkt sich so eine Mannschaft dabei und was passiert innerhalb so einer Gruppe, wenn ich das vor diesem Spiel eben anders mache, unabhängig von der Qualität von David Späth, die er ja ohne Zweifel hat?“

Das Trainerteam habe sich sicher etwas dabei gedacht, so Kretzschmar, aber: „Die Frage für mich ist - und das ist leider etwas scheiße: Was löst das aus? Was ist das für ein Zeichen, auch an Dänemark? Denken die dann: ‚Oh, die fangen nicht mit Wolff an, könnte vielleicht ein bisschen einfacher sein?‘ Und was macht es mit der eigenen Mannschaft? Was denken unsere Jungs über so eine Entscheidung?“

Kraus sicher: Wolff „jetzt angepisst“

Die Runde war sich einig: Auch wenn alle Beteiligten den Eindruck vermittelten, als sei Wolff mit der Reservistenrolle einverstanden gewesen und habe dann auch Späth im Spiel bestmöglich unterstützt, so könne er darüber nicht glücklich sein.

„Andi Wolff ist heiß wie Frittenfett. Ich war mir so sicher, dass Andi anfängt und das Ding komplett zunagelt“, erklärte Kraus. Zwar kam dieser am Ende des Spiels nochmal ein paar Minuten zum Einsatz und sammelte mit einigen starken Paraden Selbstvertrauen, aber dennoch sei er „jetzt angepisst, weil er einfach im Flow ist“.

Wortloser Abgang von Wolff nach Dänemark-Pleite

Wolff stapfte nach dem Spiel wortlos durch die Mixed Zone, eine unbedachte Äußerung wollte er sich vor dem „Endspiel“ gegen Frankreich am Mittwoch nicht erlauben.

Dennoch ist sich Kraus sicher: „Er hat gelernt, dass er jetzt keine Parolen mehr raushaut. Er verkauft sich halt besser, aber innerlich brodelt er komplett. Andi ist und bleibt ein Wolf.“

Warum Gislason sich für Späth und gegen Wolff entschied

Gislason hatte die Entscheidung für Späth mit dessen Stärke gegen Rückraumwürfe begründet - und auch damit, dass Wolff zuletzt sehr viel gespielt habe und sowohl für den Kopf wie auch für den Körper eine Pause gut gebrauchen könne.

Mit diesem Argument konnte Kretzschmar nur sehr wenig anfangen: „Du bist mental und physisch platt? Du spielst in Dänemark gegen 15.000 Fans! Du kannst mir nicht erzählen, dass Andi Wolff sagt: ‚Lass mich mal bitte raus.‘“ Es gehe nicht darum, dass man wegen Späth verloren habe. Die Dänen wüssten jedoch auch: „Der Wolff, der brennt!“

Hinsichtlich des Spiels gegen Frankreich, das Kretzschmar live begleiten wird, scherzte der 218-malige Nationalspieler: „Wenn Andi Wolff da nicht startet, dann glaube ich an gar nichts mehr. In dem Moment, in dem das passiert, würde ich den Glauben an alles verlieren. Das kann ich mir nicht vorstellen. Andi Wolff wird dieses Spiel beginnen und wird es zu seinem Spiel machen.“

Mertens und Zerbe ebenfalls geschont

Versöhnlicher fiel die Einschätzung zur Schonung der beiden Außenspieler Mertens und Zerbe aus. Beide hatten im Laufe des Turniers hin und wieder mit kleineren Wehwehchen zu kämpfen. Mertens fiel zudem gegen Norwegen unglücklich auf die Schulter.

Kretzschmar erzählte, er habe vor dem Spiel mit Gislason telefoniert. Dieser habe ihm berichtet, dass sich Zerbe „gerade mehr bei den Physios als beim Training“ aufhalte. „Der scheint wirklich angeschlagen zu sein.“ Ähnlich verhalte es sich bei Mertens.

Experte Florian Schmidt-Sommerfeldt gab zudem Hintergründe zum Verzicht auf Zerbe. Ihm sei aus dem Teamumfeld gesagt worden: „Wir können Zerbe nochmal 50 Minuten durchrennen lassen, dann reißt vielleicht was. Das finde ich dann schon bedenklich.“

Hens brachte darauf antwortend Gedanken zum Ausdruck, mit denen er vielen Fans aus der Seele sprach. „Ich sage nur, was du als Außenstehender denkst.“ Und diese Außenwirkung ist es womöglich, die schwerer als die Personalrochade und die Niederlage wiegt.

Handball-EM: Die Highlights der deutschen Spiele, der Halbfinals und des Finales auf SPORT1.de und in der SPORT1 App