In den letzten Tagen ist bei Chelsea London ein Szenario eingetreten, vor dem jedem Fußballfan graut: Dass der eigene, erfolgreiche Lieblingsverein von jetzt auf gleich aus dem Olymp stürzen könnte. (Muss Abramowitsch den FC Chelsea verkaufen?)
Premier League: FC Chelsea wegen Roman Abramowitsch vor unsicherer Zukunft
Der „böse Mann“ und Abramowitsch
Beim Klub von Roman Abramowitsch, dem amtierenden Champions-League-Sieger, läuten die Alarmglocken, seit Russland die Ukraine überfallen hat. Grund: Die Nähe des Oligarchen Abramowitsch zum „bösen Mann“, wie Liverpools Trainer Jürgen Klopp am Sonntag Wladimir Putin nannte.
Das ist die Geschichte eines Klubs, die in der Bundesliga wegen der 50+1-Regel von A bis Z unmöglich wäre. Wie konnte es in England so weit kommen? (Reaktionen zum Abramowitsch-Hammer)
Natürlich wird Abramowitsch auf der Insel seit jeher kritisch gesehen. 2003 kaufte er Chelsea für 140 Millionen Pfund. Das entsprach damals rund 200 Millionen Euro. Eine lächerliche Summe, für die man heute gerade mal einen Erling Haaland plus Gehalt für zwei Jahre bekommen würde. (DATEN: Die Tabelle der Premier League)
Abramowitsch jagte sogar Mourinho vom Hof
Abramowitsch legte sich den Klub nicht aus finanziellen Interessen zu, es war ein Hobby. „Ich will mein Geld nicht wegwerfen, aber es geht wirklich darum, Spaß zu haben, und das bedeutet Erfolg und Trophäen“, sagte er in einem seiner seltenen Interviews zur BBC.
Das mit den Trophäen hat er geschafft. Als Abramowitsch Chelsea übernahm (davor hatte er sich übrigens für Tottenham und Arsenal interessiert), stand der Klub vor der Pleite. Seither hat er rund zwei Milliarden Euro in Spieler investiert und in 18 Jahren 14 Trainer verschlissen. Einen zweistelligen Millionen-Posten im Etat machten Jahr für Jahr alleine Abfindungen aus. Zum Vergleich: Der BVB verbrauchte im selben Zeitraum sechs, der FC Bayern fünf Trainer. Freiburg gar keinen.
Personelle Kontinuität ist für Abramowitsch aber zweitrangig, er will kontinuierlich Silberware. Ja, sogar José Mourinho musste im September 2007 den Trainerstuhl räumen, obwohl die Klublegende in der Saison noch kein Pflichtspiel verloren hatte – aber der Portugiese hatte davor „nur“ den Ligapokal und den FA-Cup gewonnen und ein paar kritische Töne geäußert. (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Premier League)
Erfolg hatte Abramowitsch also bei Chelsea, das steht außer Frage. Aber ob er noch den Spaß hat, von dem er im BBC-Interview sprach? Wohl kaum. Seit letzter Woche ist der 55-Jährige Persona non grata in England. Er gilt als enger Vertrauter von Putin und soll ihm im Jahr 2000 sogar geholfen haben, russischer Präsident zu werden.
Abramowitsch als Friedensvermittler?
2005 verkaufte Abramowitsch seine Ölfirma Sibneft für 13 Milliarden Dollar an den umstrittenen Schalker Nicht-Mehr-Sponsor Gazprom – keine Biografie, die einen in diesen Zeiten an die Spitze der Beliebtheitsrangliste katapultiert.
Seine Nähe zu Putin könnte aber auch zum Vorteil werden: „Ich kann bestätigen, dass Roman Abramowitsch von der ukrainischen Seite um Unterstützung beim Erreichen einer friedlichen Lösung gebeten wurde, und dass er seither versucht, zu helfen“, sagt Abramowitschs Sprecher.
Die Fans zittern derweil um ihren Klub im Westen Londons, am Wochenende übergab Abramowitsch, dessen 1,8-Milliarden-Euro-Kredit an Chelsea wie ein Damoklesschwert über dem Verein schwebt, die Kontrolle an Treuhänder des Klubs. Der Labour-Abgeordnete Chris Bryant hatte letzte Woche die Regierung bedrängt, das Abramowitsch-Vermögen und seine Anteile am Premier-League-Dritten einzufrieren. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Premier League)
„Ich glaube, dass die Treuhänder derzeit in der besten Position sind, sich um die Interessen des Vereins, der Spieler, der Mitarbeiter und der Fans zu kümmern“, teilte Abramowitsch auf der Chelsea-Website mit, ohne den Krieg in der Ukraine zu erwähnen.
Tuchel: „Es gibt so viele Ungewissheiten rund um unseren Klub“
Ist das der Anfang vom Ende – und wenn nicht, wie kann es funktionieren? Die „Chelsea Foundation“, die den Klub kontrollieren soll, verwaltet verschiedene Abteilungen des Vereins sowie dessen wohltätige Aktivitäten.
Vorsitzender ist der US-Anwalt Bruce Buck, der auch Chelsea-Vorsitzender ist. Weitere Kuratoren der Stiftung sind die Trainerin der Chelsea-Frauenmannschaft, Emma Hayes, Klub-Finanzdirektor Paul Ramos, der britische NOK-Chef Sir Hugh Robertson, die Leiterin von Fare („Fußball gegen Rassismus in Europa“), Piara Powar, und der Anwalt John Devine.
Die sollen jetzt den Champions-League-Sieger führen? Den Klub von Thomas Tuchel? Der Trainer ist selbst erschüttert und „verunsichert. Es gibt so viele Ungewissheiten rund um unseren Klub und die Situation in Großbritannien, dass es keinen Sinn macht, wenn ich dies kommentiere“, sagte er zwar. Aber „wir sollten nicht so tun, als wäre das kein Problem“.