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Handball: Flensburg-Coach Machulla über Abgänge, Transfers und Bundesliga-Änderungen

Star-Flucht: „Betrachten das mit Sorge“

Immer mehr Bundesliga-Stars entscheiden sich für einen Wechsel in Richtung Skandinavien. Maik Machulla, Trainer der SG Flensburg-Handewitt, spricht im SPORT1-Interview über die neue Konkurrenz und Flensburgs Transfer-Strategie.
Die Handball-Bundesliga behauptet, sie sei die stärkste Liga der Welt. Stimmt das noch? Einige Stars zieht es bereits ins Ausland.
Immer mehr Bundesliga-Stars entscheiden sich für einen Wechsel in Richtung Skandinavien. Maik Machulla, Trainer der SG Flensburg-Handewitt, spricht im SPORT1-Interview über die neue Konkurrenz und Flensburgs Transfer-Strategie.

Die Handball-Bundesliga verliert in den kommenden Jahren zahlreiche hochkarätige Spieler.

Niklas Landin verlässt den THW Kiel 2023 nach Dänemark. Andere Athleten wie Sander Sagosen oder Magnus Rod schließen sich dem neuen Team aus Kolstad an. (News: Alles Wichtige zum Handball)

Somit müssen die Bundesliga-Teams nun bei der Kaderplanung umdenken. Besonders betroffen von den neuen Rivalen aus Skandinavien sind der THW Kiel und die SG Flensburg-Handewitt.

Flensburgs-Trainer Maik Machulla spricht im SPORT1-Interview über die Folgen der Abgänge, den neuen Konkurrenten aus Norwegen und die Stärke der deutschen Handball-Bundesliga. Diese müsse sich aber in einem Bereich dringend verbessern.

Machulla zur neuen Konkurrenz: „Macht es schwerer“

SPORT1: Herr Machulla, es war bereits bekannt, dass Magnus Rød und Goran Søgard Flensburg in Richtung Kolstad verlassen. Nun geht auch Simon Hald nach Aalborg. Wie sehen Sie die neue Konkurrenz im Norden?

Maik Machulla: Wir betrachten das mit Sorge, weil wir eine klare Philosophie und Strategie haben. Aufgrund der Tradition und der Nähe zu Dänemark und Skandinavien ist das naheliegend, skandinavische Spieler zu verpflichten. Das ist das, was uns über viele Jahre ausgemacht hat. Es war schon in der Vergangenheit nicht einfach, da wir mit Kiel immer große Konkurrenz hatten. Jetzt ist es so, dass die dänische Liga breiter und stärker wird. Das macht es schwerer, dänische Top-Talente für die deutsche Liga zu begeistern. Da spreche ich nicht nur über Flensburg, sondern auch andere deutsche Vereine. Das betrachten wir mit Sorge, da dann auch Spieler wie Søgard, Hald und Rød, die alle im besten Handball-Alter sind, relativ früh die Liga verlassen.

SPORT1: Der Klubhandball in Dänemark und Norwegen wächst. Das ändert Flensburgs Transfer-Strategie - aber freuen Sie sich dennoch, dass nun neue internationale Gegner dazukommen?

Machulla: Natürlich. Es ist für Spieler natürlich gut, da es nun einen breiteren Markt gibt - und auch in verschiedenen Ländern. Mit Veszprem, Paris und Kielce gibt es in jedem Land ein Top-Team. Darauf beschränkt es sich bisher. Die breite Masse spielt aber in der Bundesliga. Wenn jetzt andere Ligen mit interessanten Teams wie Elverum, Kolstad und Aalborg dazukommen - und da spreche ich nicht nur von Aalborg, sondern auch von anderen dänischen Mannschaften. Bei Aalborg muss man sagen, dass sie mit ihren bisherigen Verpflichtungen absolut ein Kandidat sind, um spätestens ab 2023 die Champions League zu gewinnen. Sie waren letztes Jahr im Finale, jetzt wieder in der Gruppenphase auf Platz 1 und haben nun auch noch den besten Keeper Niklas Landin verpflichtet. Die Konkurrenz wird breiter und wird größer.

„Mit Geld alleine gewinnst du keine Titel“

SPORT1: Wie sehen Sie das neue Projekt in Kolstad? Schließlich haben die mit neuen Geldgebern quasi alles verpflichtet, was im norwegischen Handball Rang und Namen hat.

Machulla: Wir können uns nicht darüber beschweren, dass Leute Geld übrig haben und damit etwas Sinnvolles machen, in den Sport investieren und sich dann den Handballsport aussuchen. Das ist für die Sportart sehr schön. Das Problem ist nur, dass wir alle daran interessiert sind, unsere Mannschaften stabil und stark aufzustellen. Dass wir alle diese Spieler zu uns geholt haben und sie in ihrer Entwicklung extrem unterstützt haben. Und auf dem Höhepunkt, an dem wir anfangen, wirklich von ihnen zu profitieren, weil sie richtige Führungsspieler geworden sind, verlassen sie uns wieder. Wir haben „die Ausbildung gemacht“, sie aufs Top-Niveau gebracht und jetzt geht es woanders hin.

SPORT1: Ärgert man sich als ausbildender Verein sehr darüber?

Machulla: Das ist nun einmal im Leistungssport so. Es gibt keine Garantie. Und was es im Leistungssport auch nicht mehr gibt, ist Dankbarkeit. Da können wir uns auch alle von verabschieden. Ich finde es immer gut, wenn sich Leute engagieren und Visionen haben. Und wenn man in Kolstad sagt, wir wollen in fünf, sechs Jahren die Champions League gewinnen, ist das ein sehr anspruchsvolles Ziel. Die anderen Mannschaften müssen noch härter arbeiten, noch besser scouten und ihren Job noch besser machen. Eins ist aber auch klar - und das zeigt die Historie: Nur alleine mit Geld gewinnt man keine Titel. Und was noch ein Punkt ist: Am Ende können auch nur 15, 16 Spieler in Kolstad, Aalborg oder woanders spielen. Also gibt es noch genug andere, die übrig bleiben.

Das macht Einbindung deutscher Spieler knifflig

SPORT1: Richtet sich der Fokus nun noch stärker auf den deutschen Markt?

Machulla: Wir versuchen immer auch, deutsche Spieler einzubinden. Das ist nur nicht immer einfach, weil deutsche Spieler oft schon in guten Vereinen spielen. Auf der anderen Seite gibt es auch viele Spieler, die noch nicht dieses Niveau Champions League erreicht haben und in diesem Rhythmus spielen. Es ist also immer so eine Mischung. Mit Johannes Golla haben wir damals einen absoluten Volltreffer gelandet. ihn haben wir aus Melsungen verpflichtet, als er noch ein junger Spieler war. Wir haben viel Potenzial in ihm gesehen und er hat das absolut bestätigt. Franz Semper war auch auf dem Weg, Nationalspieler zu werden, bevor er sich bei uns verletzt hat.

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SPORT1: Mit Blaz Blagotinsek hat Flensburg einen slowenischen Spieler verpflichtet. Schauen Sie jetzt also auch wieder mehr nach Osteuropa?

Machulla: Wir gucken schon immer international und nicht nur in Skandinavien. Das wäre sonst fahrlässig. Mit Simon Hald verlieren wir jemanden, der eine unglaubliche Präsenz in der Abwehr hat. Dazu kommt seine Physis und mittlerweile auch seine große Erfahrung . Ich wollte gerne einen Spieler, der genau dasselbe Profil aufweist. Mit Blaz Blagotinsek kommt nun so ein Spieler zu uns und das ist nicht nur schön für Flensburg. Es ist schön für die ganze Liga, dass sich solch ein Spieler auch mal entscheidet, von Veszprem den Weg in die Bundesliga zu gehen - und nicht der Tendenz zu folgen, dass die Top-Spieler alle die Bundesliga verlassen und woanders teilweise mehr Geld verdienen. Aber wir müssen auch deutlich sagen, dass viele die Liga verlassen, weil sie von der Belastung her anderswo weniger gefordert sind als in der Bundesliga. Das müssen wir auch so feststellen und dort besser werden.

„Die HBL-Saison kann bis Mitte Mai fertig sein“

SPORT1: Es wurde in dem Zusammenhang schon diskutiert, ob man die Liga verkleinern soll oder eine andere Aufteilung vornimmt, um weniger Spiele zu haben. Wie sehen Sie das?

Machulla: Ich muss ehrlich sagen, dass ich nicht unbedingt von einer Verkleinerung sprechen würde, da dann wirtschaftliche Aspekte hinzukommen. Es ist immer diese Balance, die wir finden müssen. Die Spieler wollen alle gutes Geld verdienen, also muss der Verein auch Geld erwirtschaften. Was ich jedes Jahr aber sage: Wir haben einen Spielplan von September, Oktober, November, nach dem wir jeden dritten Tag ein Spiel haben. Das ist ein Ritt auf der Rasierklinge. Wir verheizen die Spieler, rennen drei Monate wie die Verrückten durch die Hallen, sitzen nur im Bus oder Flieger und können kaum trainieren. Und jetzt haben wir im April drei Wochen lang kein Bundesliga-Spiel. Nationalmannschaftspause, dann eine Woche kein Spiel, dann ist das Final Four in Hamburg und dann noch eine Woche ohne Spiel.

SPORT1: Wie würde Ihr Lösungsansatz lauten?

Machulla: Man könnte die Saison in dem Rhythmus, den wir im Herbst haben, so durchziehen und vielleicht sogar Mitte Mai die Saison beenden. Die Jungs hätten eine richtig lange Sommerpause, in der sie regenerieren können, Grundlagen aufbauen und sich mental erholen können. Diese Saison zieht sich nämlich wie ein Kaugummi bis Mitte Juni. Wenn es gut läuft, haben die Jungs noch viereinhalb Wochen Pause und dann geht die ganze Maschinerie wieder von vorne los. Da könnten wir viel besser den Spielplan gestalten und es viel, viel kompakter halten. Siehe das Beispiel NBA, die auch unglaublich viel spielen, dann aber auch eine richtig lange Sommerpause haben.

SPORT1: Mit Flensburg und dem THW Kiel sind zwei Teams im Viertelfinale der Champions League, Magdeburg steht als einziges deutsches Team in der European League im Viertelfinale. Ist die HBL noch die beste Liga der Welt?

Machulla: Es ist keine Liga dabei, die der deutschen Liga auf Augenhöhe begegnen kann. Kiel, Flensburg, Magdeburg, Berlin - das sind alles Teams, die phasenweis auf Augenhöhe mit den Top-Teams in Europa spielen. Wir brauchten gegen den ungarischen Meister Szeged zwei sehr gute Spiele, um uns durchzusetzen - das haben wir geschafft. Aber die ungarische Liga werden Szeged und Veszprem die nächsten zehn Jahre dominieren. Das wird in der Bundesliga nicht so sein. Wir müssen uns zu 100 Prozent vorbereiten, um ein Spiel in Balingen zu gewinnen. Aber es ist fast ausgeschlossen, dass Veszprem zwei Punkte bei einer Mannschaft, die gegen den Abstieg kämpft, liegen lässt. Dort ist der Niveau-Unterschied zu groß. Das Gleiche gilt für Barcelona. Die marschieren durch die Liga und der Hauptfokus liegt auf der Champions League. In der Breite haben wir sicherlich die stärkste und interessanteste Liga der Welt. Ich möchte Barcelona gerne mal mit dem Rhythmus in der Bundesliga und den Auswärtsfahrten sehen - jede Halle ist voll und dazu mit diesem Druck.

SPORT1: Dies kritisierte zuletzt auch der Spielmacher Flensburgs Jim Gottfridsson, der seine Wechselambitionen die Bundesliga verlassen zu wollen, kundgetan hat. Wie bewerten Sie seine Aussagen und wie gehen Sie mit diesen Gedanken um?

Machulla: Diese Gedanken hat ja nicht nur Jim Gottfridsson, sondern viele stark beanspruchte Spieler in der HBL. Die vielen Nationalspieler innerhalb der Bundesliga und gleichzeitig Champions-League-Vereine sind natürlich stärker belastet als ihre Kollegen in den anderen europäischen Spitzenteams. Das ist die Herausforderung, der wir uns als Verein jedes Jahr stellen müssen.

SPORT1: Er beklagt auch mangelnde Kommunikation seitens des Vereins zu seinen Wechselwünschen?

Machulla: Natürlich weckt ein Spieler wie Jim Gottfridsson, der in den letzten Jahren konstante Topleistung bringt, Begehrlichkeiten anderer europäischer Topklubs. Das trifft aber für den Großteil unserer Spieler in Flensburg zu. Aus unserer Sicht besteht aktuell kein Handlungsbedarf, da weder Anfragen noch konkrete Angebote vorliegen. Zudem hat Gottfridsson 2019 einen langfristigen Vertrag bis 2025 unterschrieben, dies war explizit sein Wunsch. Wir sind sehr froh, ihn so langfristig bei uns zu haben, da er eine wichtige Säule des kommenden Umbruchs in 2023 sein wird.