Die Sommerpause hatte sich Kentin Mahé vermutlich anders vorgestellt. Statt Abschalten und Vorfreude auf die neue Saison standen Telefonate und Ungewissheit auf der Tagesordnung. Anfang Juli hatten sich der VfL Gummersbach und der französische Olympiasieger, Welt- und Europameister überraschend mit sofortiger Wirkung getrennt. Für einige Tage stand der 35-Jährige ohne Verein da und meldete sich arbeitslos.
Kentin Mahé exklusiv: "Zugegeben, die Formulierung war drastisch"
„Das macht die Bundesliga besonders“
Inzwischen ist wieder Ruhe eingekehrt. Zehn Tage nach seinem Abschied aus dem Oberbergischen Land wechselte der Routinier zu den Rhein-Neckar Löwen. Nach 328 Bundesligaspielen und 941 Toren schlägt Mahé damit ein weiteres Kapitel seiner Karriere auf – und startet am Sonntag im DHB-Pokal beim SV Kornwestheim in die neue Saison.
Im Gespräch mit SPORT1 blickt er auf die turbulenten Wochen zurück, spricht über den Neustart in Mannheim und bewertet das Titelrennen in der Bundesliga.
SPORT1: Herr Mahé, Sie sind vom VfL Gummersbach zu den Rhein-Neckar Löwen gewechselt. Wie sehr brennen Sie auf den Saisonstart?
Mahé: Ich glaube, da spreche ich für nahezu jeden Profi: Nach einer Vorbereitung freuen sich alle auf den ersten Pflichtspieltag. Die Vorbereitung und die Arbeit davor gehören dazu, keine Frage. Ich habe überhaupt kein Problem mit harten Einheiten, Krafttraining oder Laufeinheiten. Im Gegenteil, das macht mir sogar Spaß. Aber man geht jedes Jahr mit einer gewissen Naivität in die Vorbereitung und denkt: Das wird schon. Und dann merkt man schnell wieder, wie hart sie wirklich ist (lacht).
Mahé: „Die Mannschaft hat mich hervorragend aufgenommen“
SPORT1: Seit Mitte Juli sind Sie nun in Mannheim.
Mahé: Bisher läuft es sehr gut. Die Mannschaft hat mich hervorragend aufgenommen. Ich bin eigentlich ein pflegeleichter Typ, der mit den unterschiedlichsten Charakteren gut zurechtkommt und immer versucht, das Positive im Menschen zu sehen. Da fiel mir die Integration leicht. Wir haben eine richtig gute Truppe zusammen. Die Stimmung ist toll, die Jungs ziehen mit und alle arbeiten in die gleiche Richtung. Man spürt, dass jeder bereit ist, einen Schritt für den anderen mitzugehen. Exakt dieses Gefühl wollen wir uns über die gesamte Saison bewahren.
SPORT1: Warum waren ausgerechnet die Rhein-Neckar Löwen der richtige Verein für diesen Neuanfang?
Mahé: Am Ende war die sportliche Perspektive einfach sehr reizvoll. Als die Möglichkeit aufkam, zu den Löwen zu wechseln, hatte ich sofort das Gefühl, dass ich diese Chance nutzen möchte. Ich habe aber nie ein Geheimnis daraus gemacht, wie wichtig mir meine Familie ist. Wir hatten ursprünglich ausgeschlossen, dass ich mich räumlich von meiner Frau und meinen Kindern entferne. Andererseits hat sich bei den Löwen eine spezielle Möglichkeit ergeben. Die Distanz ist eine Herausforderung, aber sie lässt sich bewältigen. Von Mannheim nach Gummersbach sind es knapp drei Stunden und bisher bekommen wir diesen Spagat gut hin.
So begründet Mahé seinen Wechsel
SPORT1: Sie haben Ihren Wechsel mit den Worten begründet, Sie hätten diesen „langsamen Tod“ nicht sterben wollen. Was genau meinten Sie damit?
Mahé: Zugegeben, die Formulierung war ziemlich drastisch (lacht). Aber sie beschreibt ganz gut, wie ich mich damals gefühlt habe. Ich hatte in Gummersbach einen Vertrag über drei Jahre unterschrieben und mir die Entwicklung anders vorgestellt. Der Verein sicherlich auch. Also kamen wir an einen Punkt, an dem für beide Seiten klar wurde, dass eine Veränderung sinnvoll wäre. Mit diesem „langsamen Tod“ meinte ich vor allem die Gefahr, nach und nach an Bedeutung zu verlieren. Irgendwann bekommt man womöglich nicht mehr die Aufgaben, die man sich wünscht, spielt eine kleinere Rolle und verschwindet langsam aus dem Fokus. Und dann kam der Anruf aus Mannheim. Das war für mich ein Zeichen: Ja, super. Du kannst allen noch einmal zeigen, was du draufhast. Und es dir selbst beweisen.
SPORT1: Wie groß war die Erleichterung, als der Anruf von Löwen-Cheftrainer Maik Machulla kam? Es hieß, bei der Kontaktaufnahme habe es zunächst Probleme gegeben, weil er Ihre aktuelle Nummer nicht hatte.
Mahé: Das war tatsächlich ganz lustig. Wir hatten uns nie aus den Augen verloren, aber Maik wohl noch irgendeine alte Nummer von mir gespeichert, vielleicht noch meine ungarische. Deshalb hat er mich zunächst nicht erreicht und musste sich von Jacob Heinl helfen lassen. So lange hat es letztlich gar nicht gedauert. Für die Geschichte war das aber lustig, weil ich mich mit Jacob extrem gut verstehe und wir bis heute immer wieder Dinge zusammen machen.
SPORT1: Danach ging alles ganz schnell.
Mahé: Turboschnell. Zwischen dem ersten Kontakt und der Unterschrift lagen gerade einmal vier oder fünf Tage. Damit hatte ich selbst nicht gerechnet.
Mahé: „Möchte vor allem wieder das Feuer in mir selbst entfachen“
SPORT1: Hat Ihnen Machulla schon eine konkrete Rolle für die Saison aufgezeigt?
Mahé: Ja, sehr klar sogar. Für mich war wichtig zu verstehen, was seine Idee ist und weshalb er mich bei den Löwen sieht. Ich gehe ja nicht in ein neues Arbeitsverhältnis, ohne zu wissen, was von mir erwartet wird. Die Gespräche waren von Anfang an sehr offen und transparent. Maik wusste genau, welche Rolle ich einnehmen soll und warum ich gut zu diesem Team passe.
SPORT1: Und dieses Gefühl hat sich bestätigt?
Mahé: Total. Ich merke jeden Tag, dass ich hier etwas einbringen kann: meine Identität als Spieler, meine Erfahrung und meine Art, Handball zu spielen. Es macht mir großen Spaß mit den Jungs. Wir haben einen sehr ausgewogenen Kader und viel Qualität auf allen Positionen. Deshalb glaube ich, dass wir eine gute Saison spielen können.
SPORT1: Die Rhein-Neckar Löwen wurden in der vergangenen Saison Achter. Welche Ziele setzen Sie sich persönlich und der Mannschaft?
Mahé: Natürlich sprechen wir intern über unsere Ziele. Aber wir tragen sie bewusst nicht groß nach außen. Wir wollen die Sache mit der nötigen Demut angehen. Klar ist: Alle arbeiten daran, dass es besser wird. Das gilt für das „Team hinter dem Team“ genauso wie für die Mannschaft in der Trainingshalle und im Kraftraum. Der Anspruch ist bei allen da.
SPORT1: Und persönlich?
Mahé: Ich möchte vor allem wieder das Feuer in mir selbst entfachen. Wieder richtig Spaß am Handball haben, Emotionen zeigen und die Energie auf die Platte bringen, die mich immer ausgezeichnet hat. Das ist in den vergangenen Monaten ein Stück weit verloren gegangen. Jetzt freue ich mich darauf, genau das wiederzufinden.
Titelfavorit? Mahé gibt klare Meinung ab
SPORT1: Wer ist für Sie der Favorit auf die deutsche Meisterschaft?
Mahé: Da gibt es für mich keine zwei Meinungen: Am SC Magdeburg führt aktuell kein Weg vorbei. Auch wenn der THW Kiel mit voller Konzentration auf Bundesliga und Pokal ein gewaltiger Konkurrent ist, sehe ich Magdeburg vorne.
SPORT1: Dahinter scheint vieles offen zu sein.
Mahé: Absolut. Wir spielen mittlerweile in einer Liga, in der acht oder neun Mannschaften realistisch um die ersten Plätze mitspielen können. Diese Breite ist schon außergewöhnlich. Vor zehn Jahren war das noch anders. Damals ging es oft zwischen Flensburg, Kiel und den Rhein-Neckar Löwen um die Meisterschaft. Heute gibt es wesentlich mehr Teams, die das Potenzial für die Top-Drei haben.
SPORT1: Die Bundesliga gilt längst als stärkste Liga der Welt. Ist sie noch stärker geworden?
Mahé: Ja, definitiv. Berlin hat ein beeindruckendes Projekt aufgebaut, Melsungen ist unter Roberto García Parrondo enorm stabil geworden, Gummersbach hat sich dauerhaft im oberen Bereich etabliert und Flensburg rüstet auf wie kaum ein anderer Verein. Dazu kommen die Schwergewichte Kiel und Magdeburg. Die Leistungsdichte ist unglaublich hoch. Genau das macht die Bundesliga so besonders.
SPORT1: Welche Mannschaft könnte in dieser Saison für die größte Überraschung sorgen?
Mahé: Wir.
SPORT1: Weil Sie was genau optimistisch macht?
Mahé: Die Mannschaft.
SPORT1: Eine sehr klare Aussage.
Mahé: Und eine sehr detaillierte (lacht). Wir wollen lieber Leistung zeigen, als große Reden zu schwingen.