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Jürgen Klopp vom FC Liverpool im SPORT1-Interview: "So habe ich das noch nie erlebt"

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Jürgen Klopp vom FC Liverpool im SPORT1-Interview: "So habe ich das noch nie erlebt"

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Klopp exklusiv: „Das ist absolut irre“

Klopp exklusiv: „Das ist absolut irre“

Jürgen Klopp spricht im Exklusiv-Interview mit SPORT1 über die verlorenen Endspiele und verrät, was an seiner Mannschaft so speziell ist - und was er einst mit Thomas Tuchel besprach.
SPORT1 hat Jürgen Klopp exklusiv in Liverpool besucht. Im Interview spricht der Erfolgscoach über schmerzhafte Niederlagen, seinen Umgang damit und verrät, warum er und sein Team nach dem verlorenen Champions-League-Finale feierten und was ihn an Eintracht Frankfurt beeindruckt.
Martin Quast
Martin Quast

Jürgen Klopp hat mit dem FC Liverpool und Borussia Dortmund einige Titel gewonnen, aber auch etliche Endspiele verloren.

Im Exklusiv-Interview mit SPORT1 spricht der 55-Jährige über das verlorene Finale in der Champions League gegen Real Madrid und verrät, was den FC Liverpool als Klub ausmacht und was an seiner Mannschaft so speziell ist. (21 Uhr: SSC Neapel - FC Liverpool im LIVETICKER)

Der Star-Trainer gibt auch Einblicke in Beziehungen und Werte. (DATEN: Die Tabelle der Premier League)

Jürgen Klopp über ...

... die Final-Niederlage gegen Real Madrid:

„Ich bin zu lange im Fußball-Geschäft dabei. Zudem hatte ich auch genügend Übung im Verlieren von einigen Endspielen. Es ist nicht so gewesen, dass es das erste Mal war. Deshalb habe ich mich schon vor langer Zeit davon verabschiedet, dass mich ein verlorenes Finale keine Lebenszeit kosten wird. Ich kann es nicht mehr ändern. Und für das Leben ist es wichtig, den Umgang mit Niederlagen zu lernen.“

„Wir verlieren alle, ständig, fast täglich, wöchentlich – in unterschiedlichsten Situationen. Dabei geht es immer nur darum, wie man damit umgeht. Das dürfen wir alle unter der Glasglocke der Öffentlichkeit üben. Jeden, den ich getroffen habe, hat zu mir gesagt: ‚Ihr hätten gewinnen müssen, ihr wart klar besser.‘ Aber das ist Fußball. Im Spiel geht es nicht darum, wer besser ist, wer mehr Spielanteile hat, wer mehr Chancen hat, sondern darum, wer diese nutzt und am Ende das Spiel gewinnt. Und das akzeptieren wir total.“

… über den verlorenen Meisterkampf gegen Manchester City:

„In der Premier League ist es so, dass, wenn man in dreißig Jahren zurückschaut, da nicht steht, dass Liverpool drei Mal Meister ist, sondern zwei Mal ManCity und einmal bis hierhin Liverpool. Aber keiner wird daran zurückdenken, dass wir zwei englische Meisterschaften jeweils nur mit einem Punkt und trotz Rekord-Punktzahl (Anm. d. Red.: 2019 und 2022) verloren haben. Zudem wegen sehr unglücklicher Entscheidungen übers Jahr. So ist Sport eben. Das können wir nicht ändern. Ich habe das schon lange akzeptiert und überhaupt keine Wehmut, sondern vielmehr Lust darauf, es weiter zu probieren und Titel zu gewinnen.“

Ist Neapel eine gefährliche Stadt? Mit dieser Frage am Ende der PK brachte ein Journalist Jürgen Klopp gegen sich auf.
01:12
Champions League: Jürgen Klopp vom FC Liverpool weist Reporter auf PK zurecht

… über Selbstbewusstsein und Gewinner:

„Der Grund, warum ich so selbstbewusst durchs Leben gehen konnte, ist, dass ich nie den Anspruch hatte, perfekt sein zu müssen. Für uns Menschen ist es sehr wichtig, seinen Weg zu finden, um glücklich zu sein. Und wenn man nicht der Beste ist, was ich nie war, muss es aber trotzdem Möglichkeiten geben, dass es mir gut geht. Und das hängt ausschließlich damit zusammen, wie ich mit meinen eigenen Situationen umgehe. Für mich ist ein Gewinner nicht jemand, der ständig gewinnt - die kenne ich überhaupt nicht - sondern derjenige, der es ständig versucht. Und es immer wieder versucht, dranbleibt und dran arbeitet, sich verbessert und Dinge ändert. Das sind für mich Gewinner in allen Lebensbereichen.“ (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Premier League)

… über die verpassten Bundesliga-Aufstiege mit dem FSV Mainz 05:

(schmunzelt) „Als ich als Mainzer Trainer nicht aufgestiegen bin, gab es 50 Prozent, die gesagt haben, wie großartig war das denn, was habt ihr denn für eine geile Saison gespielt. Und die anderen sagten, ja aber, … geschafft habt ihr es trotzdem nicht! Und ein Jahr später wieder (Anm. d. Red.: Platz 4 in der 2. Liga 2002 und 2003). Wir als Verein damals aber, wir als Menschen, haben so viel dazu gewonnen und so viel daraus gezogen. Fürs Leben gestählt, sozusagen! Deshalb ist das für mich der richtige Zugang und deshalb lebe ich genauso. Das heißt: Was die Leute denken, ehrlich gesagt, ist mir ziemlich wurst.“

… über die Feier mit den Reds-Fans nach dem verlorenen Champions-League-Finale:

„Wir haben ja nicht das verlorene Endspiel oder den zweiten Platz in der Premier League gefeiert, sondern wir haben Titel mitgebracht. Wir haben beide nationalen Pokalwettbewerbe gewonnen (Anm. d. Red.: League Cup und FA Cup 2022). Ansonsten wären wir nicht auf den Zug oder auf den Bus gestiegen. Zudem hatten wir wegen der Corona-Pandemie die englische Meisterschaft (Anm. d. Red.: 2020) noch nicht mit unseren Fans feiern können, auch wenn es schon zwei Jahre her ist. Ich wollte ihnen diese Gelegenheit geben, das nochmal gemeinsam mit uns zu feiern.“

„Natürlich wäre es großartiger gewesen, wenn wir am Vorabend noch die Champions League gewonnen hätten - und vielleicht noch eine Woche vorher die Meisterschaft. Keine Frage, ich glaube aber nicht, dass die Stimmung hätte besser sein können, um ehrlich zu sein. Das ist das Verrückte. Das war erneut das, was man zurückbekommt, wenn man ganz viel gibt. So habe ich das noch nie erlebt. Das wird dann maximal wertgeschätzt und genauso gefeiert, als hätte man alles bekommen. Hendo, mein Captain (Jordan Henderson, Anm. d. Red.), hat gesagt, ‚Ich habe wirklich keine Lust auf den Umzug gehabt, aber es hat sich herausgestellt, dass es der beste Tag meines Lebens war. Und genauso haben wir es alle empfunden. Es war absolut verrückt und großartig.“

… über Gündogans Tor zum Titelgewinn für ManCity:

„Wir haben zwei, drei Tage später telefoniert und ich habe Illy zur Meisterschaft gratuliert. Und Illy ist auch vom Platz gekommen und hat gesagt: ‚Ich habe auch nicht mehr daran geglaubt!‘ Und dann ist passiert, was passiert ist. Auch das ist wie im Leben. Wenn du kein Glück hast, dann hast du richtig die Sch**** am Schuh, sagen wir es mal genau so. City hatten an diesem Tag noch das Glück, die Bälle reinzumachen, und wir in dem Fall eben nicht.

Der FC Liverpool muss auswärts beim FC Everton das Merseyside-Derby bestreiten. Reds-Trainer Jürgen Klopp freut sich über Neuzugang Arthur Melo und lobte seine Qualität am Ball.
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Jürgen Klopp über die Erwartungen an Neuzugang Arthur Melo von Liverpool

… über seine genauen Worte an Gündogan:

„Glückwunsch, Penner (lacht). Nein, das ist absolut fein. Ich habe mit keinem von City Probleme. Die haben es genauso verdient, wie wir es verdient hätten. Was in so einem Moment hochkommt: Über die Saison sind ein paar Dinge passiert, als ein paar Sachen gegen uns gelaufen sind, sodass ich an dem Tag gedacht habe: Wollen wir mal hoffen, dass es am Ende nicht entscheidend sein wird. Und dann verdrängst du es wieder und denkst nicht mehr dran. Es gab wirklich krasse Schiedsrichterentscheidungen.“

„Man denkt immer wieder, was ist zu unseren Gunsten gelaufen? (überlegt) Komplett ohne Vereinsbrille. (denkt nach und presst die Lippen zusammen) Wir haben einmal Glück gehabt, einen Elfmeter nicht gegen uns zu bekommen. Wir haben aber schon 2:0 geführt. (Pause) Ansonsten - nichts. Und gegen uns? Klare Handelfmeter, Elfer nicht gegeben. (Kopfschüttelnd) Klare Rote Karten nicht gegen uns gegeben, also für den Gegner. Das kommt in diesem Moment hoch. Das ist menschlich, dass man so kurz denkt. Aber das trage ich nicht lange mit mir herum.“

„Egal, wie auch immer ManCity das Ergebnis holt, ich habe es akzeptiert - es ist verdient. Und umgekehrt ganz genauso. Und ich kann sagen: Heute würde ich hier sitzen und mich keinen Deut anders fühlen, wenn ich Meister geworden wäre und ein zweites Mal die Champions League gewonnen hätte. Das ist auch eine Lehre fürs Leben. Es würde nichts anders aussehen. Das heißt nicht, dass wir es nicht mit aller Macht wieder versuchen werden. Es bedeutet nur, es lohnt sich, es zu versuchen. Aber du musst auch wissen, dass du mal einen gewischt bekommst.“

… über seine vier Final-Teilnahmen in der CL in den letzten 10 Jahren:

„Das ist absolut irre. Eine überragende Bilanz. Ich habe auch zu Thomas (Tuchel) vor dem FA-Cup-Finale (Liverpool gewann im Mai mit 6:5 im Elfmeterschießen, Anm. d. Red.) gesagt, denn es war auch das erste Mal, dass zwei deutsche Trainer sich im Finale eines englischen Pokalwettbewerbes gegenüberstanden. Im League Cup auch. Vor dem Finale haben wir uns abgeklatscht, umarmt und da habe ich ihm ins Ohr gesagt: ‚Es sollte uns nie passieren, dass wir so etwas als selbstverständlich hinnehmen.‘ Das ist Wahnsinn, historisch, und wird auch nicht jedes Jahr vorkommen oder häufig. Es war schon ein geiler Moment.“ (News: Fassungslosigkeit nach Tuchel-Aus)

… über seine zahlreichen Final-Niederlagen in diversen Wettbewerben:

„Offensichtlich bedeutet die Anzahl an Final-Niederlagen, dass ich noch nicht so viele Halbfinals verloren habe.“ (lacht)

… über seine spezielle Mannschaft:

„Die Mannschaft ist bereit und hat das schon mehrfach bewiesen, weit über sich hinaus zu wachsen. In entscheidenden Momenten hat sie unglaubliche Nervenstärke bewiesen und sich toll entwickelt. Die Jungs sind zu einer fantastischen Truppe zusammengewachsen. Keiner dieser Jungs wird sagen: Überall, wo er war, dass es genauso war wie hier. Es ist sehr speziell. Die Verbindungen mit den Fans. Die Verbindungen der Jungs untereinander. Und das in so einem großen Klub, wo man auch denken könnte, alles läuft hochprofessionell ab.“

„Wenn mich Kumpels fragen: ‚Wie ist es so bei euch?‘, dann sage ich: ‚In ganz vielen Bereichen wie eine A-Klasse. Klar, mit besseren Spielern und besseren Trainern. Aber: Vieles dieser ursprünglichen Gründe, die wir alle hatten, um zu kicken, die haben wir uns bewahrt.“ (SERVICE: Das ist Klopps Überraschungstransfer)

… über die Besonderheit des Klubs FC Liverpool:

„Wir machen keinen Riesen-Bohei um das Große und Ganze. Es wird schon genug Aufsehen um uns herumgemacht. Wir haben uns deshalb herausgenommen, alles komplett normal anzugehen, also mit gesundem Menschenverstand einzuschätzen, wie gut es uns geht. Wie großartig es ist, dass der Verein uns die Möglichkeit gegeben hat, solch eine starke Truppe zusammenzustellen. Dieses Trainer-Team, den Staff zusammenzustellen.“

„Es gab zig Möglichkeiten, in denen jemand hätte sagen können: ‚Jetzt aber ist es zu viel! Jetzt noch einen dafür. Noch einen Torwart-Trainer. Wie, du willst noch einen Co-Trainer?‘ Und das ist nie passiert, weil die Dinge natürlich auch begründet werden und nicht aus einer Laune heraus entstehen. Ja, das habe ich auch schon mal gesagt: Es gibt nun mal viel erfolgreichere Trainer als mich. Die scheinen Pokale und Titel zu sammeln und ich sammle Freundschaften, Beziehungen. Und damit bin ich auch glücklich.“

… über ManCitys Top-Transfer Erling Haaland:

„Haaland ist ein außergewöhnlicher Fußballer und natürlich sind sie durch ihn stärker geworden. Man muss nur wissen - das sieht Pep (Guardiola) genauso wie ich -, dass es notwendig ist, die Mannschaft immer mal wieder neu zu mischen. Wir haben auch Spieler dazubekommen und einen (Sadio Mané) verloren, der fast immer gespielt hat. Und das wird Zeit brauchen. Das gilt für City wie für uns. Aber wenn man sieht, wie City spielt, wie die Bälle in den Strafraum reinkommen, wie Erling sich mit seinen langen Gräten in den richtigen Räumen aufhält, ist es kaum zu vermeiden, dass er Tore schießen wird. Sehr viele sogar.“

„City hat aber auch viele Spieler abgegeben und ist auch im Umbruch, sogar mehr als wir. Es gehört dazu, dass man erfolgreiche Mannschaft auffrischt. Sie haben Gabriel Jesus abgegeben, Raheem Sterling auch, der über Jahre eine fixe Größe in Manchester war. Zinchenko ebenfalls. Fernandinho hat aufgehört, oder besser gesagt, ist nach Brasilien zurückgegangen. Das waren wichtige Spieler für City. Und die Saison ist verdammt lang und wird noch einmal unterbrochen durch die WM, kein Mensch hat eine Ahnung …“ (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Premier League)

Erling Haaland ist in der Premier League in absoluter Topform. Pep Guardiola könnte sich dieses Jahr endlich zum Champions-League-Sieger mit Manchester City krönen.
05:34
2nach10: Bricht Erling Haaland Pep Guardiolas Fluch in der Champions League

… über die Entwicklung der Eintracht und den Europapokalsieg:

„Das fällt mir als Mainzer echt schwer, jetzt die Entwicklung von Eintracht Frankfurt zu loben. Aber sie haben es echt gut gemacht. Ich kann mich erinnern, als die Eintracht in Barcelona gespielt hat. Ich habe das Spiel natürlich geguckt. Von wie vielen Leuten, mit denen ich in Frankfurt zusammen studiert habe, ich SMS und Fotos geschickt bekommen habe! ‚Wir sind da!‘ Alle waren sie dort, diese Hornochsen, die ins Stadion gegangen sind und in diesem Fan-Block standen, als ter Stegen rausgelaufen kam und ausgepfiffen wurde. Was wirklich witzig war.“

„Es ist sonst nichts passiert, das darf man nicht vergessen. Also, es war positiver Stress, den die Leute hatten. Es war unglaublich. In Frankfurt ist eine richtige Euphorie ausgelöst worden. Und das hat mich für die vielen Eintracht-Fans, die ich kenne, tatsächlich auch gefreut. Das Spiel war überragend. Sie haben kein dahingestolpertes Ding gewonnen, sondern ein sensationelles Spiel auf den Rasen gelegt und absolut verdient gewonnen. West Ham noch geschlagen. Das waren richtige Brocken. Und deshalb hoch verdient.“

… über Frankfurts CL-Chancen und Kostic:

„Ich geh jetzt mal davon aus, dass Frankfurt nicht im ersten Jahr seit was weiß ich wie vielen Jahren wieder in der Champions League - wenn überhaupt schon einmal - das Ding direkt gewinnen wird. Aber sie haben es verdammt gut gemacht. Aber bei Frankfurt muss man schon sehen: Kostic, ja oder nein. Das ist schon ein großer Unterschied. Kostic ist ein überragender Fußballer. Würden wir ein anderes System spielen, hätten wir über ihn auch nachgedacht. Ein toller Spieler.“