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Handball-EM: Ihn wollte Wolff nicht auffressen

Ihn wollte Wolff nicht auffressen

Beim Sieg gegen Norwegen überstrahlt die Leistung von Deutschlands Torwart Andreas Wolff alles. Doch im Schatten dessen erspielt sich ein Teamkollege sein zuletzt so schmerzlich vermisstes Selbstvertrauen zurück.
Mit dem Sieg gegen Norwegen ist das Halbfinale für die DHB-Auswahl greifbar. Mit Dänemark und Frankreich warten aber zwei Schwergewichte in den restlichen Spielen der Hauptrunde.
Beim Sieg gegen Norwegen überstrahlt die Leistung von Deutschlands Torwart Andreas Wolff alles. Doch im Schatten dessen erspielt sich ein Teamkollege sein zuletzt so schmerzlich vermisstes Selbstvertrauen zurück.

Andreas Wolff hätte nach seiner EM-Gala gegen Norwegen eigentlich bester Laune sein können: Mit 22 teils schier unglaublichen Paraden führte er Deutschland zum zweiten Sieg im zweiten EM-Hauptrundenspiel, mit 6:0 Punkten thront das DHB-Team sogar vor den Topfavoriten aus Dänemark und Frankreich an der Tabellenspitze. Wolff wurde zudem wenig überraschend zum Mann des Spiels gewählt.

Doch mit großen Teilen der Leistung, insbesondere in der Offensive, war er überhaupt nicht einverstanden. „Wenn wir jetzt noch anfangen Angriff zu spielen“, begann er einen Satz, der einen klaren Adressaten hatte. „Die ein oder andere Szene hat mich nicht begeistert“, sagte er über Abpraller, die nach seinen Paraden direkt wieder beim Gegner landeten. Zudem attestierte er der Mannschaft „fehlende Cleverness“.

In sein Klagen, warum er denn „immer die Lebensversicherung sein“ müsse, mischte sich zumindest das Lob für eine „tolle Moral“ – und die Leistung einzelner Teamkollegen. Hatten Franz Semper und Nils Lichtlein das Spiel in der ersten Halbzeit belebt, war es Marko Grgic, der in Durchgang zwei das wenige Rampenlicht, das Wolff noch übrigließ, einnahm.

Handball-EM: Er erhält von Wolff ein Sonderlob

„Es war sehr wichtig für uns, dass Marko Grgic heute gezündet hat. Er hat genau die Qualitäten gezeigt, die wir uns von ihm erhoffen. Da hat er gezeigt, warum er so wichtig für uns sein kann“, schwärmte der sonst eher knurrige Wolff.

In der Tat war es bisher nicht das Turnier des Neu-Flensburgers gewesen, der neben größtmöglichem Talent auch den Arbeitseifer mitbringt, der deutschen Mannschaft enorm zu helfen.

Von wenigen Lichtblicken abgesehen, brachte Grgic bisher bei der EM noch keinen Fuß auf den Boden. Trainer Alfred Gislason sprach ihm immer wieder das Vertrauen aus und warf ihn rein, zurückzahlen konnte er dies kaum. Zudem sprang mit Miro Schluroff ein anderer wurfgewaltiger Rückraumspieler in die Bresche und überzeugte auf ganzer Linie. Entsprechend verdiente sich der Gummersbacher auch das Startmandat gegen Norwegen.

Doch ausgerechnet gegen die Skandinavier war es Schluroff, der strauchelte. Er fand nicht zu seinem gewohnt konsequenten Abschluss, traf Fehlentscheidungen und schaffte es nach starker Leistung gegen Portugal kein einziges Mal, sich in die Torschützenliste einzutragen. Nur einmal warf er überhaupt aufs Tor.

Deutsches Team kümmern sich um das Sorgenkind

Nach einer Halbzeit hatte Gislason genug gesehen und stimmte Grgic darauf ein, dass er fortan gefragt sein wird.

„Ich habe auch mit ihm gesprochen“, sagte der Isländer im Anschluss. Die Inhalte seien aber „unter mir und Marko“ geblieben. Zudem, so verriet es Grgic, habe Semper das Gespräch mit ihm gesucht.

„Ich wurde in den vergangenen Tagen viel aufgebaut. Ich habe eigentlich gehofft, dass ich das nicht brauche und es selbst schaffe, aber Franz Semper hat in der Halbzeit gesagt, dass wir dir als Mannschaft den Rücken freihalten.“ Dies habe ihm „noch mal mehr ein gutes Gefühl gegeben, dass ich einfach laufen lassen konnte“.

Und wie Grgic laufen ließ: Sieben seiner neun Würfe fanden den Weg ins Tor. Immer wieder fand Grgic Lösungen, als das deutsche Angriffsspiel mächtig erlahmte. Der Ballfluss stockte, doch der gebürtige Saarländer schaffte es stets aufs Neue, aus schwierigen Positionen, im Zeitspiel und mit der notwendigen Prise Glück den Ball im Netz unterzubringen. Beim Stand von 17:19 trat er erstmals in Erscheinung, zehn Minuten und fünf Grgic-Tore später stand es 25:21!

Bei Gislason ist der Glaube daran groß, dass der 22-Jährige nun endgültig im Turnier angekommen ist: „Er hat bis jetzt sehr mit sich gehadert, weil er unzufrieden war mit sich selbst. Ihm fehlte das Selbstvertrauen, zum Tor zu gehen. Jetzt hatte er aber ein unglaublich wichtiges Spiel für uns, eine Riesenleistung. Ich denke schon, dass es sein Turnierdurchbruch war. Wenn er nach so einer Leistung kein Selbstvertrauen hat, dann weiß ich es nicht. Vertrauen von uns hat er die ganze Zeit bekommen.“

Das Lob seines Trainers nahm Grgic gerne an, den Zeitpunkt für Selbstlob sieht Grgic aber noch lange nicht gekommen.

„Ich darf mal den Ball flachhalten.“ Die gute Leistung freue ihn, sein Gemüt habe dies „vielleicht ein bisschen gebraucht“, aber „ich möchte das gerne konstant bringen und nicht wieder 15 Spiele warten, bis das nächste gute Spiel kommt“. Zudem sei es ihm gar nicht mal unrecht, dass Wolffs Leistung die eigene überstrahle.

„Man kann auch gerne weiter über Andy reden. Das war nochmal vier, fünf Klassen besser als das, was ich gemacht habe“, scherzte er.

Einer zieht immer Deutschlands Karren aus dem Dreck

Positiv: Das Innenklima in der Mannschaft stimmt. Einer von Grgics wichtigsten Gesprächspartnern ist Justus Fischer, der auf die Bedeutung dieses Austauschs hinwies.

„Ein paar junge Spieler sind noch nicht zu 100 Prozent in der Nationalmannschaft angekommen, wenn man sieht, was im Verein möglich ist.“ Deshalb sei es „super wichtig, dass man sich gegenseitig unterstützt. Da haben wir eine ganz coole Symbiose gefunden und nutzen das zu unserem Vorteil.“

In das Lob für seinen Kollegen mischte Juri Knorr hingegen auch seine Unzufriedenheit mit den gezeigten Offensivleistungen. „Wir können uns irgendwie in jedem Spiel darauf verlassen, dass einer kommt und den Karren aus dem Dreck zieht. Wir sind nicht gut genug, um das in einer Aufstellung durchzuspielen. Wir brauchen jeden Mann.“ Dies dürfte umso mehr für das anstehende Spiel gegen Weltmeister Dänemark gelten.

Dass das Selbstvertrauen zumindest wieder ein Stück weit zurückgekehrt ist, machte Grgic dann aber doch noch deutlich mit Blick auf die Aufgaben gegen Dänemark und Frankreich.

„Wir haben jetzt zwei Hammer-Spiele, aber wir müssen uns vor keinem Team verstecken. Von solchen Spielen träumt jeder Junge“, sagte er.

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