Dieser Klub macht Europa verrückt

Dieser Klub macht Europa verrückt

Halb Europa jagt Eduardo Camavinga und Jérémy Doku von Stade Rennes. SPORT1 wirft einen Blick hinter die außergewöhnliche Talentschmiede.
Über kurz oder lang ist zu erwarten, dass Eduardo Camavinga den nächsten Karriereschritt wagt. Halb Europa soll großes Interesse am 17-Jährigen haben.
Mega-Talent Camavinga: Darum hat Bayern ihn auf dem Zettel
02:17
Niklas Niendorf
Maximilian Schwoch
von Maximilian Schwoch, Niklas Niendorf
am 14. Juli

In Zeiten immer höher werdender Ablösesummen passen immer mehr Top-Klubs ihre Transferstrategie an. 

Auch wenn der Transfermarkt durch die Corona-Pandemie in der jüngeren Vergangenheit einen kleinen Einbruch erlebte und die ganz großen Ablösesummen zum großen Teil ausblieben, so dürften sich die Ausgaben in nicht allzu ferner Zukunft wieder auf dem Niveau vor Corona einpendeln. 

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Camavinga ist heiß begehrt

Da nicht jeder Klub diesen Ablösewahnsinn mitgehen kann, wird es immer wichtiger, Toptalente möglichst früh – und damit auch möglichst günstig – zu erwerben. Das bedeutet zum einen, dass Ablösesummen für Teenager in der jüngeren Vergangenheit exorbitant angestiegen sind.  

Zum anderen rücken vermehrt die Klubs in den Fokus, die auf Ausbildung junger Talente setzen. In diesem Sommer wird sich viel auf den französischen Klub Stade Rennes konzentrieren. Der Klub aus der Bretagne hat sogar gleich mehrere heiße Eisen im Feuer.  

Mit Eduardo Camavinga steht das französische Supertalent schlechthin in den Reihen des Tabellensechsten der abgelaufenen Spielzeit. Er debütierte bereits mit 16 Jahren in der Ligue 1, in diesem Sommer will der 18-Jährige voraussichtlich den nächsten Schritt gehen. Camavinga steht bei sämtlichen Top-Klubs auf dem Zettel, Rennes dürfte trotz nur noch einem Jahr Vertragslaufzeit eine stattliche Ablösesumme erhalten. 

Eduardo Camavinga (l.) steht auf dem Zettel zahlreicher Top-Klubs
Eduardo Camavinga (l.) steht auf dem Zettel zahlreicher Top-Klubs

Rennes setzt nicht nur auf Eigengewächse

Die talentierten Spieler von Stade Rennes haben auch diverse Bundesligisten auf dem Zettel. Borussia Mönchengladbach hat laut Footmercato ein Auge auf den französischen U21-Nationalspieler Faitout Maouassa geworfen.

Der 23 Jahre alte Linksverteidiger soll sich bereits in Gesprächen mit dem Verein befinden.

Auch Jeremy Doku steht aktuell im Fokus des öffentlichen Interesses. Der 18-Jährige machte bei der EM im belgischen Nationaltrikot beim Viertelfinalspiel gegen Italien nachhaltig auf sich aufmerksam. Mit seinen Dribblings und seinem Tempo stellte Doku die italienische Abwehr vor große Probleme. 

Doku ist dabei kein Eigengewächs im klassischen Sinne. Er kam zu Beginn der abgelaufenen Saison für 26 Millionen Euro vom RSC Anderlecht und ist damit der Rekordtransfer der Franzosen.  

Er verdeutlicht aber die Strategie, die der Bretagne-Klub seit einigen Jahren erfolgreich fährt. Sollte ein Klub Doku in diesem Sommer verpflichten wollen, müsste dieser wohl weit mehr als den Einkaufspreis hinlegen. 

Stade Rennes ging in der Vergangenheit bereits häufiger nach diesem Schema vor – auch bei Ismaila Sarr. Rennes verpflichtete den Senegalesen 2017 für rund siebzehn Millionen Euro. Der talentierte Flügelspieler blühte in Frankreich auf und machte zahlreiche Top-Klubs auf sich aufmerksam.

Zwei Jahre später verkaufte man den mittlerweile 23-Jährigen schließlich mit einem satten Transferplus für insgesamt 30 Millionen Euro an den FC Watford.

Stade Rennes mit ausgezeichneter Jugendarbeit

Neben der Taktik, talentierte Spieler zu verpflichten und diese später für teures Geld zu verkaufen, ist der französische Klub jedoch auch für eine ausgezeichnete Jugendarbeit bekannt.

In der Vergangenheit brachte Rennes bereits Weltstars wie Yoann Gourcuff und Sylvain Wiltord hervor.

Dies war aber kein Zufall: Nahezu jedes Jahr hat Rennes neue Talente im Kader, die früher oder später den Weg zu einem Top-Klub finden.

Sofiane Diop (AS Monaco), Tiemoué Bakayoko (FC Chelsea), Abdoulaye Doucouré (FC Everton) – die Liste der Stars, die von Stade Rennes entwickelt wurden und den Verein später für eine stolze Ablösesumme verließen, ist lang.

Der wohl prominenteste Spieler aus der Rennes-Jugend dürfte jedoch ein anderer sein: Ousmane Dembélé. Für den französischen Nationalspieler kassierte Rennes bis jetzt schon 35 Millionen Euro Ablöse - 15 beim Wechsel zu Borussia Dortmund 2016 und dank einer Klausel weitere 20, als er 2017 zum FC Barcelona ging.

Ousmane Dembélé wurde in der Jugend von Stade Rennes ausgebildet
Ousmane Dembélé wurde in der Jugend von Stade Rennes ausgebildet

Die bemerkenswerte Jugendarbeit von Stade Rennes spiegelt sich auch in den Statistiken wider. Eine Untersuchung des CIES Football Observatory im Dezember 2020 ergab, dass insgesamt 25 Spieler, die von Rennes ausgebildet wurden, in Europas Top-Ligen auflaufen.

Damit liegt der französische Klub europaweit auf Platz sieben.

Hier sticht Rennes Paris Saint-Germain aus

Während beim französischen Primus Paris Saint-Germain oft schon Talente den Verein verlassen, bevor sie sich überhaupt in der ersten Mannschaft beweisen können, schenkt Rennes den Spielern Vertrauen und lässt diese erst ziehen, wenn der Verein finanziell ordentlich davon profitiert.

Aktuell sind lediglich zwei Akteure im Kader über 30 Jahre alt. Das Durchschnittsalter beträgt damit lediglich 22,9 Jahre.

Trotz fehlender Erfahrung im Kader spielt Rennes mit dem Youngster-Team erfolgreichen Fußball. In der letzten Saison sicherte sich der Klub den sechsten Platz, in der vorherigen Spielzeit hatten sich die Rot-Schwarzen gar für die Champions League qualifiziert.

Die konstante Entwicklung des Vereins ist auch Rennes' umtriebigem Besitzer Francois-Henri Pinault zu verdanken. Der Milliardärssohn, der mit Hollywood-Star Salma Hayek verheiratet ist, pflegt einen leisen Führungsstil und meidet öffentliche Auftritte.

Erster Titelgewinn seit 21 Jahren

Die Pinaults (Francois-Henri und sein Vater Francois) haben laut Informationen von Goal und Spox Stade Rennes 1998 für gerade einmal 100.000 Euro gekauft. Nach zwei missglückten Transfers, die den Verein finanziell bluten ließen, verständigte man sich darauf, nicht mehr etliche Millionen Euro in den Verein zu pumpen, sondern stattdessen noch stärker auf die eigene Jugend zu setzen.

Spieler ausbilden, für teures Geld verkaufen und die Einnahmen klug reinvestieren – das war von nun an der Plan von Stade Rennes.

Diesen Weg ging der Verein über die Jahre konsequent weiter und ist damit erfolgreich. 2019 konnte Rennes nach 21 Jahren den ersten Titelgewinn unter der Pinault-Führung feiern.

Ein Verkauf von Camavinga für eine Mega-Ablösesumme könnte nun der nächste Coup von Stade Rennes sein – und damit für eine konstante Weiterentwicklung des Klubs in den nächsten Jahren sorgen.